Halbfinale der EM 2021:Spaniens Stärke aus der Peripherie

Halbfinale der EM 2021: Luis Enrique hat Spanien ins Halbfinale geführt - gelingt ihm und seinem Team noch mehr?

Luis Enrique hat Spanien ins Halbfinale geführt - gelingt ihm und seinem Team noch mehr?

(Foto: Dmitri Lovetsky/AP)

Trainer Luis Enrique setzt bei der EM vor allem auf Fußballer von den oft vernachlässigten Rändern des Landes. Das kommt in Madrid nicht gut an - doch der Erfolg gibt ihm vor dem Halbfinale recht.

Von Javier Cáceres, London

Die Party im Wiener Praterstadion hatte längst Fahrt aufgenommen, da kam Spaniens früherer Konditionstrainer Jesús Paredes aus der Kabine, bewaffnet mit einer Flasche Cava, wie der katalanische Schaumwein heißt. Spanien hatte soeben durch ein Tor von Fernando Torres gegen die Mannschaft von Joachim Löw seinen ersten EM-Titel nach 1964 gewonnen, durch ein 1:0 im Finale gegen Deutschland beim Turnier 2008.

Paredes schritt die Mixed Zone ab - der Bereich, in dem sich Journalisten und Aktive begegneten - und spielte eine Art Gänseblümchen-Orakel: "Mit dir stoße ich nicht an ..., mit dir schon. Mit dir stoße ich nicht an ..., mit dir schon ...", sagte er ziemlich wortgetreu, mit leichten Variationen: "Dich kenne ich nicht, mit dir stoße ich an!" Es war seine ganz private Art abzurechnen mit den Reportern, je nachdem, wie sie berichtet hatten. Am Ende einer triumphalen Reise, die für seinen Chef Luis Aragonés ein Kreuzweg gewesen war.

Es gibt nicht wenige Spanier, die sich aktuell an jene Zeit unter dem mittlerweile verstorbenen Meistertrainer Aragonés erinnern. Nicht etwa, weil der heutige Nationalcoach, Luis Enrique Martínez García, den gleichen Vornamen trägt wie die Legende von Atlético Madrid, und auch nicht, weil man den Titel für ausgemachte Sache hält. Am Dienstag wartet in Wembley das mächtige Italien. Sondern weil beide der Blasphemie bezichtigt wurden. Luis Aragonés, weil er nach der WM 2006 auf den symbolträchtigsten Spieler von Real Madrid verzichtet hatte, auf den späteren Schalke-Profi Raúl González Blanco. Und Luis Enrique, weil er vor der laufenden EM einen Kader zusammengestellt hatte, der ganz ohne Spieler vom spanischen Rekordmeister auskam. Und das war in der Hauptstadt ein Schock, derlei hatte man in der Geschichte nie gesehen.

Umso bemerkenswerter ist der Schwenk, den manche Medien gerade vollziehen. "Die Zukunft gehört uns", gellte am Sonntag die Zeitung As, und Marca lobte, dass diese Auswahl eigentlich "Luis Enrique FC" heißen müsse, weil es ein klar identifizierbares Team nach dem Abbild des Trainers sei. Wie ein Sieg doch alles ändern kann.

Der Verzicht auf Sergio Ramos bedeutete eine Neujustierung der eingeschliffenen Hackordnung

Noch am Freitag, ehe die Spanier in Sankt Petersburg die Schweizer mit 3:1 im Elfmeterschießen besiegten, war Enrique im Radiosender Marcas als der "schlechteste Nationaltrainer der Geschichte" des Königreichs gebrandmarkt worden; ein prominenter TV-Anchorman, der mit Reals Klubpräsident Florentino Pérez bestens verbandelt ist, fragte pikiert, ob man Enrique jetzt etwa dankbar sein sollte, nachdem ihm der jüngste Erfolg der Auswahl unter die Nase gerieben worden war.

