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Fußball-EM:Doch nur eine halbe Drohung

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Bunte Hülle, leerer Kern? Die Außenfassade der Münchner Arena mit Europa-Flagge. Ob bei der EM im Sommer Zuschauer ins Innere des Stadions dürfen, ist völlig offen. Und inzwischen womöglich auch, ob ohne Zuschauer überhaupt in München gespielt wird.

(Foto: Bernd Feil/M.i.S./Imago)

"EM-Spiele ohne Fans sind vom Tisch": Mit diesem Statement setzt Aleksander Ceferin auch die Ausrichterstadt München unter Druck. Doch die Uefa relativiert die Festlegung ihres Präsidenten.

Von Claudio Catuogno

Gewissheiten sind etwas Schönes in diesen Zeiten, da mancher Gewerbetreibende am Mittwochabend noch nicht weiß, ob er am Donnerstag seinen Laden wieder aufsperren darf, oder ob die Inzidenznotbremse schon wieder greift. Jene Gewissheit, die Aleksander Ceferin nun verkündet hat, der Präsident von Europas Fußball-Union Uefa, sorgte allerdings für Erstaunen und Ratlosigkeit. Nicht nur in München, wo die Uefa im Juni und Juli vier Spiele ihrer verschobenen Europameisterschaft austragen will, sondern auch in vielen anderen der zwölf geplanten Ausrichterstädte dieses paneuropäischen Turniers. Ceferins Gewissheit lautet nämlich so: Die EM wird auf jeden Fall vor Zuschauern gespielt!

Kann man das jetzt schon wissen, drei Monate vor dem in Rom geplanten Eröffnungsspiel - angesichts der unvorhersehbaren Dynamik der Coronavirus-Pandemie? Nun, zumindest wurde der Slowene Ceferin zunächst von kroatischen Medien und dann auch vom britischen Sender Sky mit diesem Satz zitiert: "Jeder Ausrichter muss garantieren, dass Fans zu den Spielen dürfen." Man habe mehrere Szenarien, "aber die Option, dass irgendein Spiel der EM ohne Fans ausgetragen wird, ist definitiv vom Tisch".

Keine Fans - keine Spiele? "München droht das Euro-Aus", schrieb prompt der Sportinformationsdienst. Zumal Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) in einer Stellungnahme am Mittwoch klarstellte, dass es "zum jetzigen Zeitpunkt schlicht nicht möglich" sei, "eine Aussage darüber zu treffen, ob es das Infektionsgeschehen zulässt, im Juni Zuschauer zuzulassen oder nicht". Man sei da abhängig von den jeweils geltenden Regeln der bayerischen Staatsregierung. Derzeit seien solche Veranstaltungen mit Zuschauern in jedem Fall noch verboten.

"Keine Stadt würde automatisch ausscheiden, wenn sie mit einem Szenario hinter verschlossenen Türen" plane, sagt ein Sprecher.

Doch zumindest als unverhandelbaren Automatismus scheint die Uefa den Satz ihres Präsidenten auch nicht zu begreifen, auf SZ-Anfrage relativierte sie ihn am Mittwoch. "Keine Stadt würde automatisch ausscheiden, wenn sie mit einem Szenario hinter verschlossenen Türen" plane, teilte ein Verbandssprecher mit. Die bei Ceferin mitschwingende Drohung bleibt aber bestehen: Die Uefa dringt augenscheinlich auf frühe Festlegungen der Behörden, auf Sonderregeln und Ausnahmegenehmigungen.

Bis zum 7. April sollen alle Ausrichterstädte ihre Szenarien für das Turnier mitteilen; am liebsten Szenarien mit Fans. Wenn solche Festlegungen nicht möglich seien, müsse man eben "abwägen, ob es Sinn machen würde, ohne Fans zu spielen, oder ob solche Spiele an andere Orte verlegt werden sollten", teilte der Uefa-Sprecher mit. Das wiederum klingt, als wolle sich die Uefa vor allem alles offen halten. Herr Ceferin gibt Spiele, Herr Ceferin nimmt Spiele.

Eigentlich sollte die erste paneuropäische EM schon im Sommer 2020 stattfinden; wie fast alle Sport-Großereignisse wurde sie wegen der Corona-Pandemie verschoben. Geplant sind weiterhin Partien in Amsterdam, Baku, Bilbao, Budapest, Bukarest, Dublin, Glasgow, Kopenhagen, London, München, Rom und St. Petersburg. In München sollen die Gruppenspiele der deutschen Nationalelf gegen Frankreich (15. Juni), Portugal (19. Juni) und Ungarn (23. Juni) sowie ein Viertelfinale ausgetragen werden. In London sind die Halbfinals und das Endspiel geplant.

Eine EM in allen zwölf Städten hatte Ceferin zuletzt stets als "die ideale Variante" bezeichnet, es allerdings auch für "möglich" gehalten, "dass das Turnier in zehn oder elf Ländern gespielt wird, wenn einige Länder die Bedingungen nicht erfüllen". Eine Entscheidung darüber soll vermutlich im April getroffen werden. Immer wieder auftauchende Berichte, wonach fast das gesamte Turnier in Großbritannien stattfinden könnte, wo wegen des hohen Impftempos volle Stadien im Juni nicht unwahrscheinlich wären, hatte die Uefa stets bestritten.

Aleksander Ceferi

"Parallelwelt des Profifußballs": Mit seinem Vorstoß gegen Geisterspiele erntet Uefa-Präsident Aleksander Ceferin Kritik.

(Foto: Manu Fernandez/dpa)

Die Frage ist nun wohl auch, wie viele Städte bereit sind, der Uefa wenigstens eine Teilauslastung ihrer Arenen zu versprechen. Dass Budapest die Sache laxer sieht als andere, war zuletzt schon deutlich geworden: In der Champions League waren unter anderem RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach dorthin ausgewichen, um heimische Quarantäne- und Einreiseregeln zu umgehen. Bukarest, Baku oder St. Petersburg gelten im Zweifel ebenfalls als flexibel. In Spanien wiederum gibt es derzeit eine heftige politische Debatte über ein zu 25 Prozent volles Stadion beim Pokalfinale im April in Sevilla.

Bei der Stadt München und dem Deutschen Fußball-Bund war man vorerst darum bemüht, die Aufregung herunter zu dimmen. "Ein Rückzug Münchens war und ist kein Thema", stellte OB Reiter klar. Er wünsche sich aber "gerade in diesen Zeiten, dass die Verantwortlichen der Uefa den direkten Austausch mit den Gastgeber-Städten suchen, um gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten". Zuschauer in der Münchner Arena seien im Sommer grundsätzlich "denkbar und wünschenswert". Auch der DFB teilte mit, man wolle "im Sinne der Fans die Vision erfüllen, dass auch Zuschauer - unter den dann geltenden Bestimmungen - die Spiele der Euro 2020 in München besuchen können".

Andere Reaktionen auf Aleksander Ceferins Drohszenario waren weniger konziliant. Die SPD-Politikerin Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, twitterte: "Ohne Worte. Parallelwelt des Profifußballs."

© SZ/sid/chge/bkl
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