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Fußball-EM erst 2021:Die Verlegung der EM wird Folgen haben

Pausenclown: Skillzy, das offizielle Maskottchen der Europameisterschaft, muss sich jetzt (mindestens) bis zum Sommer 2021 fit halten.

(Foto: Olga Maltseva/AFP)
  • Die Uefa verlegt die Fußball-EM wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr auf 2021 - das verschafft den nationalen Ligen mehr Chancen, ihren brachliegenden Spielbetrieb zu Ende bringen zu können.
  • Am Abend wird bekannt, dass die Fifa Infantinos Lieblingsprojekt wird, die Klub-WM, verschieben will.

Den ganzen Tag über waren die Spitzen des europäischen Fußballverbandes am Dienstag in Videokonferenzen zugange. Am späten Vormittag schalteten sie sich mit den Vertretern von Ligen, Klubs und Spielergewerkschaft zusammen. Etwas später waren die 55 Nationalverbände dran. Und als Letztes beratschlagte sich das Exekutivkomitee um den Uefa-Präsidenten Aleksander Ceferin intern, ehe der Verband am Nachmittag die Entscheidung verkündete: Die Austragung der Fußball-Europameisterschaft, die vom 12. Juni an in zwölf europäischen Ländern stattfinden sollte, wird wegen der Ausbreitung des Coronavirus verschoben. Stattdessen soll sie in der Zeit vom 11. Juni bis zum 11. Juli 2021 nachgeholt werden.

"Es war wichtig, dass die Uefa als Dachverband des europäischen Fußballs den Prozess anführte und das größte Opfer brachte", sagte Ceferin. Die Verschiebung sei für die Uefa mit enormen Kosten verbunden. Aber der Gedanke, "ein europaweites Fußballfestival in leeren Stadien mit verlassenen Fanzonen zu feiern, während der Kontinent isoliert zu Hause liegt", sei freudlos. Die Offiziellen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) begrüßten den Schritt. "Wir alle müssen die Gesundheit und das Leben von Menschen schützen, das gilt selbstverständlich auch für den Fußball. Deshalb ist es völlig richtig und alternativlos, die Euro zu verschieben", sagte Bundestrainer Joachim Löw.

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Es ist das erste Mal in der 60-jährigen Geschichte des Turnieres, dass die Endrunde verschoben wird. Aber es ist zugleich auch eine bemerkenswerte Entscheidung in einem schon lange schwelenden Kampf zwischen der Uefa und dem Fußball-Weltverband Fifa. In einem Kampf um Macht, Märkte und Milliarden.

Denn der Sommer-2021-Termin war eigentlich durch die Fifa besetzt. Deren umstrittener Boss Gianni Infantino wollte in dieser Zeit seine neue, aufgeblähte Klub-WM mit 24 Teilnehmern ausrichten. Und das just in China, wo die Corona-Krise ihren Anfang nahm. Aber das konnte die Fifa nicht halten. Parallel zur Uefa beschloss am Dienstag auch der Südamerika-Verband Conmebol, sein Nationenturnier Copa America auf 2021 zu vertagen. Am Abend teilte die Fifa mit, dass sie die Klub-WM verschieben wird. Den genauen Zeitpunkt nannte sie noch nicht, die wahrscheinlichste Option ist der Sommer 2023.

Dabei ist das keineswegs eine großherzige Geste des Weltverbandes. Vielmehr kommt sie auch Infantino zugute. Denn der Fifa-Boss hatte den potenziellen Startern Einnahmen von mindestens einer Milliarde Euro in Aussicht gestellt. Aber es ist derzeit überhaupt nicht absehbar, wie Infantino genügend Sponsorengeld für das Turnier akquirieren kann. Zumal es nur in Europa und in Südamerika ausreichend Klub-Prominenz gibt, die ein solches Turnier zum globalen Erfolg führen kann. Aber just die Spitzen von deren Kontinentalverbänden Uefa und Conmebol führen den Widerstand gegen die undurchsichtigen Alleingänge Infantinos an.

