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Fußball:Doofe Statistik

Der Stürmer Nils Petersen steht trotz seines Fehlschusses im Elfmeterschießen für den Erfolg dieser Olympia-Mannschaft. Horst Hrubesch tritt als Trainer ab.

Der Stürmer Nils Petersen ist ein ziemlich gradliniger Bursche, was im Profifußball durchaus als Besonderheit wertgeschätzt wird. Als er vor ein paar Jahren vom FC Bayern zu Werder Bremen wechselte, lief es erst sehr gut, was bei einem Stürmer bedeutet: Er traf. Die Bremer waren kurz davor, ihn in die grün-weiße Kernfamilie einzugemeinden, aber irgendwann lief es nicht mehr, er war im Loch und wurde ausgepfiffen und schließlich nach Freiburg verkauft, in die zweite Liga. Ein Rückschritt? Wie man es nimmt. "Mich wollte in der Bundesliga ja keiner mehr haben - übertrieben ausgedrückt", sagte Nils Petersen. Geradlinigkeit ist dann am überzeugendsten, wenn sie richtig wehtut.

Bei Freiburg lief es hervorragend, Petersen schoss das Team in die erste Liga zurück, und er schoss sich selbst in die deutsche Olympia-Auswahl, laut Reglement eine Melange aus jungen Spielern, ergänzt um drei Oldies. Trainer Horst Hrubesch nominierte die Bender-Zwillinge und Petersen, der in allen Mannschaften, für die er gespielt hat, als loyaler Kollege eingestuft wurde. Es gibt die Querulanten, und es gibt die Petersens, und manchmal beschleicht einen das Gefühl, die Petersens würden in der öffentlichen Wahrnehmung nicht angemessen entlohnt für ihre Mannschaftsdienlichkeit, sie gelten als blass, was im schillernden Betrieb ein Makel ist.

Kann sein, dass man gerade einem wie ihm besonders gewünscht hätte, er möge seinen Strafstoß im Elfmeterschießen des olympischen Fußballturniers im Kasten der Brasilianer versenken; ein guter Typ von jetzt auch schon 27 Jahren, der es verdient hat, noch mal richtig rauszukommen. Kann aber auch sein, dass man schon bei der langen Wanderung des Stürmers vom Mittelkreis zum Elfmeterpunkt etwas Verhaltenes in seinem Gang zu erkennen glaubte. Und dann, auf dem Bildschirm im Stadion, tatsächlich etwas Unsicheres in seinem Blick erkannte. Es gibt Fußballer - und oft sind es solche wie Petersen, die kein Pokerface hinkriegen -, denen sieht man an, dass es schwierig werden könnte mit dem Elfer. Petersen verschoss, alle anderen trafen. Brasilien hatte das Gold.

Horst Hrubesch, führte 2016 als Trainer eine deutsche Elf ins Olympia-Finale.

(Foto: Odd Andersen/AFP)

Der fünfte Schütze einer Mannschaft schleppt eine besondere Last, Petersen sagte: "Ich habe einfach versucht, Verantwortung zu übernehmen." Es klang, als hätte ihn nicht nur Überzeugung an den Punkt getrieben, sondern Verantwortungsbewusstsein. Und das Bedürfnis, jenes Vertrauen zurückzuzahlen, das Hrubesch vorgestreckt hatte, indem er ihn ins Aufgebot berief. Dass einer wie er überhaupt mal die Gelegenheit haben würde, im Maracanã zu spielen und am Ende ins direkte Elfmeterduell mit Neymar einzutreten, ist einerseits wundersam genug und ein Geschenk. Andererseits hatte Petersen mit seinen sechs Toren viel dafür getan, seine Mannschaft überhaupt in dieses Finale zu bringen, fünf Treffer schoss er zwar gegen Fidschi, aber die wollen ja auch erst mal geschossen sein. Fidschis Torwart, ein Mann mit dem hervorragenden Namen Simione Tamanisau, wird Petersen in bleibender Erinnerung behalten als Killer mit dem freundlichen Gesicht. Allerdings hatte Petersen sich darum bemüht, seine Tore nicht großartig zu bejubeln, auch da ist er eine Ausnahme unter vielen Stürmern, denen das Zelebrieren des Treffers so wichtig zu sein scheint wie der Treffer selbst.

