Fußball-EM 2012: Ukraine Uefa sucht Sterne

Hier kein Flughafen, da keine Hotels, dort keine U-Bahn: Alle ukrainischen Bewerberstädte für die EM 2012 haben massive Probleme, die strengen Uefa-Forderungen zu erfüllen.

Von J. Aumüller

Die Eröffnungsshow war pompös und funkelnd, wie es sich eben gehört für ein Stadion, das als erstes in Osteuropa den Fünf-Sterne-Standards der Uefa entspricht und in das unter anderem Rinat Achmetow, der als reichster Mann der Ukraine und sogar als reichster Mann Europas gilt, viele Millionen gesteckt hat. Von einer Show im "olympischen Stil" sprachen die Veranstalter ganz bescheiden, als sie Ende August die Donbass-Arena in Donezk einweihten und als Höhepunkt des Showprogramms unter anderem US-Sängerin Beyonce präsentierten. Am 10. Dezember entscheidet die Uefa, in welchen Städten die EM 2012 stattfindet und welche Spiele wo ausgetragen werden. Und das Signal, das von diesem Abend an die europäische Fußball-Öffentlichkeit ausgehen sollte, war: Seht her, wir Ukrainer schaffen es allen Zweifeln zum Trotz, alles rechtzeitig fertig zu bekommen.

Die Donbass-Arena ist das einzige fertige EM-Stadion in der Ukraine.

(Foto: Foto: Imago)

Wer in den vier geplanten ukrainischen Austragungsorten einen Blick auf die Spielstätten-Situation wirft, kann zu einem leicht euphorischen Fazit kommen. Denn lediglich in Lemberg sieht es schlecht aus. In Donezk aber ist die Donbass-Arena bereits fertig, in Charkow steigt im Dezember die Eröffnungszeremonie des neugebauten Metallist-Stadions und in Kiew, der einzigen bisher von der Uefa bestätigten ukrainischen EM-Stadt, haben die lange ruhenden Bauarbeiten neuen Schwung bekommen.

Das aber ein schickes Stadion nicht alles ist, wissen die ukrainischen EM-Planer spätestens seit Mai 2009. Ausgerechnet Dnjepropetrowsk, das als erste und zu diesem Zeitpunkt einzige Stadt des Landes ein fertiges EM-Stadion vorweisen konnte, strich die Uefa aus der Liste der möglichen Austragungsorte. Ob sie neben Kiew weitere Städte als Ausrichterorte zulässt, hängt nicht nur von den Stadien, sondern auch von der Infrastruktur, von den Flughäfen, den Transportwegen und der Hotelsituation ab. Der Katalog der Uefa-Anforderungen ist streng, die Kandidaten liegen vielfach dahinter zurück.

In allen Städten sind die Flughäfen zu klein. Zwar bauen Donezk und Charkow gerade neue Terminals, doch selbst wenn die Baumaßnahmen rechtzeitig fertig sein sollten, würden die beiden Bewerberstädte an den Uefa-Auflagen vorbeischrammen. Mit Blick auf die Nach-EM-Nutzung der Flughäfen werden die Terminals kleiner ausfallen als es den Anforderungen eigentlich entspricht. Deswegen müssen während des Turniers zusätzlich temporäre Terminals errichtet werden. Auch im innerstädtischen Verkehr liegt einiges im Argen, in Donezk zum Beispiel gaben die Stadtherren vor kurzem bekannt, dass sie es aus finanziellen Gründen nicht schaffen, bis zum EM-Beginn eine Metrolinie zu bauen, die am Stadion oder am Flughafen eine Haltestelle hat.

Besonders nachdenklich muss die Verantwortlichen auch der derzeitige Stand für die Unterkunftsplanung machen. "In den meisten Städten sind bisher nur die Anforderungen für die Drei- und Vier-Sterne-Hotels erfüllt", sagt Olena Hlyvynska, die Leiterin des ukrainischen EM-Informationszentrums auf Anfrage von sueddeutsche.de. "Die Fünf-Sterne-Hotels werden noch gebaut."

