Fußball-EM 2024 Lahm muss sich als Diplomat behaupten

Bekommt eventuell eine neue Aufgabe. Philipp Lahm.

(Foto: dpa)
  • Philipp Lahm soll bei einem Wahlerfolg gegen die Türkei Organisationschef der Europameisterschaft 2024 in Deutschland werden.
  • Damit würde er als Teil des DFB-Präsidiums unter anderem Chef von Bundestrainer Joachim Löw werden.
  • Bisher gelang Lahm der Übergang ins Sport-Management noch nicht - Uli Hoeneß lehnte ein Engagement als Sportvorstand beim FC Bayern ab.
Von Klaus Hoeltzenbein

Jüngst verschärfte sich dramatisch der Eindruck, es liege ein Fluch über den Söhnen des Landes. Jedenfalls denen aus der leistungssportlichen Fraktion. Die Prominentesten ihrer Art hatten mal wieder den Sprung aus den Sport- in die Panorama-Schlagzeilen geschafft: Der eine, Boris Becker, präsentierte öffentlich Finanzprobleme samt Rosenkrieg; der andere, Jan Ullrich, offenbarte ein schockierendes Suchtproblem. Da hatte es fürs Fanvolk fast etwas Tröstliches, dass sich Philipp Lahm via LinkedIn zu Wort meldete. Mittels dieser Online-Plattform werden berufliche Netzwerke geknüpft. Dass Lahm, 34, dort präsent war, schien zu bestätigen, dass der Kapitän der Weltmeister von 2014 einen seriöseren Weg raus aus dem Sport sucht, als ihn Ullrich, 44, Tour-de-France-Sieger von 1997, oder Wimbledon-Triumphator Becker, 50, fanden.

Der sturzfreie Abgang vom Siegertreppchen gelingt nicht jedem. Und auch wenn sich um Philipp Lahm niemand sorgen muss, so lief in dieser LinkedIn-Sache nicht alles glatt. "Ich finde das in der Art und Weise nicht so richtig", klagte Joachim Löw, der Bundestrainer, dessen Führungsstil Lahm kritisiert hatte. Und so hat Lahm nun ein Loyalitätsproblem mit seinem Chef von einst zu lösen, wenn sein Plan aufgeht: die Europameisterschaft 2024 nach Deutschland zu holen.

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Darüber entscheiden am 27. September 18 Wahlmänner des europäischen Fußball-Verbandes Uefa. Lahm ist der Botschafter der Bewerbung. Gewinnt der Deutsche Fußball-Bund die politisierte Kampfabstimmung - einziger Gegenkandidat ist die Türkei -, wird Lahm befördert zum Organisationschef des Turniers. Er wird das, was Franz Beckenbauer nominell für die WM 2006 war, diesem bis heute affärenumrankten Sommermärchen. Lahm rückt zudem auf ins DFB-Präsidium, er wird somit quasi auch Löws Chef, dem er attestiert hatte, dessen "kollegialer Führungsstil der letzten Jahre" sei aus der Zeit gefallen. Löw hätte dies ganz sicher lieber bei einer Tasse Espresso von Lahm selbst gehört. Macht es doch einen Unterschied, ob die Medien attackieren, oder ob der Kapitän von einst es tut, dessen treuer Mentor Löw all die Jahre war. Zumal auch nicht damit zur rechnen war, dass Lahm nach dem WM-Debakel im Juni in Russland doch so wortgewaltig wird.

Lahm selbst hatte ja kurz zuvor noch in der Loyalitätsfalle gesessen, direkt vor der eigenen Haustür, am Ufer des Tegernsees, von dem aus er in der Rolle eines Experten die WM 2018 für die ARD kommentieren sollte. Doch die Kollegen kritisieren, mit denen er 2014 in Rio noch den Titel gewann? Die ARD-Oberen jedenfalls vermissten Schärfe und Biss, sie erklärten, dass dem Talk vom See keine Verlängerung mehr zugestanden werde.

Selbst ein Musterathlet wie Lahm findet also beim Umstieg aus der kurzen in die lange Hose nicht sofort eine neue Balance. Beim FC Bayern hatte sich Uli Hoeneß quergelegt, als Lahm nach seinem Rücktritt als Spieler 2017 direkt zum Sportvorstand befördert werden wollte. Der junge Mann möge sich doch erst in der rauen Geschäftswelt bewähren, empfahl der hemdsärmelige Präsident. Schon länger engagiert sich Lahm als Investor in der Start-up-Szene, aber auch da geht nicht gleich jedes Experiment auf.

Jetzt also diese Kampfkandidatur, die Lahm in neuer Rolle aufs diplomatische Parkett katapultiert. Die türkische Seite hat schon angekündigt, den Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalelf nutzen und die Rassismus-Karte spielen zu wollen; die deutsche Seite wird dies sicher mit einem Verweis auf Lira-Verfall und Wirtschaftskrise kontern. Und auch der Terminplan birgt Brisanz: Am 28. September, am Tag nach der EM-Kür, reist Staatschef Erdoğan zu Angela Merkel nach Berlin. Für die Laune der Fußball-Kanzlerin wird es somit von Bedeutung sein, ob sich Kapitän Lahm als Diplomat behauptet. Davon hängt ab, ob sie ihn noch mal so herzen kann wie 2014 in Rio in der Kabine.

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