Deutsche Nationalmannschaft:Zum EM-Auftakt eine Dreierkette?

Germany Seefeld Training Camp Day 8

Wie im Finale: Kai Havertz dribbelt im Training Torwart Bernd Leno aus - trifft in dieser Szene allerdings nur den Pfosten.

(Foto: Andreas Schaad/Getty)

Die Überlegung des Bundestrainers würde im Mittelfeld zu einem Dilemma führen. Löw hätte nur noch wenige Startelfplätze zu vergeben - das könnte auch Champions-League-Sieger Kai Havertz treffen.

Von Sebastian Fischer, Seefeld

Joachim Löw klatschte in die Hände, er summte vor sich hin, er trug erstaunlicherweise einen Schal im warmen Sonnenschein, aber er wirkte hervorragend gelaunt, als am Freitagmittag in Seefeld die Trainingseinheit der Nationalmannschaft begann. Acht Tage der zweieinhalb Wochen langen Vorbereitung auf die Europameisterschaft sind vorbei, das Trainingslager in Tirol endet am Wochenende, doch ein wichtiger Teil der Arbeit geht erst jetzt so richtig los. Nun, da der deutsche Kader vollzählig versammelt ist.

Am Mittwoch, nach dem 1:1 im Test gegen Dänemark, kündigte der Bundestrainer an, worum es fortan schwerpunktmäßig gehen würde: um die Offensive, um Spielzüge, Abschlüsse. Er gab zu, dass die Mannschaft ein Problem mit der Effektivität habe, "auf jeden Fall". Tags darauf kamen dann zum Thema passend zwei mit außerordentlichem Selbstbewusstsein ausgestattete Offensivspieler nachgereist: Timo Werner und Kai Havertz vom Champions-League-Sieger FC Chelsea. "Gefühlt die beste Woche des Lebens", liege hinter ihnen und dem am Mittwoch angereisten Chelsea-Verteidiger Antonio Rüdiger, sagte Havertz, der derzeit berühmteste Torschütze im europäischen Fußball: Er traf beim 1:0 im Finale gegen Manchester City.

Klar gebe einem so etwas Selbstvertrauen, sagte er am Freitag in der Pressekonferenz, in der er als "Champion" begrüßt wurde - auch wenn man es damit nicht übertreiben dürfe, schließlich hätten andere Profis im Kader auch schon die Champions League gewonnen. Und natürlich sei er ehrgeizig, "ich möchte Stammspieler sein", sagte er. Doch dass er nun für Deutschland weitertrifft, könnte nicht ganz so einfach werden, wie es klingt. Es gelte auch zu respektieren, sollte der Bundestrainer einen anderen Plan haben. "Als Mannschaft möchte man ein Ziel erreichen. Da geht es nicht, dass man sein Ego darüber stellt."

Joachim Löw hat zuletzt vorrangig über die Abwehr gesprochen, den Schwachpunkt der Mannschaft im vergangenen Jahr, ein Schwerpunkt der bisherigen Trainingsarbeit. Hinten die Null halten zu können, sei bei der EM das "Maß aller Dinge". Und so deutet manches darauf hin, dass er zum Auftakt gegen Frankreich eine Kette aus drei Innenverteidigern aufstellt, für mehr Sicherheit. Das biete größere Kompaktheit, außerdem bessere Möglichkeiten für die Außenverteidiger, gegnerische Flügelspieler eng zu decken, sagte am Freitag der linke Außenverteidiger Robin Gosens.

Die Dreierketten-Pläne sollen sich nicht bei allen im Team größter Beliebtheit erfreuen

Andererseits, sagte er, müsse man ein System ja nicht das ganze Turnier beibehalten. Die Mannschaft könne auch "von einer auf die andere Sekunde" das System wechseln, so Havertz, und: "Man muss generell flexibel sein." Die Dreierketten-Pläne, so heißt es, sollen sich im Team nicht bei allen größter Beliebtheit erfreuen.

