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Fußball:Damit die Decke nicht auf den Kopf fällt

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Auf der Baustelle muss in Corona-Zeiten Abstand gehalten werden: Abulai Calaban Dabo, Kevin Rääbis und Sasha Diakiese vom SV Donaustauf (v.l.).

(Foto: OH)

Drei Spieler des Bayernligisten SV Donaustauf halten sich auf einer Baustelle fit.

Mittelstürmer Kevin Rääbis ist 26 Jahre alt, durchtrainiert, Typ Modellathlet. Doch das Training, das er zurzeit absolviert, fordert selbst ihm alles ab. "Am Anfang habe ich morgens beim Aufstehen meinen Körper gespürt", sagt der Este. Auf dem Papier ist er zurzeit Stürmer für den Fußball-Bayernligisten SV Donaustauf, aktuell aber arbeitet er auf einer Baustelle in der Paulinenstraße in Leipzig, zusammen mit zwei seiner Mitspieler. Das ist nicht nur besser, als dass einem die Decke auf den Kopf falle, sagt Rääbis, das macht bisweilen sogar Spaß und halte zudem fit.

Der SV hat seine erste Mannschaft in eine GmbH ausgegliedert, die ambitionierte Mannschaft holte in der Winterpause noch einige neue Spieler, darunter Rääbis. "Im Winter findet man in Deutschland nicht viele gute Stürmer", sagt Geschäftsführer Matthias Klemens, aber auch insgesamt ist der Kader recht international geraten. Gespielt haben die Neuen noch gar nicht, die für Anfang März angesetzten Partien nach der Winterpause wurden wetterbedingt abgesagt.

Die über den Fußball sozialversicherten Spieler sind jetzt in Kurzarbeit. Einige Spieler sind nach Hause gefahren, bevor die Reisebeschränkungen ausgeweitet wurden. Rääbis aber dachte sich: Was soll ich denn jetzt zu Hause? "Ich würde dort das gleiche tun wie hier: versuchen, mich fit zu halten." Aber weil Mitte März auch niemand wusste, wann der Spielbetrieb wieder aufgenommen wird, käme er möglicherweise schon allein wegen möglicher Quarantäne-Regelungen gar nicht mehr rechtzeitig zurück, um trainieren und spielen zu können. Also fragte er Klemens, ob er in seiner Firma für Altbausanierung nicht etwas für ihn habe. Der österreichische Angreifer Sasha Diakiese und der Mittelfeldspieler Abulai Calaban Dabo aus Guinea-Bissau zogen mit, Klemens besorgte ihnen eine gemeinsame Wohnung in Sachsen. Jetzt fällt ihnen nicht mehr die Decke auf den Kopf, dafür reißen sie als ungelernte Arbeiter Wände ein, stemmen Löcher in die Wand, tragen Schutt in Container.

Rääbis spricht Englisch, ein deutscher Satz geht ihm aber recht flüssig über die Lippen: "Aller Anfang ist schwer." Es gebe sehr viel zu tun auf dem Bau, und abends seien sie alle richtig müde. Doch er sagt auch, er sei zufrieden. Auch in der temporären WG komme man klar. "Nun ja, der Abu ist ein ruhiger Typ, wir sprechen Portugiesisch miteinander", sagt er. Ab und zu zockten sie auf der Konsole, aber Rääbis sagt, er bevorzuge es eigentlich eher, in der Freizeit ein paar Bücher zu lesen. In jedem Fall hört sich das alles so an, als ob da drei zusammenlebten, die einen Weg gefunden haben, sich mit der fußballfreien Krisenzeit zu arrangieren.

Klemens erzählt, dass in der Branche derzeit großer Bedarf herrscht. Viele der dazu geholten Arbeiter kämen beispielsweise aus stillgelegten Autofabriken. Warum also nicht auch ein paar Fußballer? "Für uns ist das eine Win-win-Situation", sagt Klemens, "sie bekommen die Arbeit ja selbstverständlich zusätzlich bezahlt". Nach Mindestlohn. Und natürlich arbeiten sie mit dem gebotenen Mindestabstand.

Rääbis sei ein ziemlich umtriebiger Typ, erzählt Klemens, einer, der schon ziemlich viel erlebt hat und sehr offen sei für Neues. "Der langt wirklich hin! Ich bin ja selbst jeden Tag auf der Baustelle und sehe das", so Klemens. In der Heimat hat Rääbis schon als Schauspieler gearbeitet und einmal eine Uhrenkollektion vermarktet. Im Internet findet man auch sehr schnell Bilder von ihm, auf dem sein Modellathlet-Körper im Mittelpunkt steht. Er hat aber immerhin auch schon für die U21 und die U23 seines Landes gespielt. Der Traum, Profifußballer zu werden, ist für ihn immer noch ein besonders großer. Über Donaustauf vielleicht noch einmal in der viert- oder gar dritthöchsten Spielklasse auf sich aufmerksam zu machen, das ist der Plan. Und deshalb hat es für ihn Sinn ergeben, erst einmal in Deutschland zu bleiben und abzuwarten, wie es weitergeht. Die drei von der Baustelle haben obendrein alle drei einen Vertrag, der auch für die kommende Runde noch gilt. Selbst, wenn die aktuelle Bayernliga-Saison annulliert werden sollte, werden sie also noch Spielpraxis sammeln können.

Der SV Donaustauf hat lange versucht, die Bayernliga zu erreichen, Trainer wie Klaus Augenthaler und Karsten Wettberg hatten es erfolglos probiert. Vergangene Saison stieg die Mannschaft dann endlich auf, doch jetzt steht man auf Rang elf - und hat aktuell nicht mehr viel zu gewinnen. Auch deshalb sagt Klemens, man könne damit leben, wenn die aktuelle Saison nun beendet werden würde. Dann könnte man die kommende Spielzeit ja möglicherweise noch zum geplanten Termin beginnen. Wie dem auch sei: Sobald die erste Trainingseinheit ansteht, werden Calaban Dabo, Rääbis und Diakiese von der Baustelle abgezogen und nach Regensburg gebracht.

© SZ vom 08.04.2020

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