Süddeutsche Zeitung

Arbeitsplätze im Fußball:Geister essen keine Stadionwurst

  • Vielen Beschäftigten, die im deutschen Profifußball Geld verdienen, fehlt in der Corona-Krise ihr Einkommen.
  • Mehr als 56000 Menschen arbeiteten vergangene Saison im Lizenzfußball - die Mehrzahl als indirekt Beschäftigte, oft im Sicherheitsdienst und Catering.
  • Auch Spiele ohne Zuschauer helfen wohl nur wenigen von ihnen.

Von Sebastian Fischer

Immer samstags um 15.30 Uhr hält Dirk Gläßner in diesen Tagen ein Bild in die Kamera. Es ist ein Foto von ihm, wie er in der Arena von Bayer 04 Leverkusen steht, neben dem Stadionsprecher. Gläßner ruft: "Nordkurve, seid Ihr bereit?" Dann legt er das Foto beiseite, nimmt seine Gitarre, setzt sich seinen Cowboyhut auf und beginnt zu singen. Nicht vor der Nordkurve, sondern bei sich zu Hause.

Gläßner, 55, ist eine Ausnahmeerscheinung. Überall in der Bundesliga wird vor dem Anstoß eine Vereinshymne gespielt, aber er sei der einzige Musiker, der sie live vor der Kurve singe, sagt er. "Leverkusen, wir sind die Macht am Rhein", mit Betonung auf dem "u", so geht der Refrain, der ein sehr hartnäckiger Ohrwurm sein kann.

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Während der Fußball in der Corona-Krise pausiert, tritt Gläßner nun jeden Samstag vor der Webcam auf. Bayer 04 teilt die Live-Videos in den sozialen Medien, auch das Lokalradio spielt zur gewöhnlichen Anstoßzeit sein Lied. Es gehe ihm darum, "eine Art Wir-Gefühl zu erhalten", sagt er. Und es geht ihm darum, als Künstler sichtbar zu bleiben. Denn er kann gerade seiner Arbeit nicht nachgehen, die zu einem nicht unerheblichen Teil vom Fußball abhängig ist. Damit ist er keine Ausnahme.

In Berlin-Köpenick fehlt der Bäckerei Scholz gerade ein wichtiger Auftraggeber

Von rund 56 000 Arbeitsplätzen ist gerade häufig die Rede, wenn Fußballmanager begründen möchten, warum sie sich in Krisenzeiten um ihre eigentlich wohlhabende Branche sorgen. Laut Wirtschaftsreport der Deutschen Fußball Liga (DFL) von 2020 gab es in der vergangenen Saison 56 081 Beschäftigte im Lizenzfußball, 15 656 davon sind direkt bei den 36 Vereinen angestellt. Die Mehrzahl, 34 598, waren jedoch indirekt Beschäftigte, die meisten im Sicherheitsdienst (14 360) und im Catering (13 683). Und viele von ihnen sind prekär beschäftigte Pauschalkräfte.

Vor rund einem Monat, als der 26. Spieltag noch ohne Zuschauer ausgetragen werden sollte, sprach Dirk Zingler, Präsident von Union Berlin, in einer Pressekonferenz von rund 1000 Mitarbeitern, die an einem Spieltag für seinen Klub im Einsatz seien. Wenn nicht gespielt werde, sagte er, fehle "wirklich Geld in der Kasse der Menschen". Zingler war in die Kritik geraten, weil er trotz der bereits vorangeschrittenen Ausbreitung des Virus lange nicht hatte einsehen wollen, das anstehende Heimspiel gegen den FC Bayern ohne Zuschauer auszutragen. Am Tag, bevor der Spieltag schließlich ganz abgesagt wurde, sprach er wohl auch deshalb von Verpflichtungen gegenüber den Menschen, beispielhaft von der Bäckerei Scholz in Köpenick, die pro Heimspiel 3500 bis 4000 Brötchen zum Stadion liefert - und einen wichtigen Auftraggeber verliert, wenn an der Alten Försterei niemand Brot isst.

