Fußball-EMStarkes Signal nach Europa

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Optimaler Start: Svenja Huth (links) feiert Lina Magull (Nummer 20) für das 1:0 gegen Dänemark.
Optimaler Start: Svenja Huth (links) feiert Lina Magull (Nummer 20) für das 1:0 gegen Dänemark. Maja Hitij/Getty

Im EM-Auftaktspiel gegen Dänemark melden sich die deutschen Frauen eindrucksvoll international zurück. Beim 4:0 gegen den EM-Zweiten demonstriert die DFB-Elf ihre qualitative Breite und ein besonderes Teamgefüge.

Von Anna Dreher, London

Martina Voss-Tecklenburg war schon in den Teambus gestiegen, aber die Bundestrainerin konnte noch nicht entschwinden. Nicht an diesem Abend. Und so kam sie wieder heraus, lief zu einer Reihe von Fans, die nach ihr gerufen hatten, schrieb Autogramme, lächelte in Handykameras und genoss diese Art von Pflichterfüllung nach Dienstschluss. Vielleicht wird sie in ein paar Wochen auf diesen Freitag zurückblicken in dem Wissen, dass dies der Auftakt zu einer besonderen Reise war. Noch lässt sich das nicht sagen. Unmittelbar aber zählte ohnehin vor allem eines für das deutsche Fußballnationalteam: Es ist erfolgreich in diese Europameisterschaft gestartet, noch dazu mit einer eindrücklichen, mitreißenden Leistung.

Beim 4:0 (1:0) gegen den EM-Zweiten Dänemark hatte sehr viel sehr gut funktioniert, was das Selbstvertrauen gesteigert und gefestigt haben dürfte. Und weil sich nach drei Jahren ohne wirkliche Herausforderung die Frage gestellt hatte, wo diese Auswahl denn nun eigentlich international einzuordnen ist, war dieses Ergebnis - gerade in der Art und Weise, wie es zustande gekommen war - auch ein Signal an die Öffentlichkeit, vor allem an die Konkurrenz. "Ich denke, dass sich die anderen Länder die Spiele anschauen, und glaube, dass jetzt ein gewisser Respekt da ist. Wir haben die Messlatte sehr hoch gelegt", sagte Lina Magull auf der Pressekonferenz. "Wenn so eine Leistung rauskommt, können sich die Gegner gerne ein Bild daraus machen."

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Dem deutschen Nationalteam gelingt der so wichtige Auftaktsieg auf überzeugende Art und Weise. Gegen Dänemark gewinnt die DFB-Auswahl nach einem fulminanten Spiel mit 4:0.

Von Anna Dreher

Nachdem der Ball zweimal an die Latte, einmal an den Pfosten und oft knapp am Ziel vorbeigeflogen war, hatte die 27-Jährige den erfolgreichen Verlauf des Abends mit ihrem Tor eingeleitet. Das 1:0 in der 21. Minute bejubelte sie energisch und ausgelassen. "Da war einfach viel Frust bei dem Schuss dabei", sagte Magull, die zur besten Spielerin gewählt wurde. "Ich bin froh, dass er dann auch so reingeknallt ist." Der angestaute Frust gehörte zu jener Art, die motivieren und anstacheln kann. Von dem Frust, der hemmt und blockiert, war im Brentford Community Stadium vor 15 746 Zuschauern bei den DFB-Frauen nichts zu spüren. Vielmehr eine enorme Zuversicht, dass hier und heute alles gut gehen würde.

Für Alexandra Popp ist der Abend besonders emotional: Ein Tor im ersten EM-Spiel nach langer Verletzung

"Das ist ein cooles Zeichen, weil das Sicherheit gibt und die Sachen funktionieren, die wir uns vornehmen", sagte Voss-Tecklenburg, die ihr Team für eine sehr reife Leistung lobte: "Da müssen uns die Gegner erst mal stoppen." Lea Schüller (57. Minute), Lena Lattwein (78.) und Alexandra Popp (86.) trafen im 500. Länderspiel des achtmaligen Europameisters noch für die DFB-Auswahl. Für Lattwein und Popp, die mit nun 115 Einsätzen erfahrenste Nationalspielerin im Kader, war es jeweils die erste EM-Partie. Popp erlebte ihre Premiere nach einer langwierigen Knieverletzung besonders emotional. Die Turniere 2013 und 2017 hatte die 31-Jährige verletzt verpasst.

