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Fußball:Toni Schumacher, bis heute der "hässliche Deutsche"

Nur, so weit ist es nicht. Denn erstens handelt es sich bei Freude und Stolz, der da in Stadien und vorm Fernseher aufbricht, um einen strikt konditionierten Patriotismus. Nur Erfolg verspricht Erlösung. Im Falle einer Niederlage wäre das neue Wir-Gefühl sofort ruiniert - man hätte es doch schon vorher gewusst. Zweitens erwarten die Franzosen noch zweimal 90 (oder gar 120) Spielminuten. Und drittens lauern nun die Deutschen, ausgerechnet.

Les Allemands! Seit mehr als einem halben Jahrhundert - exakt seit 1958 - hat Frankreich bei keiner WM oder EM mehr gegen Deutschland gewonnen. Das Trauma ähnelt jenem Fluch, den die Deutschen soeben mit ihrem ersten Turniersieg gegen Italien überwunden haben. Adler besiegt Hahn, so ging es bekanntlich auch 1982 aus. Der deutsche Sieg im Halbfinale von Sevilla war schlimm, schlimmer ist immer noch die Erinnerung an das brutale Foul des deutschen Torwarts. Toni Schumacher verkörpert bis heute den "hässlichen Deutschen". Nach ihm, nicht nach Hitler, fragen französische Fans dieser Tage ihre Bekannten vom anderen Rheinufer.

Der Triumph wäre den Nachbarn zu gönnen

Selbstverständlich geht es nun um mehr als um Fußball. Frankreich spürt seine wirtschaftliche Schwäche. Und es muss neidvoll zusehen, wie das gemeinsame Europa immer deutscher wird. Angela Merkel ringt Respekt ab. Aber es wurmt (nicht nur) die Franzosen, wie die Kanzlerin seit Jahr und Tag den Kontinent wirtschaftspolitisch züchtigt und nun - mit Willkommenskultur und EU-Quoten für Flüchtlinge - obendrein auch noch moralisch zur Oberlehrerin avanciert. Mal selbstquälerisch, mal fast lustvoll kultivieren viele Franzosen ihre Minderwertigkeitskomplexe. Als sei "drüben" alles besser: die Autos schneller, die Spülmaschine leiser, die Politiker schlauer - und die Fußballer brillanter.

Ein Sieg über Deutschland wäre für Frankreich weit mehr als ein gewonnenes Spiel. Es wäre ein Akt der Befreiung. Nein, die Franzosen wollen nichts geschenkt haben. Und ja, beim Fußball hört die Freundschaft auf, auch die deutsch-französische. Nur für den Fall, dass der viermalige Weltmeister diesmal nicht seinen vierten kontinentalen Titel ergattern kann: Der Triumph wäre den Nachbarn zu gönnen. Ein innerlich erstarktes Frankreich hilft Europa, auch den Deutschen. Und was die wichtigste Nebensache betrifft: Schön spielen tun sie eh.

© SZ vom 05.07.2016/fued

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