Süddeutsche Zeitung

BVB:Favres große Lust am Risiko

  • Lucien Favre gelingt mit Borussia Dortmund gerade fast alles, obwohl er auch großes Risiko geht.
  • Im Spitzenspiel gegen den FC Bayern traf seine Halbzeitprognose voll ein: Bayern wurde müde, der BVB nicht.
  • Geschäftsführer Watze lobt den Coach: "Er hat seinen eigenen Kopf, den muss er auch haben."

Neulich, zu seinem 61. Geburtstag, hat sich Lucien Favre ein Glas Wasser gegönnt. "Ohne Gas", sagte der Trainer. Das 3:2 gegen den FC Bayern muss also ein sehr besonderer Sieg für den Dortmunder Coach gewesen sein, weil Favre anschließend mit seinen Trinkgewohnheiten brach. Kein Wasser, nicht mal "mit Gas", wollte er sich genehmigen. Sondern Rotwein, ein ganzes Glas.

Favre erlebt gerade aufregende Tage in Dortmund. Der Schweizer kommt vielleicht manchmal selbst nicht so ganz hinterher, wie viel ihm und seiner Mannschaft gerade gelingt. Ein paar Mal sagte er "verrückt" am Samstagabend: "Verrückt", diese zweite Halbzeit, "total verrückt", das ganze Spiel. "Seit ich hier bin", sagte Favre, "habe ich sehr viele verrückte Spiele erlebt."

Hier, also in Dortmund, ist Favre übrigens erst seit Sommer. Seitdem gab es nicht nur das rauschhafte 3:2 gegen die Bayern. Da war vorher das 4:0 gegen Atlético, das 4:3 gegen Augsburg, das 4:2 in Leverkusen, übrigens nach 0:2-Rückstand. Alles nur Zufall? Kaum, denn dass der BVB so spielt und siegt, funktioniert nur, weil Favre seine Mannschaft so spielen lässt, wie es ihm vorschwebt.

Favre hatte Recht: Bayern konnte das Tempo nicht durchhalten

Nicht alles läuft perfekt, auch am Samstag nicht. Genau genommen hätte das Spitzenspiel auch gründlich schiefgehen können, hätte Bayern seine Überlegenheit bis zur Pause besser ausgenutzt, statt dem einem Tor von Robert Lewandowski schon zwei oder drei erzielt. Dann wäre Favre vielleicht gefragt worden, warum er so großes Risiko eingehen musste. Was das eigentlich sollte mit Julian Weigl auf der Sechs, statt des bislang so starken Thomas Delaney. Mit Mario Götze in der Sturmspitze. Mit Paco Alcácer, Raphaël Guerrero und Christian Pulisic auf der Bank. Kurz, warum er ausgerechnet im Spitzenspiel gegen die Bayern an seiner Rotation festgehalten hatte.

Doch beim BVB geht aktuell nur so viel schief, dass Favre die Zeit bleibt, es zu reparieren. Da kann Glück dabei sein, vermutlich ist es aber ein großes Stück Trainerkönnen. Favres Ansprache in der Halbzeit brachte die Essenz des Spiels und das ganze Dilemma des FC Bayern jedenfalls auf den Punkt: Leute, macht euch keine Sorgen. Bayern kann das Tempo nicht durchhalten. Wir aber schon.

Es war jedenfalls nicht das erste Mal, dass der BVB in dieser Saison einen Rückstand drehen musste. 22 seiner bislang 33 Tore hat Dortmund bislang nach der Pause erzielt - es scheint sogar, als kalkuliere Favre damit, dass sich der Gegner in der ersten Halbzeit etwas austoben soll, damit ihm später die Kräfte ausgehen mögen. Mit Wiederanpfiff brachte Favre den viel stärkeren Mo Dahoud für Weigl und musste von der Seitenlinie nur zusehen, wie seine Prognose eintrat. Dortmund kam mit den Kontern besser durch, konnte nach dem Ausgleich durch Marco Reus sogar noch ein weitere Rückschlag verkraften, als die Bayern mit dem letzten Aufbäumen das 1:2 durch Lewandowski bewirkten.

Doch wieder schlug der BVB zurück. Ein Zaubertor, dieser Volley mit vollem Risiko von Reus, den Favre zu Saisonbeginn zum Kapitän befördert hat und seitdem in jedem Spiel sehen kann, wie richtig diese Entscheidung war. Reus, 29, führt den BVB, wie Favre es will. Das Vertrauensverhältnis zwischen den beiden ist auch ein Grund, weshalb Dortmund oben steht.

Favre ist der Einwechselkönig

Und dann die Einwechslung von Alcácer. So richtig reicht die Luft des Spaniers über 90 Minuten nicht, also brachte ihn Favre in der 59. Minute, im Wissen, was das nun mit der ohnehin angeschlagenen Bayern-Defensive anstellen würde. 14 Minuten später konterte der BVB die Bayern abermals auseinander, Alcácer stürmte auf Manuel Neuer zu, ein frecher Chip, das 3:2.

Es war das 18. Jokertor für Dortmund in dieser Saison, und wenn man davon ausgeht, dass manches Joker-Tor für den einwechselnden Trainer wiederum auch Glück ist, dann ist 18 eine Zahl, die mit Glück nichts mehr zu tun haben dürfte. "Es ist sagenhaft momentan", sagte Reus über Favres Einwechselkunst, "der Trainer hat echt ein goldenes Händchen."

Dieses Händchen kann man auch der Dortmunder Chefetage attestieren, jedenfalls ist man beim BVB vom Ergebnis des sommerlichen Trainerfindungsprozesses sehr angetan, mehr als man es vermutlich beim FC Bayern ist. Von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke erhielt Favre großes Lob. "Er hat seinen eigenen Kopf, den muss er auch haben", erklärte er bei Sky: "Wie er Spieler mit Kleinigkeiten seziert und sie versucht, besser zu machen, kommt bei der Mannschaft super an." Im Übrigen sei Favre gar nicht wirklich "schwierig", wie oft behauptet, sondern "komplett anständig". Auch habe er "einen sehr feinen Witz".

Nachzuvollziehen übrigens auf dem Foto von den Feierlichkeiten in der Kabine, das der BVB am Wochenende getwittert hat. Rechts zu sehen: ein Großteil der Mannschaft, überglücklich, die meisten Spieler schreien oder brüllen, es muss recht laut gewesen sein. Links Favre, ihr Trainer, er lächelt, doch er hält sich mit den Fingern die Ohren zu.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4207121
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/jbe/ghe
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.