1:0-Sieg gegen Italien:Spanien spielt nahe der Perfektion

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Die einen fliegen vor Freude, die anderen können es nicht fassen: Vor allem der unglückliche Eigentorschütze Riccardo Calafiori (vorne). (Foto: Kevin C. Cox/Getty Images)

Mit einem 1:0, das die große Überlegenheit gegen Italien nicht annähernd widerspiegelt, sichern sich die Spanier den Gruppensieg und senden die Botschaft: Wer Europameister werden will, muss diese Mannschaft schlagen.

Von Javier Cáceres, Gelsenkirchen

Mit der besten Vorstellung seit über einem Jahrzehnt hat Spaniens Fußballnationalmannschaft am Donnerstag in Gelsenkirchen Europameister Italien besiegt – und sich vorzeitig den Einzug ins EM-Achtelfinale gesichert. Die Spanier gewannen mit einem Resultat, das herrlich italienisch daherkam, 1:0, aber dem Spielverlauf nicht einmal ansatzweise gerecht wurde.

Hätte Italiens Torwart Gianluigi Donnarumma nicht bis in die Schlussminuten eine außerordentlich gute Leistung geboten, wäre das Ergebnis weit höher ausgefallen. Spanien rüttelte phasenweise an einer der unwiderlegbaren Wahrheiten des Sports: dass die Perfektion im Fußball nicht existiert. Denn es gab keine Facette des Spiels, in der Spanien nicht überlegen gewesen wäre. Die Iberer haben sich als Erster der Gruppe B für die nächste Runde qualifiziert und sind damit möglicher Viertelfinalgegner der deutschen Mannschaft.

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Spanien ging mit einem bemerkenswerten Selbstvertrauen in das 41. Duell mit den Italienern. Es war so groß, dass Trainer Luis de la Fuente frühzeitig seine Karten aufdeckte. Schon achtzig Minuten vor dem Spiel machte er seine Aufstellung öffentlich – und gab damit den Italienern zwanzig Extraminuten, um sich auf den Gegner einzustellen. Den Regeln zufolge muss er seine Elf erst 60 Minuten vor Anpfiff preisgeben. Es gab eine Überraschung vorab: Innenverteidiger Nacho wurde (angeblich verletzungsbedingt) durch Aymeric Laporte ersetzt. Mit dem Anpfiff setzte eine weitere ein: An einem Ort, der noch Erinnerungen an den metallenen Klang der Hämmer unter Tage hervorruft, führte Spanien eine wohlklingende Symphonie auf. Die Komposition der Spanier muss selbst in den Ohren der Italiener besser als Puccini oder Verdi geklungen haben.

Auf dem Platz ist kein einziger Italiener, der individuell besser gewesen wäre als die Spanier

Eine Halbzeit lang schienen die Italiener ein „Mamma mia“ nach dem anderen zu seufzen, so groß war ihr Erstaunen, ihre Angst, ihre Unterlegenheit. Und es war nicht bloß eine Frage des Ballbesitzes, der selbstredend von den Spaniern monopolisiert wurde. Den ersten Schuss aufs Tor gab Italien ab, als die Dauer der Nachspielzeit angezeigt wurde. Giovanni Di Lorenzo jagte den Ball drei Meter übers Tor. Zuvor hatten die Italiener ein einziges Mal den Ball im Strafraum der Spanier überhaupt berührt. Denn auch in den defensiven Phasen waren die Spanier außergewöhnlich exquisit und entschlossen. Es gab auf dem Platz keinen einzigen Italiener, der individuell besser gewesen wäre als die Spanier.

Das bedingte, dass das Spiel Spanien gehörte. Schon in der zweiten Minute musste Donnarumma einen Kopfball aus sechs Metern von Pedri abwehren; nach einer Flanke von Linksaußen Nico Williams, der Italiens Rechtsverteidiger Di Lorenzo wohl noch im Schlaf verfolgen wird. Acht Minuten später setzte Williams einen weiteren Kopfball aus sechs Metern neben das Tor, diesmal hatte Mittelstürmer Álvaro Morata geflankt.

In der 24. Minute war wieder Donnarumma zur Stelle, um einen Schuss aus spitzem Winkel von Morata abzuwehren – wobei der Schuss nicht das Ereignis war, sondern das vorangegangene Dribbling des 16-jährigen Lamine Yamal, der an drei Italienern vorbei tanzte. Insgesamt gaben die Spanier in den ersten 45 Minuten neun Schüsse aufs Tor ab. Unter anderem durch Fabián, der in der 26. Minute eine weitere Glanztat Donnarummas hervorrief – und in der 41. Minute das Tor aus 18 Metern nur knapp verfehlte.

Spanien insistierte auch nach der Pause – und ließ sich nicht durch den Versuch Cristantes einschüchtern, Spaniens Mittelfeldregenten vom Platz zu treten. Erst versuchte sich Pedri nach einem Rückpass von Linksverteidiger Cucurella aus kurzer Distanz, dann mit einem Peitschenhieb aus 20 Metern, doch es war ein Italiener, Riccardo Calafiori, der für die mehr als nur verdiente Führung der Spanier sorgte (56.). Williams beschämte neuerlich seinen Bewacher Di Lorenzo, Morata verlängerte per Kopf, und weil Torwart Donnarumma den Ball bloß mit den Fingerspitzen erwischte, flog er gegen das Knie Calafioris – und von dort hinter die Linie.

Die Führung besänftigte die Spanier nicht. Sie drängten aufs zweite Tor, und kamen durch Morata, Le Normand und Lamal zu weiteren, guten Gelegenheiten. Keine war derart frappierend wie jene von Williams in der 70. Minute: ein Schuss ans rechte Lattenkreuz aus halblinker Position. Luciano Spalletti wechselte hier, wechselte dort, doch es blieb dabei, dass Spanien in einer wundervollen Weise überlegen blieb. So überlegen wie vielleicht in keinem Spiel mehr seit dem EM-Finalsieg von 2012 gegen Italien.

Spanien hat noch einige Spiele vor sich. Doch es gab am Donnerstag eine durchschlagende Nachricht: Spanien ist die Mannschaft, die es zu schlagen gilt, wenn man Europameister werden will.

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