Sonderproblem in Kiew

Für Kiew verlangt die Uefa insgesamt 7300 Hotelzimmer (1950 Fünf-Sterne-Zimmer, 4950 Vier-Sterne-Zimmer und 400 Drei-Sterne-Zimmer), für Donezk 2945 (1420/1315/210), für Charkow 2765 (1240/1315/210) und für Lemberg 2545 (1020/1315/210). Je nach Stadt fehlen zwischen einem guten Viertel und der knappen Hälfte der geforderten Hotelzimmer. Kurioserweise ist ausgerechnet das stadion- und flughafentechnisch schlecht ausgestattete Lemberg noch die Stadt mit der besten Hotel-Situation, wie Hlyvynska bestätigt.

Die Landeshauptstadt Kiew hatte auf der Suche nach Bauflächen für neue Unterkünfte noch ein besonderes Problem. Erst im September stoppte Bürgermeister Leonid Tschernowezkij die angeblich schon weit gediehenen Pläne für einen neuen Hotelkomplex in unmittelbarer Nähe der Holocaust-Gedenkstätte Babyn Jar, wo auf Befehl der Nationalsozialisten am 29. und 30. September 1941 fast 34.000 Juden getötet wurden. Jüdische Gemeinschaften hatten mit Demonstrationen gegen das Projekt gedroht, selbst Israels Staatspräsident Schimon Peres appellierte an die Stadtverantwortlichen, die Pläne zu kippen.

Viele Fußball-Fans dürften zudem ziemlich erschrocken sein, als die Agenturen vor einigen Wochen vermeldeten, dass die Ukraine Anhänger aus dem Ausland in Kasernen unterbringen wolle. Das wollte Hlyvynska nicht bestätigen, aber weil es als sicher gilt, dass die Städte nicht für genügend Hotelzimmer sorgen können, müssen sich die Fans auf Nächte in umgebauten ehemaligen Schulen und Hostels sowie in Pensionen und kleinen Hotels in Nicht-EM-Städten einrichten. Man werde aber die Uefa-Vorgabe, nach der die Anreisezeit zwei Stunden nicht überschreiten darf, beachten, erklärte Hlyvynska. Wie ungewiss die Unterbringung der Fans ist, illustriert dieses Beispiel: Die zwischenzeitlich als Ersatzkandidat vorgesehene, mittlerweile aber von der Uefa ebenfalls aus der Bewerberliste gestrichene Schwarzmeer-Stadt Odessa hatte Pläne, für die Zeit der EM Kreuzfahrtschiffe anzumieten und die Fans so in schwimmenden Hotels am Hafen unterzubringen.

Kiew als Endspielort?

Bis zum 30. November haben die Bewerberstädte Zeit, Fortschritte zu machen. Dann will die Uefa Stadien und Flughäfen, Transportwege und Hotels endgültig bewerten. "Die Städte müssen alle Bedingungen erfüllen", heißt es von Seiten der Uefa. Am 10. Dezember verkündet das Exekutivkomitee des Verbandes bei seiner Sitzung in Portugal erstens, ob Kiew wie geplant das Endspiel austragen darf oder zum Gruppenspielort degradiert wird, und zweitens, welche anderen ukrainischen Städte als Ausrichterorte in Frage kommen.

Sollten Donezk, Charkow und Lemberg die Anforderungen nicht erfüllen, käme nach Angaben der Uefa die Stadt zum Zuge, die am ehesten die Anforderungen erfüllt. Für diesen Fall ist aber noch unklar, ob es zu einer Spielstättenverteilung nach dem Schema "4+2" (vier polnische plus zwei ukrainische Austragungsorte) kommt oder zu einer Spielstättenverteilung nach dem Schema "6+2", worauf die polnischen Verantwortlichen hoffen.

Rückblick

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