Fußball-EMItalien, Frauenfußball-Entwicklungsland

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Cristiana Girelli jubelt nach ihrem Tor gegen Portugal. Im deutschen Fernsehen sahen es mehr Menschen als im italienischen.
Cristiana Girelli jubelt nach ihrem Tor gegen Portugal. Im deutschen Fernsehen sahen es mehr Menschen als im italienischen. Alessandra Tarantino/AP/dpa
  • Der Frauenfußball in Italien kämpft um Aufmerksamkeit, was sich in geringen Zuschauerzahlen, wenig Medienberichterstattung und leeren Stadien zeigt.
  • Die italienische Frauenfußball-Liga ist seit 2022 professionell und bietet mit einem Mindestlohn von 27 000 Euro pro Jahr attraktive Bedingungen für Spielerinnen.
  • Bei der laufenden Fußball-EM der Frauen haben die Italienerinnen am Freitag gegen Spanien die Chance, sich für das Viertelfinale zu qualifizieren.
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Kaum Werbung, wenige Medienberichte, leere Ränge: Im Land des Calcio müssen die Fußballerinnen um Aufmerksamkeit kämpfen. Strukturell hat die Liga der deutschen trotzdem etwas voraus.

Von Felix Haselsteiner, Zürich

Man muss schon suchen in der rosaroten Sport-Bibel, bis man die Frauen entdeckt. In der Gazzetta dello Sport sortieren sie ihre Themen verständlicherweise genauso nach Aufmerksamkeit wie im Rest des Internets, also: Transfermarkt, Jannik Sinner, Formel 1, noch mehr Transfermarkt, Analysen zum Fußballmanagerspiel Fantacalcio, das alles hat Vorrang. Stutzig kann man erst werden, wenn hinter Volleyball, Autoverkehr und Wasserball immer noch nichts zu lesen ist von diesen Europei Femminili. Dieser Fußball-EM der Frauen, die spätestens ab dem Wochenende mit dem Ende der Klub-WM das größte, laufende Fußballturnier auf dem Planeten ist. Und die in Italien dennoch um Aufmerksamkeit kämpfen muss, mehr als in den meisten anderen Ländern.

Der Frauenfußball hat sich in den vergangenen Jahren global überaus positiv entwickelt, doch hinter dieser grundsätzlich positiven Nachricht verbergen sich beim genaueren Hinsehen immer noch spürbare, regionale Unterschiede. In der Wahrnehmung, in der Aufmerksamkeit, fast überall sortiert sich das Klassement der europäischen Ligen auf ähnliche Art und Weise: England ist meilenweit voraus, dahinter folgen Frankreich und Spanien, dann Deutschland, wovon noch zu reden sein wird. Und in den meisten Kategorien kämpfen die Italienerinnen um den Anschluss an den Rest – noch.

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Man kann das an Zahlen und Ergebnissen festmachen. Etwa an den durchschnittlichen Stadionbesuchern in der italienischen Liga (2300 gegenüber 6660 in England) oder an der Tatsache, dass in den vergangenen zwei Saisons kein italienisches Team die Gruppenphase der Champions League überstanden hat. Man kann es auch an den Fernsehzuschauern messen. Die zweite Partie der Italienerinnen bei der EM gegen Portugal verfolgten 1,6 Millionen Zuschauer beim staatlichen Sender Rai, zum Vergleich: Im ZDF hatte dasselbe Spiel 3,46 Millionen Zuschauer. Man kann sogar Artikel zählen, in der Gazzetta sind seit Turnierbeginn ganze sieben über die Mannschaft erschienen. Oder man kann sich an einen Sonntag im vergangenen Dezember im San Siro erinnern, der auch ein wenig erzählt vom Frauenfußball in Italien.

Dem Frauenfußball in Italien fehlt der große Aufmerksamkeitsschub

2500 Menschen fanden damals den Weg in Italiens größtes Fußballstadion, das reichte nicht einmal, um auf der Gegengerade einen ganzen Block zu füllen. Das erste Stadtderby Inter gegen Milan, das auf großer Bühne stattfand, es wurde geprägt von einer einigermaßen lieb- und trostlosen Atmosphäre. Tapfer erzählten die Fußballerinnen danach, dass sie es als Ehre empfunden hätte, im großen San Siro spielen zu dürfen. In Wahrheit hatte man sie im Stich gelassen: Wer ein großes Fußballstadion für ein Spiel einer Frauenliga füllen möchte, muss Aufwand betreiben. Das zeigen die vielen, positiven, internationalen Beispiele der vergangenen Jahre aus Wembley, Parc des Princes und Camp Nou.

In der Fußballstadt Mailand bekamen die meisten nicht einmal etwas vom Frauen-Derby mit, es war wie an den meisten Wochenenden. Die Frauen von Inter Mailand etwa spielen meistens in der historischen Arena Civica, mitten in der Stadt, im Parco Sempione – aber wenn man nicht gerade zufällig selbst die Flutlichter sieht, weist einem niemand den Weg dorthin. Dass die Tickets günstig sind, ist schön, aber auch das bekommt außerhalb einer kleinen aktiven Fanszene niemand mit.

Frauenfußball in Italien: Nur 2500 Menschen fanden im Dezember den Weg ins große San-Siro-Stadion in Mailand.
Frauenfußball in Italien: Nur 2500 Menschen fanden im Dezember den Weg ins große San-Siro-Stadion in Mailand. Felix Hastelsteiner

„Eine der Herausforderungen besteht darin, wie wir den Frauenfußball in Italien in der Werbung und im Marketing kommunizieren“, sagte Rita Guarino vor der EM bei The Athletic. Guarino, 54, hat einst in den 1990er-Jahren die frühen Erfolge des italienischen Frauenfußballs als Spielerin geprägt, damals standen die Azzurre zweimal im Finale. Vor allem aber hat sie als Trainerin von Juventus Turin in der vergangenen Dekade entscheidend dazu beigetragen, dass sich überhaupt was getan hat: Turin ist das Vorzeigemodell für den azurblauen Frauenfußball, die Professionalisierung der Serie A Femminile im Jahr 2022 wäre nie zustande gekommen, hätte man bei Juventus nicht entscheidend angetrieben.

Darin liegt eine Lösung für die Zukunft: Die Liga ist schon professionell und dadurch attraktiv für internationale Spielerinnen, mit einem Mindestlohn von 27 000 Euro pro Jahr. Davon könnte man auch in Deutschland dringend lernen, wo DFB-Präsident Bernd Neuendorf erst am Dienstag wieder die Durchhalteparole ausgab, man wolle „die Bedeutung der Bundesliga heben“ und müsse dafür „mit den Klubs arbeiten“.

Diese Schritte wurden in Italien schon getan, was fehlt, ist der große Aufmerksamkeitsschub. Den könnte eine Ausrichtung der EM 2029 bieten, um die man sich wie Deutschland bewirbt. Oder aber ein Turniererfolg: Das Land sehnt sich gerade jetzt, wo die Männer mal wieder in der Krise stecken, nach einer erfolgreichen Nationalmannschaft. Die Italienerinnen haben am Freitagabend gegen Spanien die Chance, sich für das Viertelfinale zu qualifizieren. Kaum vorstellbar, dass man einen solchen Erfolg nicht auch in der rosaroten Bibel würdigen würde.

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