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Arbeitsplätze im Fußball:Gläßner singt die Hymne auch vor der Webcam

Die genaue Bestimmung des Anspruchs würde jedoch auf "schwierige Einzelfallbetrachtungen anhand des Arbeitsvertrages" hinauslaufen, sagt Martin Biebl, der als Fachanwalt für Arbeitsrecht die Arbeitgeberseite vertritt. In der Praxis gebe es selten langfristige Verträge; meistens würden die Beschäftigten kurz vor dem Spieltag über einen Einsatz benachrichtigt.

Es gehe um Menschen, oft Studenten oder Rentner, "denen ihr zusätzliches Einkommen komplett wegbricht", heißt es bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Bianca Karwatzki, 36, hat für Aramark schon in Düsseldorf und Dortmund gearbeitet, regelmäßig ist sie bei Heimspielen des 1. FC Köln im Stadion für den Bierverkauf zuständig. Vor zwölf Jahren, erzählt sie, habe sie angefangen, weil sie das Geld brauchte, rund 150 Euro seien es im Monat bei zwei Einsätzen.

Die Arbeit im Stadion, sagt Karwatzki, sei inzwischen eine Gelegenheit zum Zuverdienst geworden, die ihr Spaß macht. Zwar ist sie kein Fußballfan; den Gegner des FC erkenne sie manchmal erst am Dialekt der Fans: Wer ein Helles bestellt, kommt wahrscheinlich aus München. Doch sie vermisse die Teamarbeit, den rauen, aber herzlichen Umgangston.

Der Lohn für ihren kurzfristig abgesagten Einsatz am 26. Spieltag werde bezahlt, schrieb man ihr, auch bei weiteren Ausfällen werde ihr Anspruch in Höhe vertraglich vereinbarter Mindeststunden berücksichtigt. Doch so etwas sei wohl eher nicht der Regelfall, heißt es bei der Gewerkschaft.

Wenn man Karwatzki nach Solidarität im Fußballgeschäft fragt, dann sagt sie, dass sie sich eigentlich nicht wirklich als Teil der Branche sehe. "Klar gehören wir irgendwie dazu", sagt sie. Andererseits sei inzwischen auf den Jacken, die sie im Stadion tragen, nicht mal mehr wie früher das Logo des Vereins abgebildet.

Dirk Gläßner singt die Hymne auch vor der Webcam im Leverkusener Trikot. Er spricht von einer großen Lücke, die da gerade entstehe, auch emotional. Was das Finanzielle angeht, sei seine Firma, eine für Feiern buchbare Country-Music-Show, zwar gesund genug, um die Krise zu überstehen. Andererseits: Er verdiene nun "von heute auf Morgen gar kein Geld mehr". Bayer 04 ist für ihn ein wichtiger Auftraggeber, für Geisterspiele wird wohl auch ein Hymnen-Sänger eher nicht gebraucht. Unter den Videos von seinen Auftritten aus dem Home-Office postet er einen Link, unter dem man ihm mit einer "Hutspende" helfen kann.

Immerhin bekommt Gläßner den Applaus aus der Kurve, den er so sehr vermisst, nun virtuell. Auf 199 Mal Lob, schätzt er, "schreibt nur einer, dass er es grausam findet".

© SZ vom 14.04.2020/ebc
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