Lattwein und Popp wurden nach etwa einer Stunde eingewechselt und wie Jule Brand, Linda Dallmann und Sydney Lohmann zum Beweis für jenen Eindruck der Bundestrainerin, jede aus dem 23-köpfigen Kader ohne Bedenken einsetzen zu können. Alle Einwechselspielerinnen fügten sich in das dominante und aggressive Spiel der DFB-Frauen ein, alle waren direkt oder indirekt an Abschlüssen beteiligt. "Das ist schon etwas ganz besonderes, das uns vor allem bei diesem Turnier auszeichnet", sagte später Giulia Gwinn. "Wir haben wirklich eine extreme Qualität in der Breite, jede könnte in der Startelf stehen."

Des einen Leid, der anderen Freude: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg feiert mit den DFB-Frauen einen optimalen Start in diese EM, Lars Sondergaard steht mit Dänemark nun unter Zugzwang.
Des einen Leid, der anderen Freude: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg feiert mit den DFB-Frauen einen optimalen Start in diese EM, Lars Sondergaard steht mit Dänemark nun unter Zugzwang. Dylan Martinez/Reuters

Drei Jahre Vorbereitungszeit mit drei intensiven Lehrgängen im Juni haben nun zum erhofften Ergebnis geführt. Die anfängliche Nervosität wurde schnell abgelegt, die Balance zwischen Defensive und Offensive stimmte. Jene Angriffe der Däninnen um Weltklasse-Stürmerin Pernille Harder, die nicht schon im Mittelfeld durch Lena Oberdorf, Sara Däbritz und Magull geblockt werden konnten, prallten an der Viererkette aus Felicitas Rauch, Marina Hegering, Kathrin Hendrich und Gwinn ab. Torhüterin Merle Frohms war in ihrem ersten EM-Spiel als Nummer eins kaum gefordert.

Die Deutschen traten in einer intensiven Partie mutig auf, blieben hartnäckig in den Zweikämpfen, unermüdlich im Pressing, variabel in den Angriffen und ließen Dänemark kaum ins Spiel finden. Also genau so, wie sie es sich vorgenommen hatten. Nach den enttäuschend frühen Abschieden im Viertelfinale bei der EM 2017 und der WM 2019 strahlte das Team jene Überzeugung und Präsenz aus, die zuletzt vermisst worden war. Und wie war das nun gelungen?

Der kommende Gruppengegner Spanien gewinnt seinen Auftakt 4:1 gegen Finnland

"Wir haben die Zeit intensiv genutzt, um uns als Team weiterzuentwickeln", sagte Svenja Huth, die als Kapitänin am Freitag Popp vertrat. "Wir haben einen unglaublichen Zusammenhalt, das ist wichtig für so ein Turnier. Deutschland hatte schon immer ein gutes Teamgefüge, aber jetzt ist es schon sehr, sehr gut und das kann ein Schlüssel zum Erfolg sein."

Wie entscheidend die reflektierte Auseinandersetzung unter den Spielerinnen, im Trainerteam und miteinander in Frankfurt und Herzogenaurach gewesen ist, hat sich am Freitag auf dem Platz gezeigt. Da waren sich alle im deutschen Team einig. "Da ist etwas zusammengewachsen", sagte Däbritz. "Jede unterstützt die andere, jede gönnt der anderen alles. Das ist es, was wichtig ist, und wie man im Turnier weit kommen kann." Ob das gar der perfekte Auftakt war? "Auf jeden Fall", fand Gwinn: "Normalerweise ist so ein erstes Spiel irgendwie ein Krampf. Aber ich glaube, dass wir mit unserem Fußball begeistern konnten."

Bei all der Euphorie über diesen gelungenen EM-Start waren die Gedanken schon beim nächsten Gegner. In der zweiten Gruppenpartie am Dienstag (21 Uhr, ARD) wartet ein Titelkandidat. Die Spanierinnen sind zwar durch den Ausfall von Weltfußballerin Alexia Putellas geschwächt worden, aber immer noch enorm stark. Gegen Finnland gewannen sie 4:1 und waren in allen Belangen überlegen, die Torschussquote lag bei 32:4. Der Sieg gegen Dänemark war für das deutsche Team wichtig, aber eben erst der Anfang. "Ich habe auch heute Sachen gesehen, die wir besser machen können", sagte Martina Voss-Tecklenburg noch - und lächelte.

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