So spielte die Verlegung der EM und der Copa in den Sommer 2021 Infantino sogar in die Karten. Er konnte die Klub-WM mit dem Verweis darauf verschieben - und geriet nicht in die Peinlichkeit, eingestehen zu müssen, dass von den versprochenen Milliardeninvestoren nichts zu sehen ist. Zudem dürfte es nun hinter den Kulissen um etwaige Kompensationen für die Verlegung der Klub-WM gehen. So kursiert bereits das Szenario, dass die Uefa eine höhere Zahl an Startern zur Klub-WM entsenden soll - bisher sind nur acht vorgesehen.

Am EM-Modus soll sich 2021 nach Möglichkeit nichts ändern

Der Profiteur der Verschiebungen sind die nationalen Ligen. Die haben nun Spielraum, ihre unterbrochenen Saisons vielleicht doch noch irgendwie zu Ende zu bringen - wenngleich bestenfalls mithilfe sogenannter Geisterspiele ohne Publikum. In der Bundesliga stehen noch neun reguläre Spieltage aus, ebenso in der Premier League, in den anderen europäischen Top-Ligen in Frankreich (10), Spanien (11) und Italien (12) sogar noch mehr. Dabei gibt es sogar zunehmend Diskussionen, ob die Saison über den 30. Juni hinaus verlängert werden könnte. Das ist bisher der Stichtag fürs Saisonende - zumal dann viele Profiverträge auslaufen.

Doch in der aktuellen Situation werden alle Begrenzungen in Frage gestellt. In Spanien und Italien ist die finanzielle Lage so dramatisch, dass manche Klubs unter allen Umständen die Saison zu Ende spielen wollen, notfalls erst im September. Spaniens Verbands-Boss Luis Rubiales erklärte, das Datum dürfe keine unüberwindbare Mauer sein. In Deutschland betonte Liga-Chef Christian Seifert nach der Mitgliederversammlung am Montag zwar, dass es das Ziel sei, bis zum 30. Juni fertig zu sein. Aber am Rande der Zusammenkunft der 36 Erst- und Zweitligisten war eine Verlängerung bereits ein Thema.

Der Uefa wiederum kommt bei der EM-Verlegung ironischerweise zugute, dass vor einem knappen Jahrzehnt Ceferins Vorgänger Michel Platini das Turnier aus Mangel an geeigneten Gastgebern über den gesamten Kontinent streute. Kein Land muss nun allein mit der Verschiebung klarkommen, die Last verteilt sich auf viele Schultern. Juristische Probleme mit den Fernsehrechteinhabern, in Deutschland ARD und ZDF, dürfte die Verlegung kaum bringen. Nach SZ-Informationen ist in den ursprünglichen Verträgen ohnehin eine Klausel enthalten, nach der sich das Turnier um bis zu 13 Monate verschieben kann.

An den Rahmenbedingungen der EM soll sich nach Möglichkeit nichts ändern. Ausgelost sind bereits sechs Gruppen an zwölf Standorten, darunter drei Vorrundenpartien der deutschen Nationalelf sowie ein Viertelfinale in München. Die Eröffnung soll in Rom stattfinden, die beiden Halbfinals und das Endspiel in London. Aber absolut fix ist das nicht.

Klar ist hingegen, dass die Verlegung auch Folgen für andere Wettbewerbe haben wird. Frauen-EM, U21-EM und das Finale der Nations League waren für kommenden Sommer geplant und brauchen neue Termine. Die Europacup-Saison, die mitten im Achtelfinale gestoppt wurde, ist fürs Erste ausgesetzt. Eine Arbeitsgruppe soll sich Gedanken über den Spielkalender machen. Aber klar ist schon, dass mehr Flexibilität einkehren soll. Europapokalspiele sollen auch mal am Wochenende möglich sein und Ligaspiele verstärkt unter der Woche. Sollte der Fußball wieder den Betrieb aufnehmen können, wird es zu sehr ungewohnten Konstellationen kommen.

© SZ vom 18.03.2020/ebc
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