Fußball-EM in Polen und der Ukraine:Mitten durch die EM verläuft eine moralische Mauer

Eine politische Wahl für Osteuropa: So hat Uefa-Präsident Michel Platini bei der EM-Vergabe im Jahr 2007 die Vergabe an Polen und die Ukraine gepriesen. Umso armseliger wirkt es, wenn er nun so tut, als ginge ihn die politische Verantwortung des Fußballs nichts an. Wenn es brisant wird, zieht sich die Uefa in ihr sportautonomes Schneckenhäuschen zurück - und wartet, bis das Geld fließt.

Boris Herrmann

Lewandowski wechselt zu Bayern München! Diese Meldung lief an einem Morgen im Mai über deutsche Agentur-Ticker. Dem Vernehmen nach ist dabei so manchem Sportjournalisten die Kaffeetasse aus der Hand geglitten. Im ersten Moment musste davon ausgegangen werden, dass es in der Lewandowski-Stadt Dortmund zu revolutionären Ausschreitungen kommen würde. Im zweiten Moment relativierte sich die Sache.

Michel Platini

Lächeln und wegsehen: Uefa-Präsident Michel Platini.

(Foto: AP)

Bei der Lektüre des Kleingedruckten klärte sich auf, dass es sich hier nicht um den polnischen Stürmer Robert Lewandowski von Borussia Dortmund handelte, sondern um Gina Loren Lewandowski aus den USA - die Frauenabteilung des FC Bayern soll sich über die Zusage sehr gefreut haben. Die Überschrift der vermeintlichen Schocker-Meldung machte trotzdem Karriere, bei Facebook und auf Twitter.

An diesem Freitag beginnt in Warschau die Fußball-Europameisterschaft. Und diesmal geht es um den echten Lewandowski. Man muss weit zurückgehen in der Sportgeschichte, bis man auf einen Fußballer aus Polen stößt, dessen bloße Namensnennung im Ausland ähnliche Wallungen auszulösen vermochte. Man landet dann bei Männern wie Grzegorz Lato und Zbigniew Boniek - und damit in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Das Polen von damals und das Polen von heute sind zwei verschiedene Welten. Jenes Polen, das nun die erste sportliche Großveranstaltung in Osteuropa seit der Wende ausrichtet, kann mit gewissem Recht behaupten, es sei ein modernes Land in Europa. Es hat eine politische und wirtschaftliche Wandlung hinter sich, deren symbolischer Abschluss diese EM werden soll. Es hat seine Innenstädte, seine Bahnhöfe und Flughäfen modernisiert. Von kleineren Umwegen abgesehen, sind auch die neuen Autobahnen befahrbar.

Die Autos sind, dem westlichen Event-Standard entsprechend, längst mit rot-weißen Fähnchen geschmückt. Am rechten Weichselufer in Warschau, wo bis vor wenigen Jahren noch ein krimineller Flohmarkt wucherte, steht jetzt ein schönes Stadion fürs Eröffnungsspiel. Die wichtigste Errungenschaft für die kommenden Tage ist zunächst allerdings: Polen hat wieder einen Spieler von internationaler Klasse. Einen wie Robert Lewandowski, der die Manager zum Rechnen und die Massen zum Träumen anregt. Einen, mit dem man sich sehen lassen kann.

Die Polen haben mithin so ziemlich alles, was man für eine erfolgreiche EM braucht. Ihr Problem ist: Sie haben vielleicht sogar einen Mitausrichter zu viel. Dass die Ukraine ebenfalls Gastgeber des Turniers ist, hat die polnische Seite jüngst jedenfalls mit größtmöglicher Diskretion behandelt. Polen und Ukrainer sind eine höchst komplizierte Ehe eingegangen, als sie im Mai 2007 zur eigenen Überraschung den Zuschlag für die Euro 2012 erhielten. Mitten durch dieses Turnier verläuft eben nicht nur die EU-Außengrenze, sondern auch eine Art moralischer Mauer.

Die Uefa verschläft den Diskurs

Von einer Kooperation kann nicht die Rede sein. Die europabegeisterten Polen und die gen Osten driftenden Ukrainer haben letztlich zwei Veranstaltungen unter einem gemeinsamen Namen vorbereitet. Die Aufgabe des Veranstalters, also der Europäischen Fußballunion Uefa, wäre es gewesen, den Eheberater zu spielen. Die Uefa aber hat den entscheidenden Diskurs verschlafen. Mutwillig, muss man sagen.

In der aufgeklärten europäischen Öffentlichkeit wurde wie nie zuvor über das Regime des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch debattiert, es ging um die Gefangennahme seiner politischen Rivalin Julia Timoschenko und um mögliche Formen des Protests. Daran schloss sich eine Meta-Debatte an, in der das Für und Wider von symbolischer Politik verhandelt wurde. Berechtigte und längst überfällige Kritik am System Janukowitsch mischte sich mit Boykottaufrufen parlamentarischer Hinterbänklern, die ohnehin kein Ticket für Kiew bekommen hätten. Der mutmaßlich Einzige, der sich nicht einmischte, war Michel Platini, der Uefa-Präsident.

Die Frage, ob es richtig war, ein solches Großereignis nach Osteuropa zu vergeben, existiert seit dem Moment, in dem Platini 2007 in Cardiff den Umschlag öffnete. Es gibt auf die Frage eine simple Antwort: ja, grundsätzlich schon. Längst ist es an der Zeit, dass sich eine breitere Masse in Westeuropa mit Ländern wie Polen und der Ukraine auseinandersetzt. Aber auch damit, dass bei der Vergabe und bei den folgenden Investitionen vieles nicht nach Regeln eines Rechtsstaates verlaufen ist. Und damit, dass sich der organisierte Sport solchen Auseinandersetzungen nicht entziehen darf.

Platini erklärte 2007, es sei eine politische Wahl für Osteuropa getroffen worden. Umso armseliger wirkt es, wenn er nun so tut, als ginge ihn der schwierige politische Teil dieses Turniers nichts an. Timoschenko? Korruption? Die polnisch-ukrainischen Differenzen? Nicht mein Problem, sagt Platini. Wenn es brisant und mithin interessant zu werden droht, zieht sich der Chef-Veranstalter in sein sportautonomes Schneckenhäuschen zurück und wartet, bis das Geld fließt.

Die dringlichste Frage vor dem Eröffnungsspiel lautet also nicht: Wieso Osteuropa? Sie lautet: Wieso diese Uefa?

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