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Fußball-Champions-League:Vorne niemand

4-2-4-0: Manchester hat den Angriff umgestülpt - und optimiert. Rooney, Tevez, Ronaldo und meist noch Giggs greifen aus tiefen, ständig wechselnden Positionen an. Die Mitte ist minutenlang verwaist.

Der Tag ging in die Geschichte ein, heute will sich keiner mehr an ihn erinnern. Es war der 24. September 2005. Manchester United verlor 1:2 gegen Blackburn und belegte den fünften Tabellenplatz. 60.000 Fans schrien wütend gegen den Trainer Alex Ferguson. Seit dem Pokalgewinn von 1990 hatte man solche Schmährufe im Old Trafford nicht gehört. Die Sunday Times prophezeite das Ende der Ära Ferguson. Interessanterweise hatten die United-Fans genügend Respekt, ihren Frust als Zahlenreihe zu kodieren. "4-4-2, 4-4-2!" riefen sie - in Sehnsucht nach der Formation, mit der United unter anderem die Champions League gewonnen hatte. Ferguson hatte auf Anregung seines portugiesischen Assistenten Carlos Queiroz taktische Experimente gewagt, die wegen der zu geringen Qualität im Kader nicht aufgingen. Zur gleichen Zeit begannen in England immer mehr Trainer auf 4-5-1 umzustellen, um Kontrolle über das Mittelfeld zu gewinnen. Der Schock auf der Insel war groß. Der neue, kontinentale Stil drohte den Unterhaltungswert der Premier League zu zerstören.

Teil einer neuen Gefahr aus dem Mittelfeld: Manchester Uniteds Angreifer Christiano Ronaldo (links).

(Foto: Foto: AFP)

Für den englischen Fußballhistoriker Jonathan Wilson führte dieser Trend die Geschichte der Fußballtaktik zu einem logischen Schlusspunkt. In seinem im Juni erscheinenden Buch "Inverting the Pyramid" beschreibt er das Spielsystem des frühen 19. Jahrhunderts als ein auf dem Kopf stehendes Dreieck. Die ersten Profi-Vereine spielten mit einem einzigen Verteidiger hinter neun Angreifern. Diese Pyramide hat sich mittlerweile komplett gedreht. Selbst die Spitzenvereine leisten sich in der Regel nur noch eine echte Spitze. Die Geschichte der Taktik ist also die Geschichte einer defensiven Verlagerung.

Angriffszüge wie im Rugby

Trotzdem ruft heute niemand mehr nach dem starren 4-4-2 von vorgestern, schon gar nicht im Old Trafford. Ausgerechnet Ferguson, der dienstälteste Trainer im Spitzenfußball, hat nämlich gezeigt, dass die Entwicklung noch nicht zu Ende war. 4-5-1 war für ihn nur ein Zwischenstopp auf der Reise in höchst aufregende Gefilde. United spielt an guten Tagen Fußball mit höchst innovativen Mitteln. Wilson nennt es das "4-2-4-0-System": Wayne Rooney, Carlos Tevez, Cristiano Ronaldo und meist noch Ryan Giggs greifen aus tiefen, ständig wechselnden Positionen an, die Mitte ist minutenlang verwaist.

Die Stürmer sind davon befreit, feste Positionen im Sturm einzunehmen, und schaffen sich immer wieder ihren eigenen Raum. Bis über die Mittellinie können die Verteidiger ihre Gegenspieler ja nicht verfolgen. United hat also die Spitze der Pyramide geschliffen - und den Mittelstürmer abgeschafft.

Mitunter erinnern die Angriffszüge an Rugby, wo die Stürmer auf einer horizontalen Linie nach vorne laufen, und der Steilpass verboten ist. Der verpönte Querpass wird so zur größten Waffe. "Seit den brasilianischen Weltmeistern von 1970 hat niemand so offensiv gespielt", schreibt Wilson. Kroatiens Nationaltrainer Slaven Bilic hatte auch Fergusons ständig changierende Angriffsformationen vor Augen, als er kürzlich das "Ende der Systeme" proklamierte.

"Kalkuliertes Risiko"

Es ist dabei keinesfalls leicht, so anarchisch wie United zu spielen. Ferguson, 66, nennt seine Taktik ein "kalkuliertes Risiko", denn es besteht die Gefahr, dass vor lauter Fluidität das eigene Spiel ganz absäuft. Der AS Rom kam vor einem Jahr mit einem noch waghalsigeren 4-1-5-System mit fünf offensiven Mittelfeldspielern ins Old Trafford, ließ wunderbar den Ball laufen - und verlor 7:1. Arsenal-Trainer Arsène Wenger bevorzugt nach vielen Jahren mit den ständig nach links beziehungsweise nach hinten driftenden Stürmern Thierry Henry und Dennis Bergkamp derzeit wieder einen echten Mittelstürmer, Emmanuel Adebayor. "Wenn er nicht vorne in der Mitte steht, fehlt unseren Angriffen die Zielrichtung", sagt er.

Selbst Ferguson musste zu Anfang der Saison manchmal den langen Verteidiger John O'Shea als Hilfsstürmer in den gegnerischen Strafraum verschieben, der den Kollegen als Leuchtturm den Weg wies. Und zuletzt schienen den Pyramidenschleifer Zweifel zu beschleichen. Im Hinspiel gegen Barcelona (0:0) und beim FC Chelsea (1:2) stellte er drei defensive Mittelfeldspieler auf. Doch United wirkte gehemmt.

Am Dienstag muss United gewinnen, und Ferguson wird wieder auf seine vier stürmenden Nicht-Spitzen setzen. Der Ausgang des Vergleichs mit den kaum weniger offensiven Katalanen könnte entscheiden, wie die Fußballgeometrie von morgen aussieht. Geschichte, das weiß Ferguson am besten, machen im Fußball nämlich nur die Ideen, die den Erfolg bringen.

© SZ vom 29.04.2008/mb
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