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DFB-Elf bei der Fußball-EM:Das Mittelstürmerland sucht einen Mittelstürmer

Früher gab es Seeler, Müller, Rummenigge oder Klinsmann. Und heute? Findet sich bis in die Jugendmannschaften hinein kein richtiger Torjäger - der DFB hat ein ernstes Problem.

Jetzt aber, jetzt würde es fallen, wenigstens in der 93. Minute. Jetzt würde Thomas Müller endlich sein Tor schießen. Es würde wohl nicht mehr reichen, um diesem Spiel noch eine Verlängerung abzutrotzen, aber wenigstens würde es nach dem Spiel mal ein anderes Thema geben. Zum Beispiel könnten die Medien zur Abwechslung mal was über Fußball schreiben, und sie könnten endlich den Müller in Frieden lassen. Weil die Geschichte vom Müller, der sein Tor sucht, die hat eigentlich schon die ganze Zeit kein Mensch gebraucht, und jetzt hätte sie sich sowieso erledigt. Weil eben: Eins zu zwei durch Müller, 93. Minute.

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Allerdings hat der Stadionsprecher in Marseille sich dann geweigert, Müllers Tor durchzusagen, auch auf der Tafel erschien es nicht. Das hatte weder mit Unhöflichkeit noch mit vorauseilender Siegestrunkenheit zu tun, sondern mit dem Umstand, dass das Tor, dieser Saupreiß, es sich in der 93. Minute doch noch anders überlegt hatte. Es fiel nicht. Und bei näherem Hinsehen wurde dann doch wieder eine kleine Müller-Geschichte draus.

Bei näherem Hinsehen erkannte man nicht nur Müllers Turnierpech wieder, als Frankreichs Torwart Hugo Lloris den Ball mit einer sittenwidrigen Parade abwehrte. Man fand auch Müllers gesamtes Turnier-Schlamassel bündig zusammengefasst: Man sah ihn nach Mustafis Flanke hochsteigen, und man sah, wie in Wahrheit der kleine Kimmich den Kopfball setzte und wie ihn der große Müller dabei behinderte.

Thomas Müller hat ein Turnier hinter sich, für das die Sportreporter irgendwann mal das Attribut "unglücklich" erfunden haben, aber vielleicht wird es Müller trösten, dass seine Missgeschicke am Ende doch nicht groß genug waren, um damit diese Niederlage im Halbfinale zu erklären. Zwar enthielt das Turnier durchaus eine Müller-Geschichte, aber wenn die Sportstrategen beim DFB nun diese EM analysieren, dann wird es ihnen nicht um Müller gehen, den sie weiterhin für verlässlich und mindestens unersetzlich halten.

Es wird eher um die Frage gehen, warum dieser Müller so unersetzlich ist. Warum die Tore, die er ausnahmsweise mal nicht schießt, dann von keinem anderen geschossen werden.

Müller ist kein Mittelstürmer, es bekommt seinem Spiel nicht, wenn er vorne drin den Mittelstürmerraum besetzt halten muss; sein Spiel lebt ja davon, dass er überhaupt keinen Raum besetzt hält, außer jenem, den gerade keiner von ihm erwartet. Aber nach Mario Gomez' Ausfall ist Joachim Löw kaum etwas anderes übrig geblieben, als Thomas Müller gegen Frankreich in jenen Raum zu schicken, den Uwe Seeler, Gerd Müller, Horst Hrubesch, Rudi Völler und Jürgen Klinsmann einst zu einem urdeutschen Raum gemacht haben.

Deutsche EM-Schützen

5 Tore

Jürgen Klinsmann 1988-1996

Mario Gomez seit 2008

4 Tore

Lukas Podolski seit 2004

Gerd Müller 1972

Dieter Müller 1976

Rudi Völler 1984-1992

3 Tore

Bastian Schweinsteiger seit 2004

Miroslav Klose 2004-2012

Klaus Allofs 1980

Karlheinz Riedle 1992

Wer im Halbfinale mehr vermisst wurde, er oder Gomez, wurde der gesperrte Verteidiger Mats Hummels gefragt. Seine Antwort kam so schnell, dass sie unter keinerlei Koketterie-Verdacht fiel. "Mario!", sagte Hummels, "wir haben defensiv ja keinen schlechten Job abgeliefert. Gefehlt hat einer, der den Ball rein schießt." Und Toni Kroos meinte, das Einzige, was man sich vorwerfen könne, sei, "dass wir in diesem Turnier nicht ganz so kaltschnäuzig waren und unsere Chancen nicht so konsequent genutzt haben wie vor zwei Jahren". Die Deutschen haben sechs EM-Spiele gebraucht, um jene sieben Tore zu erzielen, die sie bei der WM im Halbfinale gegen Brasilien hinbekommen haben.