Nun muss man in Madrid ertragen, dass in Thibaut Courtois der letzte Real-Profi heim musste. Und die selección? "Diese muchachos stehen im Halbfinale, obwohl ein Teil des journalistischen Deep States versucht hatte, ihnen Voodoo angedeihen zu lassen", schrieb die in Barcelona ansässige La Vanguardia; die ebenfalls im widerborstigen Katalonien beheimatete Sport feierte Ex-Barça-Trainer Enrique als "Crack".

Das Lob ist Enrique in etwa so wichtig wie die Kritik aus Madrid - eine Stadt, die er gut kennt. Er spielte einst (so wie einst auch Aragonés) in jungen Jahren bei Real Madrid und ging dann zum Erzrivalen FC Barcelona. Enrique, der aus dem nordspanischen Asturien stammt, weiß zu gut, dass man sich in Madrid gern für den Nabel der Halbinsel hält, wenn nicht gar der Welt. Auf der Puerta del Sol, dem zentralen Platz der Hauptstadt, ist ein Stein eingelassen, der den "Kilometer null" markiert, den Ausgangspunkt des radialen Fernstraßensystems, das an die oft vernachlässigte Peripherie des Landes führt. Ebendiese Peripherie hat Enrique - noch extremer als einst Aragonés - zur Stärke seiner Auswahl erhoben. Seine Spieler kommen aus Villarreal, Bilbao, San Sebastián, Barcelona, oder aus der Emigration, von Vereinen wie Chelsea, Manchester City oder - wie Dani Olmo - aus Leipzig.

Halbfinale der EM 2021: Emsig, aber weitgehend glücklos und viel kritisiert: Mittelstürmer Álvaro Morata ist von seinem Nationaltrainer Luis Enrique verteidigt worden - und beendete die Diskussionen um seine Person dann mit seinen Leistungen.

Emsig, aber weitgehend glücklos und viel kritisiert: Mittelstürmer Álvaro Morata ist von seinem Nationaltrainer Luis Enrique verteidigt worden - und beendete die Diskussionen um seine Person dann mit seinen Leistungen.

(Foto: Kirill Kudryavtsev/AFP)

Der Verzicht auf Sergio Ramos bedeutete wie einst die Ausbootung Raúls eine Neujustierung der eingeschliffenen Hackordnung. Enrique holte vornehmlich formbare Nachwuchskräfte. Gegen die Schweiz bot er in der ersten Elf sechs Spieler auf, die keine 20 Länderspiele beisammen haben. Das Gruppengefühl stärkte er nicht nur durch flache Hierarchien, sondern auch dadurch, dass er sein Mantra von 24 Stammspielern tatsächlich lebte: Bis auf die beiden Ersatztorhüter und Diego Llorente (Leeds United) sind schon alle Kaderspieler eingesetzt worden.

Und Enrique stellte sich vor die Spieler, über die am meisten diskutiert wurde: den emsigen, aber weitgehend glücklosen Mittelstürmer Álvaro Morata, sowie Torwart Unai Simón (Athletic Bilbao), der im Elfmeterschießen zum Helden wurde. Unruhe gab es nur durch externe Faktoren, und derer gab es viele. Angefangen mit dem positiven Corona-Fall von Sergio Busquets über den schlimmen Rasen in Sevilla oder das Eigentor von Torwart Simón gegen Kroatien. "Es gibt nichts, was uns nicht passiert wäre", sagte Enrique. Aber seine Mannschaft ist daran gewachsen, auch dank einer klaren Spielidee.

"Lucho hatte nicht einen Zweifel, dass er das Richtige tut", sagt einer seiner engsten Mitarbeiter über den Chefcoach. Er wähnt sich nicht am Ende eines Ziels.

Die anfänglichen Klagen über mangelnde Torgefahr wurden erstickt, und dem tut kein Abbruch, dass der Torschützenkönig der Spanier aktuell "Guiri" heißt; so werden abschätzig ausländische Touristen genannt. Spanien profitierte bereits von drei Eigentoren. Kein Zufall, sondern ein Indiz für das Chaos, das die Spanier bei ihren Rivalen anzurichten imstande sind.

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