Fußball-EM:Schottland taucht auf und geht unter

Fußball EM - Schottland - Tschechien

Siegerpose: Leverkusens Patrik Schick, Doppel-Torschütze für Tschechien gegen Schottland.

(Foto: Stu Forster/dpa)

Tschechien zerstört Schottlands Hoffnung auf einen gelungenen EM-Start nach zehn verpassten Turnieren - Patrik Schick sorgt mit einem Tor aus 45 Metern für Staunen.

Von Sven Haist, Glasgow

Der Ball stieg an der Mittellinie auf und flog eine gefühlte Ewigkeit durch die Luft aufs leere Tor zu, als Schottland realisierte, dass der Traumschuss des Tschechen Patrik Schick zum eigenen Albtraum werden würde. Betretenes Schweigen setzte nach dem Treffer ein bei den fast ausnahmslos schottischen Fans im Hampden Park. Die gespenstische Stille erinnerte an einen Friedhof - auf dem die schottische Hoffnung begraben wurde, sich mit einem Auftakterfolg bei der EM nach zehn verpassten Turnieren in Serie zurückzumelden.

Dank eines feinen Doppelpacks durch Schick hat Tschechien mit 2:0 (1:0) gegen Schottland am ersten Spieltag der Gruppe D gewonnen. Im Anschluss an einen unzureichend geklärten Eckball traf der bei Bayer Leverkusen unter Vertrag stehende Angreifer per Kopf kurz vor Ende der ersten Halbzeit. Zu Beginn der zweiten Halbzeit überlupfte Schick dann bei einem Konter den zu weit vor dem eigenen Tor stehenden Schlussmann David Marshall. "Ich hatte diese Idee schon in der ersten Halbzeit. Als der Ball kam, habe ich gesehen, dass der Torwart zu weit vorne steht, und es einfach versucht", sagte Schick in der BBC über den Traumtreffer.

Fußball-EM: Sprint, Sprung - Landung im Netz: Schottlands Keeper David Marshall versucht vergeblich, den 45-Meter-Schuss von Patrik Schick einzufangen.

Sprint, Sprung - Landung im Netz: Schottlands Keeper David Marshall versucht vergeblich, den 45-Meter-Schuss von Patrik Schick einzufangen.

(Foto: Andy Buchanan/AP)

Erwartungsgemäß hatte sich im stürmischen, nasskalten Glasgow eine nervöse, hart umkämpfte Partie auf überschaubarem Niveau entwickelt. Die Schotten waren dem Anlass allerdings kaum gewachsen. Am Spieltag titelte die Times: "Ergreift den Augenblick!" Doch die Vorfreude und der Tatendrang des Teams um Nationaltrainer Steve Clarke ging zunächst über in Nervosität - und dann in Panik nach den vielen leichtfertig vergebenen Chancen. Trotz aller Unterstützung gelang es auch den 12 000 Zuschauern nicht, die eigene Mannschaft nochmals in die Partie zurückzuholen.

Die Bürde der Geschichte schien die Schotten zu hemmen - jedes Tor wäre eines für die Ewigkeit gewesen

Schon beim Abspielen der Nationalhymne - "Flower of Scotland" - erwachte der Hampden Park zu seiner alten, furchteinflößenden Größe. Der Lärmpegel ließ vermuten, dass das Stadion doch vollständig gefüllt war und nicht, wie vorgeschrieben, nur zu einem Viertel. Die schottischen Spieler konnten anfangs also gar nicht anders, als sofort in die Offensive zu gehen. Bei jedem Zweikampf sprang das Publikum zur Seite, in der 18. Minute entwickelte sich ein typisch schottischer Angriff. Schnörkellos ging es über Kapitän Andrew Robertson nach vorne, seine Flanke erreichte Lyndon Dykes, der den Ball jedoch aus kurzer Distanz versemmelte. Ähnlich erging es seinen Mitspielern John McGinn und Ryan Christie, die ebenfalls passable Chancen ausließen. Die beste Gelegenheit vergab Robertson nach einer halben Stunde, als er freistehend im Strafraum seinen Schuss nicht präzise genug ansetzte. Die Bürde der Geschichte schien die Schotten zu hemmen - jedes Tor wäre eines für die Ewigkeit gewesen, zumindest so lange, bis wieder ein Schotte bei einem großen Turnier einen Treffer erzielt hätte. Zuletzt war das einem gewissen Craig Burley gelungen bei der WM 1998. Seitdem hatte sich Schottland ja nicht mehr für eine Endrunde qualifiziert.

Was genau man in diesen vergangenen 23 Jahren verpasst hat, deutete sich erstmals vor Anpfiff an, als die Schotten ihren Folk Song "The Bonnie Banks of Loch Lomond" schmetterten, ein wirklich bezauberndes Volkslied. Als die Stadionregie nach zwei Minuten zum nächsten Programmpunkt überging, hagelte es für die Entscheidung ein Pfeifkonzert. Der Ton war damit gesetzt für das historische erste Endrundenspiel in der 118 Jahre langen Historie des Hampden Parks, einem Nationalstadion ursprünglichen Stils, das mit seinen begrenzten Annehmlichkeiten aus der Zeit gefallen zu sein scheint, aber genau deshalb nach wie vor zu den Prachtstücken im europäischen Fußball gehört. Unter der Schlagzeile "When Hampden roared", als die Fans sich im Hampden also die Kehle aus dem Hals gebrüllt haben, listete die Times am Spieltag die lautesten Erlebnisse in diesem Stadion auf. Dazu gehörte unter anderem das WM-Qualifikationsspiel 2017, bei dem der Schotte Leigh Griffiths zwei sensationelle Freistoßstore gegen England in der Schlussphase produzierte. Nur der Ausgleich in der Nachspielzeit verhinderte damals Schottlands ersten Erfolg über England seit 1999.

Die Fans leben die Partie mit wie an kaum einem anderen Ort, fast ausnahmslos im Stehen

Für ähnliche Kabinettstücke taugte das Auftaktspiel der Schotten nicht. Die Auseinandersetzung mit den Tschechen war weniger ein Spiel für die Augen als für die Ohren. Die Eigenheit eines Länderspiels in Glasgow besteht darin, dass Schottland einen Trainer quasi nicht benötigt, weil die Zuschauer die Spieler sowieso in jeder Situation anleiten. Die Fans leben die Partie mit wie an kaum einem anderen Ort, fast ausnahmslos im Stehen und meistens mit einem feinen Gespür für das richtige Verhalten. Nach dem Doppelschlag durch Schick (42./52.) peitschten die Leute das eigene Team weiter nach vorne. Fast minütlich kamen die Schotten zu klaren Torchancen. Nacheinander scheiterten mehrere Spieler am glänzenden tschechischen Torwart Tomas Vaclik; fast hätte ein Eigentor von Abwehrrecke Tomáš Kalas zum 1:1 geführt. Doch nicht mal der Wind stand auf Seiten der Schotten, als Vaclik den in der Luft fast stehenden Ball gerade noch vor der Linie abwehren konnte. Selbst aus ein paar Metern brachte abermals Angreifer Dykes den Ball nicht im Tor unter, ähnlich erging es dem eingewechselten James Forrest.

Durch die Niederlage steht Schottland am Freitag im Duell mit dem "Auld Enemy", dem alten Widersacher England, massiv unter Zugzwang, wenn es erstmals bei einem Turnier über die Vorrunde hinausgehen soll. Sonst wäre das lange Warten auf die EM fast umsonst gewesen.

© SZ/sjo/lib/bkl
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