Deutsche Nationalelf:Auf der Suche nach aufsehenerregenden Fußballern

Nationalmannschaft: Florian Wirtz feiert den Sieg im Halbfinale der U-21-EM 2021 gegen die Niederlande

Einer, der bald im Trikot der A-Mannschaft stecken könnte: Florian Wirtz, Anfang Juni nach dem Sieg im Halbfinale der U-21-EM gegen die Niederlande.

(Foto: Zsolt Szigetvary/AP)

Wer von Bundestrainer Flick die Einberufung neuer Talente erwartet, wird enttäuscht sein. Auch die Nominierung des Olympiakaders an diesem Montag zeigt, dass sich nur wenige Namen aufdrängen.

Von Christof Kneer

Im sehr, sehr Kleingedruckten ist kürzlich vermeldet worden, dass Jann-Fiete Arp zu Holstein Kiel wechselt. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, Arp stammt aus der Region, und Holstein Kiel ist ein ambitionierter Verein. Es ist nur so, dass die Öffentlichkeit eigentlich andere Pläne mit diesem jungen Mann hatte. Er sollte bei der aktuellen Europameisterschaft längst für Deutschland spielen, am besten, nachdem er zuvor Torschützenkönig der Bundesliga geworden war.

Arp, 21, wurde mal "millennium kid" genannt, weil er am 6. Januar 2000 geboren ist, und er wird für immer in den Statistiken stehen, weil er der erste im neuen Jahrtausend geborene Spieler war, der in der Bundesliga zum Einsatz kam. Im Oktober 2017 war das, dummerweise im Trikot des Hamburger SV. Den Kosenamen "millennium kid" hat er nicht lange behalten, bald schon übernahm ihn Nicolas Kühn, geboren am 1. Januar 2000.

Früh schnappte sich der FC Bayern beide Talente, gemäß dem klubeigenen Selbstverständnis, Jahrhundertbegabungen gehörten natürlich nach München und sonst nirgendwohin. Nun sind die beiden mit Bayerns zweiter Mannschaft in die vierte Liga abgestiegen, und für beide gilt es als persönlicher Erfolg, dass sie sich in der neuen Saison in der zweiten Liga wiedertreffen. Arp stürmt also künftig für Kiel, jedenfalls, wenn sie ihn dort in die Stammelf lassen. Und Kühn, 2019 noch ausgezeichnet mit der goldenen Fritz-Walter-Medaille, wird es bei Erzgebirge Aue versuchen. Leihweise.

Jann-Fiete Arp und Nicolas Kühn werden nicht im ersten Aufgebot stehen, das der neue Bundestrainer Hansi Flick Ende August bestellen wird. Zwar hat das auch keiner erwartet, aber dennoch kann es fürs Land gerade ganz sinnvoll sein, sich an die beiden zu erinnern. Ihre Namen stehen nicht nur stellvertretend für die irren Erwartungen, die die Branche mitunter in begabte Buben hineinprojiziert. An beiden lässt sich auch jenes Phänomen ablesen, das Flick ab sofort beschäftigen wird: Talentprognose ist die heikelste Disziplin im Fußball, nicht nur bei 14-Jährigen. Auch ein blendend veranlagter 17- oder 18-Jähriger ist noch lange kein A-Nationalspieler und wird es wahrscheinlich nie.

Aus den U-21-Europameistern von 2017 sind keine Weltstars, sondern gute Bundesligaspieler geworden

Der Fußballfunktionär Michael Reschke kann sich noch gut an die U-21-EM im Sommer 2017 erinnern, er hat sie vom ersten bis zum letzten Pfiff verfolgt, damals noch als Technischer Direktor im Auftrag des FC Bayern. Reschke hat die DFB-Elf in Polen den Titel holen sehen, aber es wundert ihn nicht, dass es aus dieser Mannschaft nur Serge Gnabry ins A-Aufgebot geschafft hat und aus allen anderen ordentliche (Mitchell Weiser, Janik Haberer, Levin Öztunali), gute (Niklas Stark, Marc Oliver Kempf, Yannick Gerhardt) oder auch sehr gute Bundesligaspieler (Maximilian Arnold, Nadiem Amiri) geworden sind.

"Manchmal holen Mannschaften den Titel, weil sie einfach als Mannschaft gut funktionieren, weil sie vom Trainer gut eingestellt sind, weil sich eine Turnierdynamik ergibt", sagt Reschke. Ähnlich sei das auch bei den A-Junioren, auch da könne man nicht davon ausgehen, dass die besten Spieler aus der Meistermannschaft im nächsten oder übernächsten Jahr oder überhaupt mal in der Bundesliga spielen. Im bislang letzten A-Junioren-Finale 2019 siegte Borussia Dortmund gegen den VfB Stuttgart - ein BVB-Talent namens Tobias Raschl hat seitdem exakt ein Bundesligaspiel absolviert, beim VfB verteilen sich zwölf Erstligaspiele auf vier Spieler. Auch aus den Siegerteams der Jahre zuvor ist bislang kein etablierter Erstligaprofi emporgewachsen.

Fußball EM - Deutschland - Ungarn

Gilt als Versprechen des deutschen Fußballs: Jamal Musiala, 18, vom FC Bayern durfte auch bei der EM ein paar Minuten aufs Feld - hier gegen Ungarn mit Endre Botka (rechts).

(Foto: Christian Charisius/dpa)

All das wird Flick mit bedenken, wenn die Fußball-Stammtische nun Mats Hummels, 32, und İlkay Gündoğan, 30, in Rente schicken wollen und am besten gleich noch die steinalten 25-jährigen Timo Werner und Leroy Sané dazu. In Deutschland ist derzeit kaum ein Spieler vom aufsehenerregenden Format des 19-jährigen Belgiers Jérémy Doku erahnbar. Allenfalls der Münchner Jamal Musiala, 18, der Leverkusener Florian Wirtz, 18, und BVB-Stürmer Youssoufa Moukoko, 16, gelten als Versprechen, die sich womöglich mal einlösen lassen. Wirtz wird immerhin eine Entwicklung wie Kai Havertz zugetraut, der mit 22 an der Schwelle zum internationalen Topstar steht. Vielleicht ist er mit einem Fuß auch schon drüber.

Florian Wirtz, Ridle Baku, vielleicht Lukas Nmecha - aber sonst?

So wird sich die vom abermaligen frühen Turnier-Aus erschütterte Nation darauf gefasst machen müssen, dass der neue Bundestrainer keinesfalls zwei Dutzend neue Talente einberufen wird. Wenn Flick einen Blick über die aktuellen U-21-Europameister und den Olympiakader schweifen lässt, der an diesem Montag präsentiert wird, dann dürften ihm neben Wirtz und Arnold nur der Wolfsburger Außenbahnspieler Ridle Baku, 23, und vielleicht Stürmer Lukas Nmecha, 22, auffallen, deren Tauglichkeit auf hohem Niveau allerdings noch nicht bewiesen ist.

Offenkundig ist der deutsche Fußball zurzeit nicht mit herausragenden Talenten verwöhnt, das sagen alle, die sich mit Aufzucht und Hege auskennen, aber Flick weiß längst, was auf ihn zukommt. Er wird die Nationalelf nur allmählich verjüngen und erst mal auf die Erkenntnis der U-21- und A-Junioren-Titelkämpfe vertrauen: dass man auch was gewinnen kann, wenn eine Mannschaft gut funktioniert, wenn sie vom Trainer gut eingestellt ist und sich eine Turnierdynamik ergibt.

© SZ/sjo/bkl/and
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