EM-Kolumne „Li La Land“:Das albanische Modell

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Die Fußballer sind schon da, die albanischen Abgeordneten werden demnächst erwartet – mit dem Auto. (Foto: Henning Kaiser/dpa)

Um in Deutschland Fußballspiele gucken zu können, macht das Parlament in Tirana erst mal Pause. Ein Vorgehen, das in der internationalen Politik nicht einzigartig ist – nur im Bundestag sträubt man sich noch gegen das Unvermeidliche.

Glosse von Felix Haselsteiner

Man darf an dieser Stelle den Abgeordneten des albanischen Parlaments zu ihrer Reiseplanung gratulieren. Die Fußball-EM in Deutschland findet mit dem Ziel statt, einen historisch niedrigen CO₂-Fußabdruck vorweisen zu können, weshalb die Teams zahlreicher Länder nicht nur auf grünem Rasen spielen, sondern auch grün reisen. Die Schweizer etwa werden von ihrem Quartier in Stuttgart aus mit dem ICE an ihre Spielorte fahren und hoffen laut Teammanager Pierluigi Tami, „dass die Deutsche Bahn bei dieser EM ihre beste Leistung zeigt“. Doch diese liebenswürdige Naivität entlockt nicht nur deutschen Berufspendlern ein frustriert-hysterisches Lachen, sondern offenbar auch Politikern in Albaniens Hauptstadt Tirana.

Die albanischen Politiker jedenfalls werden ihre Reise mit dem Auto absolvieren – nach Deutschland und innerhalb Deutschlands. Und nicht etwa auf einem Schienennetz, das in weiten Teilen zu einer Zeit verlegt wurde, als Enver Hoxha in Albanien noch eine sozialistische Regierung anführte.

Einem Bericht des Magazins Pamfleti zufolge wurde für die Dauer der EM-Gruppenphase kurzum die politische Handlungsfähigkeit des Landes eingeschränkt: Damit die Abgeordneten ihre 24-stündige Autoreise rechtzeitig beginnen können, wurden die Sitzungen vom Donnerstag auf den Mittwoch vorverlegt oder gleich abgesagt. Auch in der kommenden Woche wird es keine Plenarsitzungen geben, weil die Fußballfans unter den Politikern gerne auch die Gruppenspiele Albaniens gegen Italien und Kroatien verfolgen möchten.

Macron hat das Parlament aufgelöst – in Wahrheit natürlich wegen des Fußballs

Ein Vorgehen, das in der internationalen Politik aber nicht einzigartig ist. In Großbritannien etwa herrscht angesichts der für den 4. Juli angesetzten Wahl derzeit eine politische Pause, die sich hervorragend zum Besuch von Pubs während England- und Schottland-Spielen eignet – oder für Reisen nach Deutschland. Dasselbe gilt für Frankreich, wo Präsident Emmanuel Macron unter dem Vorwand eines enttäuschenden Ergebnisses bei der Europawahl sein Parlament aufgelöst hat. In Wahrheit ist das natürlich ein Politikstil, der sich einfach nur radikal am Zeitplan des Fußballs orientiert.

Im Bundestag sträubt man sich noch gegen das Unvermeidliche. In der aktuellen Sitzungswoche etwa wurde zur Technologieoffenheit beim Verbrennungsmotor beraten; ob autofahrende albanische Parlamentarier Gegenstand der Debatte waren, war nicht zu eruieren. Die elfte Sitzungswoche ab dem 24. Juni ist ebenfalls ohne Einschränkungen geplant, was auch dem deutschen Pessimismus geschuldet sein kann: Die DFB-Elf bestreitet am 23. Juni ihr drittes Gruppenspiel.

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