Belgien verliert gegen die Slowakei:Die EM hat ihre erste große Überraschung

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Zum Verzweifeln: Romelu Lukaku erzielte trotz bester Chancen und wegen zweier Videoschiedsrichtereingriffe kein Tor. (Foto: Kirill Kudryavtsev/AFP)

Ein De Bruyne reicht nicht: Belgien verliert gegen Außenseiter Slowakei mit 0:1. Dabei werden zwei vermeintliche Tore von Romelu Lukaku mithilfe des VAR zurückgepfiffen.

Von Sebastian Fischer, Frankfurt

Die belgischen Fans in Frankfurt hätten ihre Verehrung kaum deutlicher machen können. „Oh, Kevin De Bruyne“, sangen sie schon auf dem Weg zum Stadion, „Oh, Kevin De Bruyne“, sangen sie kurz vor Anpfiff des Spiels gegen die Slowakei. Auch wenn einige Mitglieder der viel zitierten goldenen Generation belgischer Fußballer inzwischen abgetreten sind – ihr seit Jahren bester Spieler ist ja immer noch da.

De Bruyne zeigte auch bei Belgiens EM-Auftakt, zum Start seines sechsten großen Turniers, seine herausragende Klasse. Der 32-Jährige sah Lücken, die niemand anders sieht, und spielte Pässe, die niemand anders spielt. Aber gemeinsam mit den belgischen Fußballern der folgenden Generation ist das trotzdem nicht zwangsläufig erfolgreich. Belgien verlor gegen den Außenseiter mit 0:1 (0:1), auch weil den Ideen De Bruynes die Vollendung fehlte. Viele Chancen vergaben die Belgier, zwei vermeintliche Treffer von Stürmer Romelu Lukaku wurden nach Überprüfung der Videobilder zurückgenommen. Und so hatte die EM ihre erste große Überraschung.

Zwar gelten die Belgier diesmal erstmals seit Jahren nicht als mehr oder weniger geheimer Favorit, zu ernüchternd war das Aus in der Gruppenphase bei der WM 2022. Aber herausragende Fußballer finden sich in ihren Reihen neben De Bruyne natürlich immer noch genügend, allen voran Lukaku, 31. Außerdem hatten sie vor der EM 14 Mal nicht verloren, seit der frühere Bundesligatrainer Domenico Tedesco im Februar 2023 den Trainerjob übernahm.

Tedesco hat auch die bewährten Axel Witsel, 35, und Thomas Meunier, 32, in seinem Aufgebot, beide fehlten aber gegen die Slowakei noch angeschlagen und verletzt. Es mussten also mindestens zum Teil auch die Jungen richten. Einer der Talentiertesten ist der Flügelspieler Jeremy Doku, 22, Teamkollege von De Bruyne bei Manchester City.

In der dritten Minute unternahm er seinen ersten Lauf in Richtung Tor, war von keinem Slowaken zu halten, über De Bruyne erreichte der Ball im Strafraum Lukaku, und es hätte schon das Führungstor für die Belgier sein müssen. Doch der Stürmer bekam den Ball aus kürzester Distanz nicht am Torwart Martin Dubravka vorbei.

Oft spielen die Belgier in den entscheidenden Momenten vorne unpräzise

In der siebten Minute dribbelte Doku wieder, aber diesmal nahe der Eckfahne, und sein anschließender Pass auf Innenverteidiger Wout Faes geriet so ungenau, dass der Slowake Ivan Schranz im belgischen Strafraum den Ball gewann und sofort mit der Hacke zurücklegte. Den ersten Schuss von Juraj Kucka konnte Koen Casteels im Tor der Belgier noch parieren, gegen den Nachschuss von Schranz war er chancenlos.

Nun lagen die Belgier also zurück, gegen einen der klaren Außenseiter dieses Turniers. Der bekannteste Slowake bei dieser EM ist wohl immer noch Marek Hamsik, obwohl der ehemalige Mittelfeldspieler der SSC Neapel inzwischen nur noch als Manager dabei ist. Der Berühmteste auf dem Feld ist Verteidiger und Kapitän Milan Skriniar von Paris Saint-Germain. Und dann haben sie noch einen Trainer, der seine Klasse schon unter Beweis gestellt hat. Der Italiener Francesco Calzona war zuletzt jedenfalls ein paar Monate lang gleichzeitig Coach in Neapel.

Mit den Ideen Calzonas, sein Team aggressiv verteidigen und immer wieder auch Lösungen mit dem Ball suchen zu lassen, hatten die Belgier Probleme. Sie erspielten sich zwar Chancen, meist von De Bruyne eingeleitet wie in der 21. Minute, als der Mittelfeldspieler den Ball im Pressing gegen Torwart Dubravka gewann, aber Leandro Trossard schoss über das verwaiste Tor. Oft waren die Belgier in den entscheidenden Momenten vorne unpräzise, im Spielaufbau manchmal etwas verhalten. Und in der 40. Minute musste Casteels das 0:2 verhindern, als er einen Volleyschuss von Lukas Haraslin hielt.

Der Ball war drin - das Tor aber zählte nicht: Romelu Lukaku trifft gegen Torhüter Martin Dubravka zum 1:1, doch nach VAR-Überprüfung wird annulliert. (Foto: Swen Pförtner/dpa)

In der zweiten Halbzeit deutete sich dann schnell ein belgischer Sturmlauf an. In der 55. Minute traf der bis dahin im Abschluss fahrige Lukaku, aber sein Tor wurde aberkannt, weil er nach der Kopfballvorlage von Amadou Onana knapp im Abseits gestanden war.

Nun folgte Chance auf Chance. Erst schoss wieder Lukaku nach einer Flanke von De Bruyne nur ans Außennetz, dann schaffte es Johan Bakayoko nicht, den Ball aus wenigen Metern im nur noch von slowakischen Verteidigern versperrten Tor unterzubringen. Tedesco hatte den 21-jährigen Flügelstürmer von PSV Eindhoven kurz zuvor, in der 58. Minute, für den defensiven Mittelfeldspieler Orel Mangala gebracht. Spätestens als kurz vor Schluss auch noch Loïs Openda und Dodi Lukebakio kamen, stürmten die Belgier wirklich mit allem, was sie hatten.

Doch die Slowaken hörten nicht auf, sich zu wehren, und ihre in beachtlicher Zahl angereisten Fans schienen lauter zu werden, je länger die Führung hielt. Sie jubelten schließlich wie über ein eigenes Tor, als in der 88. Minute zum zweiten Mal der vermeintliche Ausgleich zurückgepfiffen wurde. Openda hatte vor seiner Vorlage den Ball mit der Hand gespielt. Wieder wäre der Torschütze Lukaku gewesen.

Die Belgier können in der Gruppe mit der Ukraine und Rumänien nun natürlich immer noch weiterkommen, zumal im Modus, der auch die vier besten Gruppendritten ins Achtelfinale mitschleppt. Aber als Favorit gelten sie erst mal wirklich nicht mehr.

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