Fußball-EM 2020:Absagen!

UEFA Euro 2020 mascot Skillzy poses for a photo with the official match ball at Olympiapark in Munich

Das Logo der Euro 2020.

(Foto: REUTERS)

Die Uefa sollte die anstehende Fußball-EM verschieben - je schneller, desto besser. Das groteske Problem: Den Sommer 2021 hat bereits die Fifa blockiert.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Wer die Bilder aus dem stillgestellten Italien sieht, die Berichte liest über die überfüllten Krankenhäuser in der Lombardei, dessen Vorstellungskraft übersteigt es, dass dort am 12. Juni ein gewaltiges Fußballturnier eröffnet werden kann. In Rom, so steht es im Terminplan, sollen die Türkei und Italien im EM-Eröffnungsspiel aufeinandertreffen. Dies ist als Einstieg in ein großflächiges Vorhaben gedacht: zwölf Länder, zwölf Städte, 24 Mannschaften. Die PR-Idee dazu war ursprünglich, dass sich der Kontinent einmal als Einheit zeigt. Dieses Vorhaben ist, dazu muss man weder Virologe noch wundergläubig sein, nicht mehr zu halten. Der Europäische Fußballverband Uefa ist zu dieser Einsicht noch nicht gelangt, offiziell zumindest. Die letzte Stellungnahme, die bis zum Mittwochabend zu hören war, lautete: Die EM werde am 12. Juni in Rom gestartet, basta.

Natürlich arbeitet auch die Uefa an Krisenplänen. Es könnte Geisterspiele ohne Publikum geben, wie sie bis auf Weiteres die Bundesliga plant. Es könnte eine Konzentration auf jene EM-Städte geben, in denen das Virus weniger gewütet hat, beispielsweise eine Verlegung aus Rom ins derzeit kaum betroffene Dublin. Man darf dies kurz diskutieren, das ist das gute und teure Recht jedes Großveranstalters, denn Hunderte Verträge sind juristisch zu prüfen. Doch es gibt nur eine angemessene Entscheidung, und je schneller die Uefa zu dieser Erkenntnis gelangt, desto bester: Absagen! Verschieben!

Im ureigenen Interesse, wobei die nachrangige Frage ist, ob nach einem Coronawinter überhaupt jemand Lust auf einen Fußballsommer entwickeln kann?

Ohne Europas Beste wäre die Klub-WM eine Farce

Vorrangig ist es für die Verantwortlichen jetzt im Sport, Druck vom Kessel zu nehmen, der Hysterie entgegenzuwirken und deshalb das Diktat der Termine aufzulösen. In Japan werden bereits Pläne gerollt, die Olympischen Sommerspiele auf 2022 zu verschieben, für die EM böte sich 2021 an (2022 geht nicht, da ist Winter-WM in Katar). So könnte der Fußball pausieren, nachdenken, Haltung finden, wie, wo und ob es weitergehen kann.

Denn die Frist setzt jener 12. Juni, setzt die EM: Zwei Wochen vorher starten die Trainingslager der Nationalteams, bis zum 30. Mai, dem Champions-League-Finale in Istanbul, muss, Stand heute, alles durch sein. Eine schnelle EM-Absage würde den Spielraum von Vereinen und Verbänden bis tief in den Sommer erweitern, zu ihren sportlichen Entscheidungen zu finden. Oder aber 2020 aus humanitären wie wirtschaftlichen Gründen auf Meistertitel zu verzichten, wie es das deutsche Eishockey am Dienstag exerziert hat.

Es gibt allerdings ein fußballinternes Problem, und das ist so grotesk wie gravierend: Der Sommer 2021 ist bereits geblockt. Denn dann soll das nächste gigantische Sportkonstrukt Premiere haben, die alte Klub-Weltmeisterschaft, aufgepeppt auf 24 Mannschaften. Veranstalter ist der Weltverband Fifa, der die Klub-WM zielgerichtet als Konkurrenzprodukt zur Champions League der Uefa in Szene setzen will. Seit Monaten tobt ein marktradikaler Kampf um Macht und Milliarden, personifiziert durch den slowenischen Uefa-Präsidenten Aleksander Ceferin und seinen Antipoden, den Schweizer Fifa-Boss Gianni Infantino.

Wollte er die EM um ein Jahr verschieben, bräuchte Ceferin das Plazet der europäischen Großklubs, dass diese im nächsten Jahr erst die Champions League spielen - und anschließend ihre Nationalspieler für die EM freistellen. Das wird zur Loyalitätsfrage. Ohne Europas Beste ist eine Klub-WM eine Farce, doch nicht nur Real Madrid flirtet mit Infantino.

Ein Signal wäre es, würde Ceferins Uefa sofort über die EM entscheiden. Anschließend bleibt Zeit genug fürs absurde Fußball-Theater um Titel und Termine. Denn auch Infantino hat sein akutes Corona-Problem: Die Idee der Klub-WM hat er nach China verkauft, als einer der acht Spielorte ist Wuhan vorgesehen. Also jener Ort, an dem nach aktueller Deutung auf einem Fischmarkt alles begann.

© SZ vom 12.03.2020/ebc
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