Tumulte beim Champions-League-Finale:Trump à la française

Lesezeit: 2 min

Tumulte beim Champions-League-Finale: Ausgesperrt: Anhänger des FC Liverpool zeigen ihre Tickets für das Finale - dürfen aber nicht ins Stadion.

Ausgesperrt: Anhänger des FC Liverpool zeigen ihre Tickets für das Finale - dürfen aber nicht ins Stadion.

(Foto: Adam Davy/PA Images/Imago)

Frankreich und die Uefa versuchen, ihr Versagen rund um das Champions-League-Finale herunterzuspielen. Das Chaos sei durch Tausende gefälschte Tickets ausgelöst worden. Dass es keine Toten gab, ist auch den Liverpool-Anhängern zu verdanken.

Kommentar von Javier Cáceres

Das Finale der Champions League fand am Samstag im Stade de France von Saint-Denis statt, auf frisch verlegtem Rasen. "Interessante Idee", hatte Jürgen Klopp am Vorabend in seiner ironischen Art gesagt. Seine Sorge - dass das neue Grün des Spektakels unwürdig sein könnte - war letztlich unbegründet. Was die Neuverlegung überhaupt nötig machte? Nun: Saint-Denis war wegen des Ukraine-Kriegs der Ausweichort für Wladimir Putins Geburtsstadt Sankt Petersburg. Wenige Tage vor dem Spiel war das Stadion von Indochine gebucht gewesen, einer französischen New-Wave-Band, bekannt für ihre opulenten Bühnenbilder bei Stadionkonzerten, die halt den Rasen ramponieren. Diesmal war es ein riesiger Zylinder, auf dem stand: "Sie lügen. Sie wissen, dass sie lügen. Sie wissen, dass wir wissen, dass sie lügen. Aber sie lügen weiter."

Was bestens zur bisherigen Aufarbeitung des Chaos in Paris passt. Wer mit eigenen Augen sah, was sich vor dem Stade de France abspielte, weiß, dass er vom Innenminister des Präsidenten Emanuel Macron Trumpismus auf französisch serviert bekommen hat. Um das Organisationsdesaster und das aggressive Grundverhalten einer schon lange schwer kritisierten Polizei zu kaschieren, lastete Gérald Darmanin die Verantwortung für die Zustände den Fans des FC Liverpool an. Kurios: Die Reds waren bei den Champions-League-Endspielen von Kiew 2018 und Madrid 2019 dabei, zwei Daten ohne Vorkommnisse. Weil keine Flics dabei waren?

Die Wurzel der Probleme, gab Darmanin an, seien gefälschte Tickets gewesen; auch der Ausrichter Uefa hatte die 37-minütige Verzögerung des Finals damit erklärt. Keine Frage: Es gab Fälschungen. Aber dass 70 Prozent der von den Stewards kontrollierten Karten Fälschungen gewesen seien, klingt nach fake news.

Die VIPs trinken Schaumwein - für das Fußvolk gibt es nicht einmal Wasser

Das Kernproblem in Saint-Denis war ein anderes: ein Grad an Inkompetenz, der bemerkenswert war und einherging mit einem Mangel an Respekt vor der Würde von Menschen. Wie Vieh wurden sie am Samstag zum Stadion geleitet. Auch weil Saint-Denis mit seinen engen Zugängen eine städtebauliche Katastrophe ist. Jeder Legehenne kommt in der EU eine würdigere Behandlung zu als Fußballfans bei Topereignissen - obschon die Uefa für ein Ticket schon mal den Gegenwert von Interkontinentalflügen aufruft. Auch beim Europa-League-Finale von Sevilla war eine Farce zu beobachten: Für große Teile des Fan-Fußvolks gab's kein Wasser, während für die VIPs, die 25 Prozent der Karten erhielten, der Schaumwein floss.

Man muss die Augen schon verschließen wollen, um die herrschenden Verhältnisse auch in Saint-Denis nicht abgebildet zu sehen: Jugendliche aus prekären Verhältnissen, die nur dann Teil des Spektakels sein können, wenn sie es als Profis auf den Rasen schaffen - oder das Stadion stürmen.

Die Uefa hat eine unabhängige Untersuchung angekündigt. Das ist ein erster, wichtiger Schritt, um die Unwahrheiten zu enttarnen, die Frankreichs Regierung verbreitet. Eine Wahrheit ist diese: Dass Paris keine Toten zu beklagen hatte, lag vor allem daran, dass die Reds in einer extremen Stresssituation eine unglaubliche Ruhe bewahrten.

Zur SZ-Startseite

Deutsches Nationalteam der Frauen
:Zeit zum Zusammenwachsen

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg gibt den vorläufigen Kader für die EM in diesem Sommer bekannt. In England setzt der DFB auch auf die Hilfe einer echten deutschen Fußball-Legende.

Lesen Sie mehr zum Thema