"Im Elfmeterschießen ist immer einer der Doofe, das war heute ich", sagte Petersen: "Statistisch gesehen muss halt irgendwann mal einer verschießen." Er versuchte, einigermaßen gefasst auszusehen dabei, was ihm nicht gelang, weil er schon ein paar Meter weiter über den Schmerz sprach. Eine Chance verschenken, die nicht wiederkommt: Das geht tief. "So eine Situation ist schwer auszuhalten für ein Fußballerherz", sagte er, und ein Fußballerherz gleicht ja dem Herzen eines Boxers, das - wie Max Schmeling gesungen hat - imstande sein muss, "alles zu vergessen, sonst schlägt ihn der Nächste Knockout".

Nils Petersen allerdings will nicht vergessen, er will sich erinnern. An die Stimmung in der Mannschaft; wie sie zusammengewachsen ist, nachdem es am Anfang so viel Theater um die Aufstellung gab. Manchen Klubs war die Bundesligavorbereitung wichtiger, sie ließen ihre Profis nicht nach Rio. Und auch diejenigen durften nicht mit, die bei der Euro ewig auf der Bank gesessen hatten. Mit Sané und Weigl hätte womöglich ein Ensemble wachsen können, das den Brasilianern noch mehr entgegenzusetzen gehabt hätte als jenes, das im Finale stand. Die deutsche Mannschaft wehrte sich, hielt dagegen, traf mehrmals die Latte; die Brasilianer wirkten gegen Schluss erledigt. Aber wer sagen würde, sie hätten unverdient gewonnen, der müsste mit Widerspruch rechnen.

Football - Men's Tournament Gold Medal Match

Nicht hart genug, zu wenig platziert: Nils Petersen scheiterte im Elfmeterschießen an seinen Nerven - und an Brasiliens Torwart Weverton.

(Foto: Fernando Donasci/Reuters)

"Der Trainer ist einfach ein geiler Mensch", betont Brandt

Nils Petersen will sich erinnern an die aufregenden Tage von Rio, und an das Privileg, mit einem Trainer arbeiten zu dürfen, den die Mannschaft ganz offenbar liebt. Das Finale war das letzte große Spiel von Horst Hrubesch. Petersen sagte: "Wir hätten es gern für ihn gewonnen." Julian Brandt, der begabte Mittelfeldspieler, sagte: "Der Trainer ist einfach ein geiler Mensch. Er hat Qualitäten, die man nicht oft findet, das muss man einfach sagen."

Währenddessen saß Hrubesch, warme Seele in eher grobem Körper, ein paar Räume weiter im Bauch des Maracanã und versuchte, die Niederlage einzuordnen. Silber ist eine große Leistung für eine deutsche Mannschaft. Die einzige Medaille für den DFB war zuvor Bronze in Seoul 1988 gewesen; die DDR-Auswahl hatte zuvor Gold (1976 in Montreal) und Silber (1980 in Moskau) geholt. Und Elfmeterschießen? Ist am Ende immer auch Glückssache. "Hab' ich selber erlebt, beim WM-Halbfinale '82 gegen Frankreich", sagte Hrubesch, in bester Absicht hatte er allerdings das falsche Beispiel aus dem Gedächtnis gekramt.

"Okay, meiner ist damals reingegangen." Eine spezifische Stimmung also nach der Niederlage in einem doch bedeutenden Spiel. Viel Traurigkeit, über das Ergebnis genauso wie über den Abschied vom guten, alten Coach. Andererseits: die tapfer abgerungene Einsicht, dass eine Pleite für die Brasilianer schlimmer gewesen wäre, eine Retraumatisierung. "Sie waren halt den einen Elfmeter besser", sagte Nils Petersen über die Gegner, die enormem Druck ausgesetzt waren und dem Druck standhielten, besonders im Shootout gegen die Elfer-Experten aus Alemanha. Die als Fußballnation im Loch waren und sich gerade wieder hochstrampeln; die verspottet wurden und die Zuneigung des Publikums neu entfachen wollen.

Wer wüsste besser als der Stürmer Nils Petersen, wie großartig das Gefühl ist, wenn es gelingt?