Seitdem der Ball nicht mehr rollt, gibt es im deutschen Fußball viele Worte und Aktionen der Solidarität. Viele Klubs haben bekanntgegeben, dass ihre Profis auf Teile ihres Gehalts verzichten, auch um Arbeitsplätze nicht zu gefährden. Die Branche arbeitet auf sogenannte Geisterspiele ohne Zuschauer hin, um die Saison noch zu retten. Laut Bild sollen dann nur 239 Personen im Stadion sein dürfen - es würden etwa 70 Ordnerinnen und Ordner gebraucht, hieß es. Eine Stadionwurst essen Geister allerdings eher nicht.

Wie geht es also für die vielen Pauschalkräfte weiter, für die zwar nicht genau bezifferte, aber sehr große Gruppe unter den 56 000 Beschäftigten im Profifußball?

Aramark, Caterer von zehn deutschen Profiklubs und damit Marktführer, antwortet auf die Frage nach den Konsequenzen der Krise für die Beschäftigten in den Stadien, dass derzeit "in Anbetracht der Lage" keine Antwort möglich sei.

Minijobbern kann kein Kurzarbeitergeld bezahlt werden, denn sie sind nicht in der Arbeitslosenversicherung. Aber sie haben weiterhin Anspruch auf ihren Lohn, wenn der Arbeitgeber die Tätigkeit reduziert oder einstellt - grundsätzlich.

Gläßner singt die Hymne auch vor der Webcam

Die genaue Bestimmung des Anspruchs würde jedoch auf "schwierige Einzelfallbetrachtungen anhand des Arbeitsvertrages" hinauslaufen, sagt Martin Biebl, der als Fachanwalt für Arbeitsrecht die Arbeitgeberseite vertritt. In der Praxis gebe es selten langfristige Verträge; meistens würden die Beschäftigten kurz vor dem Spieltag über einen Einsatz benachrichtigt.

Es gehe um Menschen, oft Studenten oder Rentner, "denen ihr zusätzliches Einkommen komplett wegbricht", heißt es bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Bianca Karwatzki, 36, hat für Aramark schon in Düsseldorf und Dortmund gearbeitet, regelmäßig ist sie bei Heimspielen des 1. FC Köln im Stadion für den Bierverkauf zuständig. Vor zwölf Jahren, erzählt sie, habe sie angefangen, weil sie das Geld brauchte, rund 150 Euro seien es im Monat bei zwei Einsätzen.

Die Arbeit im Stadion, sagt Karwatzki, sei inzwischen eine Gelegenheit zum Zuverdienst geworden, die ihr Spaß macht. Zwar ist sie kein Fußballfan; den Gegner des FC erkenne sie manchmal erst am Dialekt der Fans: Wer ein Helles bestellt, kommt wahrscheinlich aus München. Doch sie vermisse die Teamarbeit, den rauen, aber herzlichen Umgangston.

Der Lohn für ihren kurzfristig abgesagten Einsatz am 26. Spieltag werde bezahlt, schrieb man ihr, auch bei weiteren Ausfällen werde ihr Anspruch in Höhe vertraglich vereinbarter Mindeststunden berücksichtigt. Doch so etwas sei wohl eher nicht der Regelfall, heißt es bei der Gewerkschaft.

Wenn man Karwatzki nach Solidarität im Fußballgeschäft fragt, dann sagt sie, dass sie sich eigentlich nicht wirklich als Teil der Branche sehe. "Klar gehören wir irgendwie dazu", sagt sie. Andererseits sei inzwischen auf den Jacken, die sie im Stadion tragen, nicht mal mehr wie früher das Logo des Vereins abgebildet.

Dirk Gläßner singt die Hymne auch vor der Webcam im Leverkusener Trikot. Er spricht von einer großen Lücke, die da gerade entstehe, auch emotional. Was das Finanzielle angeht, sei seine Firma, eine für Feiern buchbare Country-Music-Show, zwar gesund genug, um die Krise zu überstehen. Andererseits: Er verdiene nun "von heute auf Morgen gar kein Geld mehr". Bayer 04 ist für ihn ein wichtiger Auftraggeber, für Geisterspiele wird wohl auch ein Hymnen-Sänger eher nicht gebraucht. Unter den Videos von seinen Auftritten aus dem Home-Office postet er einen Link, unter dem man ihm mit einer "Hutspende" helfen kann.

Immerhin bekommt Gläßner den Applaus aus der Kurve, den er so sehr vermisst, nun virtuell. Auf 199 Mal Lob, schätzt er, "schreibt nur einer, dass er es grausam findet".

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Quelle:
SZ vom 14.04.2020/ebc
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