Der Schweizer Schlussmann Gregor Kobel beherrscht die Kunst, von oben herabzublicken, und das kommt nicht von ungefähr, sondern liegt sozusagen in der Natur der Sache: Der Torwart der Dortmunder Borussia misst 1,95 Meter. Am Samstagabend, seine Mannschaft hatte mit 3:0 beim 1. FC Union Berlin gewonnen, ereilte sein Blick einen Reporter der italienischen Tuttosport, der wissen wollte, ob nun angesichts der Niederlage des FC Bayern der Kampf um den Bundesligatitel ausgerufen werde.
Die Antwort war zwar, wie die Frage, auf Englisch formuliert. Aus dem Munde Kobels aber klang sie helvetisch, im Sinne von: weich, melodisch, freundlich, zurückhaltend – und doch bestimmt. „Die Bundesliga gewinnen, wo wir doch acht Punkte zurückliegen? Das wäre eine etwas großspurige Stellungnahme“, sagte Kobel, und niemand hätte erstaunt sein dürfen, wenn der Keeper ein „isn’t it?“ angefügt hätte, die englische Entsprechung des „od’r?“ also, das die Schweizer gern an ihre Sätze hängen. Nicht wahr?

Dortmund in Tottenham:Der Tabellenvierzehnte ist zu stark
Der BVB unterliegt deutlich in Tottenham bei den kriselnden Spurs und rutscht im Klassement der Champions League ab. Trainer Niko Kovac wird in seiner Kritik grundsätzlich.
Die Episode erzählte ein wenig über die nicht ganz einfache Gemengelage, der sich Borussia Dortmund gegenübersieht. Nach 19 Bundesliga-Spieltagen hat der BVB eine Reihe von Kennwerten vorzuweisen, die aller Ehren wert sind.
Zum Beispiel? Zehn „weiße Westen“, an denen sich Kobel freute, denn sie beziffern die gegentorfreien Spiele. Dortmund hat genauso viele – oder genauso wenige – wie der amtierende Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain, die einzige Mannschaft aus den europäischen Top-Ligen, die in der eigenen Liga so unverwundbar ist. Zudem hat der BVB 42 Punkte gesammelt, das heißt, einen Schnitt von 2,21 Zählern pro Partie vorzuweisen. Rechnete man die bisherige Ernte hoch, stünden am Ende 75 Punkte zu Buche. Das wäre eine Ausbeute, mit der man nicht nur in der Trauma-Saison 2022/23 Meister geworden wäre (damals wurde man nach dem Remis gegen Mainz 05 vom letzten Spieltag Zweiter hinter den punktgleichen Bayern). „Die Bayern müssen noch zu uns!“, sagte Nico Schlotterbeck, doch ob diese Auskunft, die von Kobels Aussage so abwich, wirklich ernst gemeint war? Ist eh einerlei, ließ Sportgeschäftsführer Lars Ricken erkennen: „Am Ende müssen wir auf uns gucken“, sagte er.
Was alles andere als falsch, aber insofern nicht ganz richtig ist, als sie beim BVB schon auch genau hinschauen (und -horchen), was anderswo über sie geschrieben oder gesagt wird. Ricken gefiel die Machart des Sieges bei Union vor allem deshalb so gut, weil „einige Schnappatmung“ bekommen hatten, nachdem Trainer Niko Kovac nach der 0:2-Niederlage bei Tottenham Hotspur vom Dienstag das „M-Wort“ in den Mund genommen, sprich: von „Mentalität“ und ihrem Mangel gesprochen hatte.
Gegen Tottenham stand wieder einmal die Mentalität infrage beim BVB
In Berlin kam nun das Gegenteil zur Aufführung. Kovac lobte nach dem Spiel, dass seine Mannschaft „die DNA des Spiels“ im Stadion An der Alten Försterei entschlüsselt habe: „Hätten wir nur versucht, schönen Fußball zu spielen, wäre es in die Hose gegangen“, argumentierte er. Auch andere Beteiligte klopften sich selbst und/oder einander auf die Schulter. Sie nahmen Neologismen wie „Männerfußball“ in den Mund oder hielten es für den Gegenentwurf zum „Kinderfußball“ vom Dienstag, so etwa Schlotterbeck. Die Alte Försterei sei „kein Zirkus, wo du nur mit Kunststückchen gewinnst“, sondern wo es darum gehe, „mit Messer zwischen den Zähnen die Zweikämpfe anzunehmen“, sagte wiederum Ricken. Die Frage, ob die Messer vom Sponsoringpartner Rheinmetall oder per Mystery-Box geliefert wurden, stellte sich insofern nicht, als Ricken bloß in die Metaphernkiste gegriffen hatte.
Die aggressive Attitüde des BVB fand jedenfalls – unter anderem – ihren Ausdruck darin, dass der Weg zum Sieg nicht spielerisch leicht, sondern durch einen Elfmeter (Emre Can/10.) sowie einen Ecke-Kopfball-Tor-Standard (Nico Schlotterbeck/54.) geebnet wurde. Den einzigen Treffer, der das Label „aus dem Spiel heraus“ aufgepappt bekam, steuerte Maximilian Beier bei (84.). Kurios oder nicht: Er erzielte den 3:0-Endstand, als Can, der Vorkämpfer der Dortmunder schlechthin, ausgewechselt worden war.
Dass das geschah, lag nicht daran, dass Kovac die Tugenden, die Can grundsätzlich und auch in Köpenick verkörperte, von der 64. Minute an für verzichtbar hielt. Sondern daran, dass der Trainer fürchtete, Can könne des Feldes verwiesen werden. Der Kapitän wurde in der 59. Minute verwarnt, weil er eine sogenannte Rudelbildung ausgelöst hatte. Can hatte Janik Haberer gestoßen; der Union-Verteidiger ging aufreizend spektakulär und laut aufschreiend zu Boden; hernach wurde Cans Mutter vom Publikum in Köpenick der Prostitution geziehen.
Während Niko Kovac dies nicht gehört haben wollte („Ich weiß nicht, wovon Sie reden“), gab sich Union-Stürmer Ilyas Ansah peinlich berührt („Es waren ein, zwei Sprüche dabei, die einfach einen Ticken zu viel sind“). Union-Trainer Steffen Baumgart wiederum mahnte, man solle den Ball flach halten. „Also, Leute!“, rief er, „das ist Fußball, das sind Emotionen. Ob das immer alles richtig und ladylike ist …?“, sagte er auf die Frage einer Journalistin und lieferte seine Antwort sofort nach: „Keine Ahnung. Aber bitte!“ Kobel wiederum erklärte, er sei davon überzeugt, dass Can die Ehrabschneidungen genossen habe. „Ich feiere das auch, wenn Stimmung aufkommt, wenn da ein bisschen dicke Luft ist. So wie ich Emre einschätze, fand er das eigentlich auch ganz cool“, erklärte Kobel.
Am Mittwoch steht in der Champions League kein Auswärts-, sondern ein Heimspiel an, der BVB empfängt Inter Mailand. Für Dortmund ist ein Sprung unter die ersten acht der Abschlusstabelle der Gruppenphase dabei ähnlich unwahrscheinlich wie ein tiefer Sturz, mit dem man ausscheiden würde. Der BVB darf, anders gesprochen, mit dem Einzug ins Playoff rechnen. Welcher Anspruch daraus für den Klub mit Blick auf Mittwoch folgt? „Scharf bleiben!“, so formulierte es Ricken. Klingt nach einer veritablen M-Wort-Prüfung.