Sie würden schon im Mittelfeld zu einem Dilemma führen, weil dort zentral nur noch zwei Positionen zu besetzen wären. Sollte Joshua Kimmich nicht doch auf die Rechtsverteidigerposition ausweichen, sondern jener Chef in der Mitte bleiben, der er auch beim FC Bayern inzwischen ist, müssten andere ausgesprochen begabte Fußballer erstmal draußen bleiben. Es könnte etwa Ilkay Gündogan treffen, der am Freitag erstmals in Seefeld trainierte - oder Leon Goretzka, der sich ohnehin noch im Aufbautraining nach seinem Muskelfaserriss befindet. Eine Reihe weiter vorne gilt Thomas Müller als gesetzt, also blieben auch im Angriff nur noch zwei Stellen frei. Und auch dort ist die Frage, für wen.

Fußball EM - Trainingslager deutsche Fußball-Nationalmannschaft

Ein weiterer Hochbegabter, der sich um einen der wenigen Plätze in der Offensive bemüht: Leroy Sané.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Auf dem Flügel, zum Beispiel, spielt der nächste Hochbegabte mit noch undefiniertem Status im Nationalteam. Neben Havertz, 21, steht wohl niemand derart für die Vielfalt an Feinfüßigkeit in der deutschen Offensive wie Leroy Sané, 25. Für ihn ist eigentlich schon aufgrund der Dramaturgie der Ereignisse diesmal eine Hauptrolle auserkoren: Vor drei Jahren wurde er, damals noch ein nachlässiges Talent, von Löw aus dem Kader für die WM in Russland gestrichen.

Gnabry will "in jedem Spiel ein Tor schießen", Werner fiel das Toreschießen zuletzt eher schwer

Sanés Entwicklung hat Assistenztrainer Marcus Sorg in Seefeld als "wahnsinnig" gelobt, "vor allem was Seriosität und Einstellung zum Beruf mit sich bringt". Doch nach seiner ersten Saison beim FC Bayern, in der er sich erst nach und nach besser zurechtfand, steht nun im Nationalteam sein Beweis einer starken Leistung in einem wichtigen Spiel noch aus.

Serge Gnabry, Sanés Münchner Kollege auf dem anderen Flügel, hatte gegen Dänemark eine auffällig gute Aktion, als er mit einem schnellen Haken nach innen zog und die Latte traf. Für ihn spricht neben seiner Form auch seine Flexibilität, er kann in vorderster Spitze auflaufen und hat zudem angekündigt, er würde gerne "in jedem Spiel ein Tor schießen".

Timo Werner, Havertz' Kollege in London und neben dem als Ergänzung gedachten Kevin Volland eine weitere Alternative im Sturm, leistete zwar einen großen Beitrag zum Champions-League-Sieg als Vorlagengeber und mit wichtigen Laufwegen, gerade das Toreschießen fiel ihm zuletzt aber schwer. Für Sané und Gnabry in der Startelf spricht außerdem, dass ihre Abläufe mit Müller abgestimmt sind, der im ersten Spiel nach seiner Rückkehr zum DFB gleich wieder die Offensive organisierte.

Müllers Position in der Mitte ist auch jene, die Havertz am meisten liegt, wobei sie sich in ihren Interpretationen unterscheiden. Havertz überzeugte zuletzt für Chelsea aber häufig auch als Mittelstürmer und spielte auch schon auf dem Flügel. Er könne auch gemeinsam mit Müller und nicht nur an dessen Stelle auflaufen, sagte er: "Alles geht."

Im Training, als es in einer Spielform um Angriffe nach Umschalten in Überzahl und Torabschlüsse ging, hätte er am Freitag dann beinahe gleich mal gezeigt, dass er genauso weitermachen will, wie er vor einer Woche aufgehört hat. Im Finale in Porto hatte er den Ball an Manchesters Keeper Ederson vorbeigelegt und mit links getroffen. "Das bleibt mein Leben lang erhalten", sagte er über das Tor.

Diesmal dribbelte er Bernd Leno aus und traf mit seinem schwächeren rechten Fuß nur den Pfosten.

© SZ/pps/ebc
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