Süddeutsche Zeitung

Sankt Petersburg:Scharfe Regeln in den Weißen Nächten

Statt der Fußballbegeisterung steigt in Sankt Petersburg die Zahl der Corona-Infizierten. Die Behörden verstärken die Restriktionen - aber erst nach dem nächsten Spiel der russischen Elf.

Von Sebastian Fischer, Sankt Petersburg

Überall, wo in Sankt Petersburg in diesen Tagen die Menschen zum Fußballschauen zusammenkommen, sind auch die Volunteers der Uefa da. Sie sind nicht zu übersehen, denn sie tragen türkise Hosen, türkise T-Shirts und türkise Kappen. Manche von ihnen sind auch nicht zu überhören, wenn sie mit Megafonen immer wieder auf die Maskenpflicht oder die Abstandsregeln aufmerksam machen, vor dem Stadion und in der Innenstadt, und auf der Fan-Meile im Schatten der Auferstehungskirche. Doch wirklich beachtet werden ihre Anweisungen kaum. Jedenfalls bislang.

Am Sonntagabend, während die Ukraine 2:3 gegen die Niederlande unterlag, war die Fan-Zone zwar nicht so voll wie tags zuvor, als die Russen ihr Auftaktspiel gegen Belgien verloren. Aber ein paar Hundert Fans waren doch da. Sie trugen zwar keine Ukraine-Trikots, an deren Gestaltung sich vor EM-Start einmal mehr der Konflikt mit Russland gezeigt hatte.

Doch sie gaben sich mit lautem Jubel zu erkennen, als sie auf insgesamt drei Großleinwänden sahen, wie dem Außenseiter zwischenzeitlich der Ausgleich gelang. Sie riefen, sie tranken, manche lagen sich in den Armen. Aber solche Szenen, die nach Fußballfest statt Pandemie aussehen, dürfte es in Russland fortan wohl etwas seltener geben. So lautet jedenfalls die Vorgabe der Behörden. Denn die Infektionszahlen im Land steigen wieder.

In Sankt Petersburg haben nicht nur Bars und Restaurants geöffnet, sondern auch Nachtclubs

Die Stadtverwaltung in Sankt Petersburg teilte am Montag mit, dass Massenevents mit mehr als 3000 Menschen Beteiligung verboten werden. Zu große Ansammlungen sollen ausbleiben, wohl auch beim nächsten Spiel der Russen am Mittwoch gegen Finnland - wobei die neuen Einschränkungen, wie der Verkauf von Essen auf den Fan-Meilen, erst von Donnerstag an gelten sollen, nach Russlands letztem Heimspiel. Restaurants müssen von 2 bis 6 Uhr schließen, was durchaus erwähnenswert ist in einer Stadt, die für ihre Weißen Nächte im Sommer berühmt ist. Auch in der Hauptstadt Moskau schließen die Restaurants nun in der Nacht, und der Bürgermeister ordnete arbeitsfreie Tage bis zum nächsten Wochenende an.

Wer in den vergangenen Tagen zu Beginn der EM in der Innenstadt Sankt Petersburgs unterwegs war, mit sechs Gruppenspielen so etwas wie der Mittelpunkt der Vorrunde des Turniers, der konnte den etwas befremdlichen Eindruck gewinnen, die Pandemie sei ein Ding der Vergangenheit. Es haben nicht nur Bars und Restaurants geöffnet, sondern auch Nachtclubs. Und selbst in der Metro trägt trotz anderslautender Anweisung kaum jemand eine Maske, genauso wenig im Supermarkt. Beim Einkaufen kann es sogar vorkommen, dass man als Maskenträger ausdrücklich darauf hingewiesen wird, das Maskentragen sei unnötig. Den neuen Regeln zufolge gilt auch bei öffentlichen Events im Freien wieder eine Maskenpflicht.

In Moskau war die Zahl der Neuinfektionen am Samstag mit 6701 Fällen so hoch wie seit Ende 2020 nicht mehr. Die Zahlen für Sankt Petersburg sind weitaus niedriger, knapp 1000 Neuinfektionen täglich gibt es aktuell. Das Robert-Koch-Institut stuft Russland nicht als Hochinzidenzgebiet ein. Doch mit Zahlen zum Coronavirus ist es in Russland so eine Sache. Zum einen sind sie durchaus umstritten, da sehr wenig getestet wird. Zum anderen ist von Inzidenzen kaum die Rede, genauso wenig wie von anderen in Europa präsenten Themen wie dem Umgang mit Virusvarianten.

Die Impfkampagne im Land hat ebenfalls nicht so recht an Tempo aufgenommen. Und die offizielle Zahl der Corona-Toten, rund 126 000, gilt als wohlwollend interpretiert, im Sinne des vom russischen Machtapparat stets mit Eigenlob versehenen Pandemie-Managements. Die Zahl der Patienten in den Krankenhäusern steigt jedenfalls wieder an, so mancher Mitarbeiter sorgt sich gegenüber russischen Medien schon, ob es ausreichend Kapazitäten gibt.

Vor dem Spiel der Russen gegen Belgien am Samstag sind die Straßen voll, Musiker spielen

Auch die neuen Maßnahmen wirken nun nach westlichen Maßstäben nicht besonders streng. In Russland sind sie jedoch die größten Einschränkungen seit einem äußerst strikten Lockdown samt rund zweimonatiger Ausgangssperre im Frühjahr des vergangenen Jahres. Und es ist nun natürlich die Frage, wie sich die veränderte Corona-Lage damit verträgt, dass weiterhin ein Sportfest in Sankt Petersburg stattfindet, wo es auch mehr als an vielen der anderen zehn EM-Austragungsorte nach einer Feier aussehen soll. Es gibt nicht nur eine, sondern mehrere Fan-Zonen. Vor dem Spiel der Russen gegen Belgien am Samstag waren die Straßen voll, Musiker spielten, Schals wurden verkauft, und im Stadion sahen das Spiel dann knapp mehr als 26 000 Menschen, etwas weniger als die Hälfte des Fassungsvermögens, das ohne Einschränkungen möglich wäre. Russlands EM-Organisationschef Alexej Sorokin hatte sich sogar eine Auslastung von 75 Prozent gewünscht.

Die Fans im Stadion gegen Belgien hatten dann nicht nur mit positiver Stimmung auf sich aufmerksam gemacht. Viele buhten und pfiffen, als die belgische Mannschaft und die Schiedsrichter als Zeichen gegen Rassismus zum Anpfiff niederknieten, die Russen standen. Aber es gab auch La Ola und "Ros-si-ja"-Anfeuerungsrufe, in einer Ecke jubelte eine beachtliche Menge an Fans aus Belgien. Es war zu diesem Zeitpunkt am Samstag wohl das bedeutende Fußballspiel mit den meisten Fans seit Ausbruch der Pandemie.

Es war allerdings schon ein Spiel unter Corona-Einfluss. Andrej Mostowoi, ein russischer Ergänzungsspieler, war nicht dabei. Er war positiv getestet worden.

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