Fußball-EM in Polen und der Ukraine:Die Uefa verschläft den Diskurs

Von einer Kooperation kann nicht die Rede sein. Die europabegeisterten Polen und die gen Osten driftenden Ukrainer haben letztlich zwei Veranstaltungen unter einem gemeinsamen Namen vorbereitet. Die Aufgabe des Veranstalters, also der Europäischen Fußballunion Uefa, wäre es gewesen, den Eheberater zu spielen. Die Uefa aber hat den entscheidenden Diskurs verschlafen. Mutwillig, muss man sagen.

In der aufgeklärten europäischen Öffentlichkeit wurde wie nie zuvor über das Regime des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch debattiert, es ging um die Gefangennahme seiner politischen Rivalin Julia Timoschenko und um mögliche Formen des Protests. Daran schloss sich eine Meta-Debatte an, in der das Für und Wider von symbolischer Politik verhandelt wurde. Berechtigte und längst überfällige Kritik am System Janukowitsch mischte sich mit Boykottaufrufen parlamentarischer Hinterbänklern, die ohnehin kein Ticket für Kiew bekommen hätten. Der mutmaßlich Einzige, der sich nicht einmischte, war Michel Platini, der Uefa-Präsident.

Die Frage, ob es richtig war, ein solches Großereignis nach Osteuropa zu vergeben, existiert seit dem Moment, in dem Platini 2007 in Cardiff den Umschlag öffnete. Es gibt auf die Frage eine simple Antwort: ja, grundsätzlich schon. Längst ist es an der Zeit, dass sich eine breitere Masse in Westeuropa mit Ländern wie Polen und der Ukraine auseinandersetzt. Aber auch damit, dass bei der Vergabe und bei den folgenden Investitionen vieles nicht nach Regeln eines Rechtsstaates verlaufen ist. Und damit, dass sich der organisierte Sport solchen Auseinandersetzungen nicht entziehen darf.

Platini erklärte 2007, es sei eine politische Wahl für Osteuropa getroffen worden. Umso armseliger wirkt es, wenn er nun so tut, als ginge ihn der schwierige politische Teil dieses Turniers nichts an. Timoschenko? Korruption? Die polnisch-ukrainischen Differenzen? Nicht mein Problem, sagt Platini. Wenn es brisant und mithin interessant zu werden droht, zieht sich der Chef-Veranstalter in sein sportautonomes Schneckenhäuschen zurück und wartet, bis das Geld fließt.

Die dringlichste Frage vor dem Eröffnungsspiel lautet also nicht: Wieso Osteuropa? Sie lautet: Wieso diese Uefa?

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