Fußball-EM ohne Spiel um Platz drei Verlierer will niemand spielen sehen

Wird Deutschland am Samstag schon wieder Dritter? Keine Sorge. Kann nicht passieren. Löws Team fährt nach Hause, ein "kleines Finale" gibt es nicht. Das gilt ja auch nur als Trostpreis. Doch für 2016 hält sich die Uefa ein Hintertürchen offen.

Von Matthias Huber

Haben Sie schon Pläne für Samstagabend? Oder haben Sie gezögert, falls Deutschland im Halbfinale verliert, um dann wenigstens das "kleine Finale" um Platz drei anschauen zu können? Falls das so ist, dann steht Ihnen nun nach dem deutschen Halbfinal-Aus noch eine zweite Enttäuschung bevor: Im Gegensatz zur Fußball-Weltmeisterschaft gibt es bei einer Europameisterschaft kein Spiel um Platz drei.

Da kann man gar nicht hinschauen - muss man jetzt aber auch nicht mehr. Die EM ist für die deutsche Nationalmannschaft gelaufen, das Spiel um Platz 3 bleibt Fußballern und Fans erspart.

(Foto: Getty Images)

Trotzdem scheint das Gefühl nicht ausgerottet zu sein, dass es das geben müsste. Und zwar am Tag vor dem eigentlichen Finale. Dabei gibt es das "kleine Finale" bei einer EM schon seit Jahrzehnten nicht mehr : Vor 32 Jahren wurde zuletzt bei einer EM ein dritter Platz ausgespielt, 1980 gewann die Tschechoslowakei mit 9:8 nach Elfmeterschießen gegen Italien - und Deutschland wurde Europameister. An den Trostpreisträger erinnert sich heute außer der Wikipedia kaum noch jemand, nur der Titelgewinn hat Bestand. Seitdem hat die Uefa beschlossen, auf den Kampf um die berüchtigte "goldene Ananas" zu verzichten.

Und sind wir einmal ehrlich: Spätestens seit Donnerstagabend ist das auch gut so. Verlierer will schließlich niemand sehen. Das Publikums- und Medieninteresse an Platz drei sei zu gering, urteilte auch die Uefa. Selbst, als 1996 das Turnier von acht auf 16 teilnehmende Mannschaften aufgestockt wurde, kehrte das Spiel um Platz drei nicht zurück.

Ehrenmedaille in Bronze?

So ist das eben in Sportarten, in denen sich die Kontrahenten direkt miteinander messen. Der zweitbeste Diskuswerfer hat immer noch weiter geworfen als fast alle anderen. Er ist zweiter Sieger, sein Silber fühlt sich nicht wie ein Trostpreis an, und die Teilnahme war erfolgreich. Ein Fußballer dagegen, der es nicht zum Titel schafft, hat zuletzt vor allem eines: verloren. Da kann man höchstens noch Meister der Herzen werden. Aber eine Ehrenmedaille in Bronze? Irgendwie lächerlich.

Sicher, es mag so manch gescheitertem "Sommermärchen" ein versöhnliches Ende geben, wenn sich die deutschen Spieler am Ende eines respektablen Turniers wenigstens irgendein Metallteil um den Hals hängen dürfen. Selbst Torwart-Titan Oliver Kahn konnte auf diesem Weg doch noch aktiv an der WM 2006 teilnehmen und sich mit einem Sieg (gegen Portugal, die es jetzt auch wieder gewesen wären) von seiner Länderspiel-Karriere verabschieden. Und all die Nachwuchsspieler, die es gerade so in den Kader geschafft haben, dürfen dort bei ihrem einzigen Einsatz noch ein wenig echte Turnierluft schnuppern.

Die Tatsache, dass Trainer bei einer WM regelmäßig eben nicht mehr ihre Bestbesetzung aufstellen, wenn es nur noch um Bronze geht, ist gleichzeitig bester Beleg für die sportliche Geringschätzung, die dieser fragwürdigen Institution entgegengebracht wird. Daran, liebe Uefa, wird sich auch nichts ändern, wenn die Europameisterschaft ab 2016 mit 24 Mannschaften ausgetragen wird. Der unscheinbare Zusatz in den offiziellen Turnierregularien, dass nur "derzeit" kein Spiel um Platz drei vorgesehen sei, lässt Böses vermuten. Überlasst diese zweifelhafte Tradition getrost der Fifa und ihrer Weltmeisterschaft!

Denn auch wenn sich Deutschland zuletzt zwei Mal diesen Trostpreis abgeholt hat: Nur die unerschütterlichsten Optimisten und naivsten Fans stilisieren das unnötige nachgeschobene Kräftemessen noch zur sinnverlängernden, tröstenden Kür. Das Gefühl der Erleichterung, der Erlösung von dieser unliebsamen Pflicht, findet seinen Ausdruck aber ausgerechnet im hämischen Gesang in der Fankurve des Halbfinal-Gegners: "Ihr könnt nach Hause fahren!"

Ja, können wir. Gottseidank.