Süddeutsche Zeitung

Toni Kroos bei der EM:Zweifel am König des Passspiels

Toni Kroos ist ein Fußballer, dessen Spiel nicht alle verstehen, aber so umstritten wie jetzt war er noch nie. Vor drei Jahren konterte er eine ähnliche Majestätsbeleidigung mit einer großen Pointe. Und diesmal?

Von Philipp Selldorf

Als Manuel Neuer kürzlich erklärte, er habe nicht vor, die Karriere in der Nationalmannschaft nach dem Turnier aufzugeben, blieb die öffentliche Resonanz gering. Hätte er seinen Rücktritt angekündigt, wäre das eine große Sache und ein Anlass für Sondersendungen mit zugeschalteten Korrespondenten aus Europas Fußballhauptstädten gewesen. Aber so? Neuer ist schon 35 Jahre alt, doch er gilt als zeitlose Erscheinung. Man traut ihm zu, das Jubiläum zu 100 Jahren WM in neun Jahren nicht als TV-Experte, sondern als Stammtorwart zu erleben.

Toni Kroos hat sich über seine Perspektive als Nationalspieler noch nicht geäußert. Ihm nahestehende Menschen sagen, sie wüssten nicht, was er plant. Hätte die EM wie vorgesehen im vorigen Sommer stattgefunden, wäre er anschließend wohl zurückgetreten, so heißt es, jetzt aber könnte ihn die Aussicht auf die höchst ominöse, aber unvermeidliche Weltmeisterschaft in Katar verführen, die bereits in 17 Monaten am 21. November 2022 eröffnet wird. Die Frage ist allerdings, ob so ein Bleibe-Beschluss wie bei Neuer allgemein willkommen geheißen würde. Die Antwort ist wohl ein eindeutig zwiespältiges Jein wie früher bei Robert Lembke im "Heiteren Beruferaten".

Die Zweifel, die im Publikum an seinem Spiel bestehen, waren schon vor dem Spiel gegen Frankreich ein Thema. Darüber hat er sich vernehmlich geärgert. Ihm wurde vorgehalten, er lasse im Mittelfeld Einsatz und Härte vermissen, was ihm nach seinem kämpferischen Auftritt vorerst allerdings keiner mehr vorwirft. Dafür erregt es jetzt Misstrauen, dass er sich mutwillig in einen gewöhnlichen Fleißarbeiter verwandelt hat: Schlechtes Zeichen, wenn ein Superfußballer wie er so was nötig habe, sagen wichtige Leute aus dem Fußballgeschäft, die Kroos nicht nur gut kennen, sondern angeblich auch von Herzen liebhaben - die nun aber meinen, dass der König des Passspiels besser abdanken sollte. Dessen Ansehen leidet ohnehin seit jeher darunter, dass sein erhabenes Fußballspiel für viele Zuschauer nicht zu erkennen ist. Wenn Kroos dann umso selbstbewusster zu hören ist, wie nach dem 0:1 gegen Frankreich, als er quasi bedingungslos den deutschen und den eigenen Auftritt lobte, herrscht Verwunderung. Woher nimmt er diesen Anspruch?

Es muss ja nicht gleich Kevin De Bruyne der Maßstab sein

Die Frage, ob Kroos gegen Portugal wieder mitspielen sollte, wird selbst von dessen Sympathisanten nicht eindeutig bejaht. Sein Einsatz ist weiterhin sehr wahrscheinlich, aber auch nicht mehr selbstverständlich wie in den Jahren zuvor. Nebenbei kommen ihm die Umstände zugute: Für Leon Goretzka käme ein Startelf-Einsatz zu früh. Kroos wird jedoch Besonderes leisten müssen, damit ihn der Münchner Kollege nicht verdrängt und die Skeptiker sich beruhigen. Die am vorigen Dienstag erwiesene Bereitschaft zum Zurücklaufen und zur Grätsche wird dazu nicht reichen.

Man verlangt, und das keineswegs zu Unrecht, beides von Toni Kroos: aufopfernde Unterstützung der Mitspieler und glanzvollen Fußball - Spielbeschleunigung und nachweisbaren Einfluss auf die Offensive inbegriffen. Das normale Repertoire eines Spitzenspielers also, es muss ja nicht gleich Kevin De Bruyne der Maßstab sein. Ein Toni Kroos allerdings, der erst mal durch ein Wendemanöver Richtung eigener Torwart den Ball sichert, bevor er ihn anmutig, aber ohne Raumgewinn zum Nebenmann leitet, der gerät notwendigerweise unter Altstar-Verdacht.

Letzteres gehört zum Lauf des Lebens, wenn einer schon elf Jahre der Nationalelf angehört - mit einem Einsatz gegen Portugal würde er Franz Beckenbauer (103 Länderspiele) überholen. Kroos' aktuelle Situation ähnelt einerseits der seines früheren Mitspielers Bastian Schweinsteiger bei der EM vor fünf Jahren und hat andererseits Parallelen zur Lage des Bundestrainers, der ihn zurzeit in Herzogenaurach instruiert. 2016 in Frankreich war Schweinsteiger zunächst nur ein alter, am Ende aber auch ein tragischer Held, der - wie hinterher alle wussten - seinen Rücktritt schon früher hätte einreichen müssen. Zu dem Spieler, der Probleme mit der Selbsteinschätzung hat, kam der Coach, der an den Tatsachen vorbeischaute. Unbeirrt, womöglich aber auch nur gewohnheitsmäßig hielt Jogi Löw an Schweinsteiger fest. Dem Unternehmen Titelgewinn war die Loyalität nicht dienlich.

Die gleiche Loyalität lässt Löw nun Kroos zuteilwerden. Ob es später auch in diesem Fall heißen wird, die spezielle Geltung des alten Helden beim Trainer habe der Expedition geschadet, das muss man abwarten, doch sollte das Spiel gegen Portugal und womöglich das ganze Manöver "EM 21" schiefgehen, wird Löws Vertrauen in Kroos ein Thema werden, das ist sicher. Zumal da es sich um einen Bundestrainer handelt, von dem man auch noch nicht endgültig weiß, was ihn am meisten bewegt: Hat ihn der angekündigte Rückzug ins Privatleben befreit, wie er es durch Gesten und Worte signalisiert, und wie es sein Umfeld versichert? Oder lässt ihn der in Aussicht stehende Ruhestand noch etwas gemütlicher in sich ruhen?

Für Löw und für Kroos hat das Treffen mit Portugal somit besondere Wichtigkeit, kurzfristig geht es um den dringend nötigen sportlichen Erfolg, darüber hinaus um das Alterswerk respektive Renommee zweier Künstler, wobei manche Leute Löw eher für einen Lebenskünstler halten, den der DFB großzügig unterstützt. Vor drei Jahren war die Ausgangslage ähnlich: Jogi Löw musste nach dem verlorenen Auftaktspiel gegen Mexiko das Weiterkommen sichern, Toni Kroos Missmut im Kollegenkreis dämpfen. Dort hatte man ihm vorgeworfen, dass er während der schnellen mexikanischen Gegenstöße regelmäßig stehen geblieben war. Im Spiel gegen Schweden antwortete er angemessen, indem er im letzten Moment das Siegtor schoss.

Auch am Samstagabend in München wäre so ein Treffer eine gute Pointe. Für den selbstbewussten, inzwischen aber doch etwas ungewissen Toni Kroos - und für die Fußball-Freunde, die ihn wegen seiner Meisterschaft achten und ehren oder sogar von Herzen lieben.

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