Es ist ein Generationswechsel. Lange galt Cyrano de Bergeracs Riechorgan als berühmteste Nase Frankreichs. Der dichtende Fechtmeister („Denn beim letzten Verse stech’ ich“) litt unter seinem monströsen Gesichtserker und wurde von Gérard Depardieu so nasennah dargestellt, dass seine Maskenbildner 1991 für den Oscar nominiert waren. Auch Charles de Gaulle verfügte über einen beachtlichen Zinken, doch die historischen Profile verblassen angesichts der aktuellen Nase der Nation. Sie gehört Kylian Mbappé und ist gerade schutzbedürftig. Gegen Österreich zog sich der Hochgeschwindigkeitsstürmer bei der EM einen Nasenbeinbruch zu – seitdem wird spekuliert, mit welchem Gadget aus dem Sanitätsfachhandel er demnächst aufläuft. Im Gruppenspiel gegen die Niederlande saß er 90 Minuten lang auf der Bank – und popelte sanft in der Nase.
„Der Knochen ist nicht so sehr das Problem, der Knorpel muss durch die Maske geschützt werden“, sagt der Orthopäde Marcus Schiltenwolf von der Uniklinik Heidelberg. „Wird der nekrotisch, droht eine Sattelnase“: Bekommt das Bindegewebe, das die Form der Nase wesentlich bestimmt, also weitere Tritte, Stöße, Hiebe ab, kann es absterben. Als Folge bleibt eine sichtbare Eindellung der Nase zurück. Aus ähnlichen Gründen klagen Ringer und Boxer häufig über „Blumenkohlohren“. Die ständigen Schläge auf den Ohrknorpel führen dazu, dass Teile des elastischen Bindegewebes absterben. Der narbige Ersatz nimmt nicht mehr die ursprüngliche Form an, sondern bildet knubbelige Auswüchse und unerwünschte Rundungen.
Ein gebrochenes Nasenbein lässt sich zumeist gut reponieren. Der Knorpel braucht hingegen Ruhe. „Dann kann alles wieder ausheilen, und das Profil der Nase bleibt meist auch erhalten“, sagt Orthopäde Schiltenwolf. Die Maske unterstützt den Genesungsprozess und hilft bei der Schadensabwehr. Sie verteilt den Druck gleichmäßig auf Stirnbein, Jochbein und Oberkiefer, sollte ein harter Schuss – ein sog. Maskenball – oder der Ellenbogen des Gegenspielers auf der Nase landen.
Ein ansprechendes Modell in Bleu-Blanc-Rouge untersagte die Uefa
Die Maske selbst ist eine Maßanfertigung, für die zuvor ein Abdruck genommen wird. Sie besteht zumeist aus Carbon, einem leichten und strapazierfähigen Material, das den Tragekomfort erhöht. Trotzdem zählt die Maskenpflicht auf dem Spielfeld nicht zu den schönsten Erinnerungen in der Laufbahn von Christoph Kramer und Per Mertesacker. „Sobald man schwitzt, stinkt das Ding und das periphere Sehen ist stark eingeschränkt“, waren sich die TV-Experten und Weltmeister von 2014 einig. Als Instinktfußballer spielt Mbappé eh immer der Nase nach. Seine Gegner sollten sich aber auf No-look-Pässe einstellen.
Zunächst war unklar, welche Maske der französische Kapitän gegen Polen wählen würde. Ein ansprechendes Modell in Bleu-Blanc-Rouge untersagte die Uefa. Zu farbenfroh! Real Madrid, der Klub, bei dem sich Mbappé in der nächsten Saison eine goldene Nase verdienen wird, steckte seine Nase ebenfalls in die Angelegenheit und wollte bei der Auswahl mitreden. Offenbar kommt jetzt eine Maske zur Geltung, nicht naseweis, sondern in gedecktem Anthrazit, Made in Germany. Ob sie den Torhunger des Stürmers dämpfen wird? „Und im nächsten Spiele treff’ ich“, könnte sich Mbappé angesichts der Zwangspause denken und dem Gegner eine lange Nase drehen.

