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Fußball-EM:Weshalb sich die Favoriten so schwer tun

EURO 2016 - Group F Portugal vs Iceland

Hiergeblieben, sagt Aron Gunnarsson (links) zu Cristiano Ronaldo.

(Foto: dpa)

Unangenehm wie Leicester oder Darmstadt: Die "kleinen" Nationen sind bei dieser Fußball-EM mit einem cleveren Spielstil erfolgreich.

Kommentar von Thomas Hummel, Paris

Ob der Fußballtrainer Lars Lagerbäck einmal zusammen mit Claudio Ranieri in einem Café gesessen ist? Und irgendwann mussten alle Salz- und Pfefferstreuer von den anderen Tischen geholt werden, weil die beiden ein Fußballspiel nachstellen wollten? Oder Pavel Vrba und Dirk Schuster? Vielleicht in London, Reykjavik, Prag oder Darmstadt?

Der Profifußball ist mindestens in Europa ein Geschäft ohne Grenzen geworden. Während auf politischer Ebene die EU gerade von vielen Seiten bezweifelt wird, der Brexit dräut, immer mehr Bewegungen für den Nationalismus werben und sich Russland ideologisch zu entfernen scheint, ist das Spiel auf höchster Ebene stark zusammengewachsen.

Man kennt sich, man schätzt sich. Und wenn man sich nicht schätzt, verschweigt man es öffentlich (es sei denn, man heißt José Mourinho). Fliegt ein Trainer irgendwo raus, macht er ein Praktikum bei einem Kollegen, um ja auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Was heute en vogue ist, kann morgen schon überholt sein. Spieler wechseln Vereine und Ligen als handle es sich um den alljährlich zu Weihnachten geschickten Pollunder à la mode. Der 27-jährige Isländer Alfred Finnbogason hatte sich schon in sechs anderen Ländern versucht, bis er zum Liebling des Augsburger Publikums wurde.

Alle Ergebnisse sind knapp

Die Ergebnisse des ersten Spieltags in den Gruppen dieser Europameisterschaft waren allesamt knapp. Nur Deutschland, Italien und Ungarn konnten mit zwei Toren Unterschied gewinnen, wobei der jeweils letzte Treffer erst ganz zum Schluss fiel. Keiner Mannschaft gelangen mehr als zwei Treffer, Abwehrspieler Shkodran Mustafi führt mit 20 anderen die Torschützenliste an. Der deutsche Torschütze sagte auch, woran das liegt: "Jeder kann verteidigen."

Damit zurück zu den Herren Lagerbäck, Vrba, Ranieri und Schuster. Die beiden letztgenannten haben in der vergangenen Saison ihre Klubs zu zwei der größten Überraschungen im europäischen Fußball trainiert. Ranieri wurde mit dem Mittelstand-Klub Leicester City Meister in der englischen Milliarden-Liga, Schuster schaffte mit dem Bundesliga-Armenhaus Darmstadt 98 den Klassenerhalt. Sie schwörten ihre Teams auf einen Stil ein, der aktuell als Role Model dafür dient, wie man gegen höher begabtere Gegner erfolgreich sein kann. Ein guter Torwart, unermüdlicher und disziplinierter Einsatz rund um den eigenen Strafraum in Kombination mit rasanten Konterattacken. Vor allem aber: keine Fehler im Spielaufbau! Am besten überhaupt kein Spielaufbau, sondern risikolose lange Bälle nach vorne. Denn der frühe Ballverlust bei ungeordneter eigener Abwehr ist das größte Risiko des modernen Spiels.

Das gute Recht der Kleinen gegen die Großen

Das ist das Rezept, wie Lagerbäcks Isländer gegen Portugal einen Punkt ergatterten. Wie Vrbas Tschechen gegen Spanien lange ein torloses Remis hielten. So versuchen es die Albaner, die Nordiren und die Ungarn. So erwartet Bundestrainer Joachim Löw die Polen im nächsten Spiel. Das ist sehr unangenehm, erfordert vom Favoriten viel Geduld und ständiges Anrennen.

Das Salz- und Pfeffertreffen der Fußball-Weisen Pep Guardiola und Thomas Tuchel im Münchner Café Schumanns hat zu einer gewissen Legendenbildung beigetragen. Aber auch die Kollegen im Ausland sind nicht mehr bereit, den taktischen Vorsprung der Spanier, Holländer und Deutschen einfach so hinzunehmen. Videoanalysen gehören jetzt zum Fußball wie Aufwärmübungen. Es ist das gute Recht der Kleinen, sich mit allen Mitteln gegen die Großen zu wehren (auch wenn Cristiano Ronaldo etwas anderes behauptet). Hin und wieder können diese Mittel auch in einem großen Turnier zu einer weiten Reise führen.

© Süddeutsche.de/hum/ebc
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