Fußball-EM:Nach einer solchen Vorstellung muss man keine Sprüche mehr reißen

Lesezeit: 3 min

Julian Draxler überzeugt gegen die Slowakei mit Hüftwacklern, Dribblings und einem kunstvollen Tor. Joachim Löw kann nun ein bisschen entspannter sein.

Von Thomas Hummel, Lille

Gerade noch rechtzeitig kam Lukas Podolski um die Ecke. "Hey, komm jetzt, genug gequatscht", rief er Julian Draxler zu und packte ihn am Arm. Dabei wollte der gerade erklären, ob nun das Problem auf der linken Offensivseite der deutschen Nationalmannschaft gelöst sei.

Mit Podolski am Arm konnte Draxler nun schlecht sagen: Klar ist das Problem gelöst, das habe ich heute doch gezeigt. Schürrle? Götze? Oder gar dieser Podolski hier? Aber nicht doch. Jetzt bin ich dran, Jule Draxler, an mir kommt keiner mehr vorbei. Stattdessen sagte er: "Es gibt viele Spieler, die das gut machen können, deshalb überlasse ich das dem Bundestrainer, wen er da nun spielen lässt." Was man halt so sagt als höflicher junger Mann, der sich keinen Feind machen will. Und Draxler ist zwar erst 22 Jahre alt, aber dennoch lange genug dabei, dass er weiß: Nach einer solchen Vorstellung auf dem Platz muss man keine Sprüche mehr reißen.

Deutschland hat das Achtelfinale der Europameisterschaft mit 3:0 gewonnen, die Slowakei hatte praktisch keine Chance. Die Elf schlug ein Tempo an, das der Gegner nicht mitgehen konnte, sie stand hinten sicher und führte vorne ein energisches Pressing durch. Kein Spieler fiel ab. Doch ein Spieler fiel besonders auf.

Julian Draxler bot die Szenen, die in Erinnerung bleiben werden. Sein Tor zum 3:0 per Volleyabnahme war nicht von der Gewalt wie der Knaller von Jérôme Boateng, dafür künstlerisch wertvoll mit dem Rücken zum Tor. Dazu sein Dribbling vor dem 2:0 gegen den Berliner Peter Pekarik. Ein Hüftwackler, ein Antritt, ein Sprint und ein Pass auf den Mittelstürmer, der nur noch den Fuß hinhalten muss. So etwas sieht man beim FC Bayern alle drei Tage, aber bei der Nationalmannschaft dürfte seit Pierre Littbarski niemand mehr so formgerecht gedribbelt haben.

"Ich war sehr zufrieden mit ihm heute", erklärte Joachim Löw. Denn genau das hatte er vor dem Spiel von Draxler gefordert: Dribblings, Eins-gegen-eins-Duelle suchen, eine Variante ins deutsche Spiel bringen, die es so vorher kaum gab. Der Wolfsburger kam dem Aufruf des Bundestrainers mit Elan nach, wenngleich er gewisse Schwierigkeiten entdeckte. "Das war nicht einfach, weil unser Spiel sehr darauf bedacht ist, Ballsicherheit zu haben", sagte Draxler. Gehe er dann viermal ins Eins-gegen-eins und verliere dreimal den Ball, dann brauche man die Rückendeckung aller, um es dennoch weiter zu versuchen.

Ein eher theoretischer Ansatz, denn Draxler hatte im ganzen Spiel keine dreimal den Ball verloren. Er wirkte immer sicherer und traute sich bald auch die schwierigsten Tricks zu. "Ich bin jetzt nicht ins Spiel gegangen und habe gesagt: Ich versuche heute mal zu zaubern. Aber es ist viel gelungen, deshalb bin ich froh und glücklich."

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