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Fußball-Bundesliga: Trainer:Das Lame-Duck-Syndrom

Van Gaal, Veh, Magath, Littbarski: Die Bundesliga beschäftigt viele, die sie eigentlich nicht mehr will. Auch Spieler und Vorstände sind betroffen, in Hamburg steht gar der halbe Verein auf Abruf. Ein Überblick.

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Magath to leave Schalke at the end of the season

Quelle: dpa

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Van Gaal, Veh, Magath, Littbarski: Die Bundesliga beschäftigt viele, die sie eigentlich nicht mehr will. Auch Spieler und Vorstände sind betroffen, in Hamburg steht gar der halbe Verein auf Abruf. Ein Überblick.

Felix Magath hat in den vergangenen Wochen alles dafür getan, um sich unbeliebt zu machen: Er hat neue Spieler gekauft, andere dafür verprellt, das Publikum missachtet, scheinheilige Facebook-Nachrichten verschickt, den anderen Entscheidungsträgern beim FC Schalke 04 sowieso nicht zugehört. Man hätte es ja kaum mehr für möglich gehalten, dass es bei Schalke Menschen gibt, die ihrem Despoten die Stirn bieten - nun also doch: Der Aufsichtsrat des Klubs hat beschlossen, sich zum Saisonende von Magath zu trennen, trotz dessen hochdotierten Vertrags bis 2013.

Dem Klub droht demnach der klassische Lame-duck-Status: Ein Trainer, der bald kein Trainer mehr ist, bis zum Saisonende dennoch auf der Trainerbank sitzt. Auf Schalke denken sie deshalb bereits an eine Übergangslösung: Otto Rehhagel. Der 72-Jährige wäre zwar eine old duck, lame ganz sicher jedoch nicht.

Louis van Gaal bleibt bis Saisonende Trainer des FC Bayern Muenchen

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Der Mittwoch war für den FC Bayern München ein spannender Tag. Nicht nur, weil die Sonne schien - dennoch ein guter Tag für alle zuletzt erfolglosen Schönwetterkicker, sich im öffentlichen Training zu präsentieren. Die Übungseinheit durfte tatsächlich ein Niederländer namens Louis van Gaal leiten. Jener Trainer, der zum Saisonende gehen muss, bis dahin aber bitteschön noch die Champions League gewinnen soll.

Wie würde sich van Gaal also präsentieren? Hochmotiviert? Milde lächelnd? Oder gar betrunken und in Badelatschen, weil ihm ohnehin alles egal ist? Van Gaals absolvierte seine Arbeit pflichtbewusst, weder Applaus noch Missmutsbekundungen waren an der Säbener Straße zu hören. Sein Status als lame duck ist indes relativ fest zementiert: Einen eigenen Rücktritt lehnt er bislang ab. Und der Versuch, ihn sofort abzulösen, ist erst am vergangenen Sonntag nach mehrstündigen Gesprächen fulminant gescheitert.

Training Hamburger SV

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Im Internet gibt es eine liebevoll und sehr detailliert gestaltete Seite zu der Frage, wo man in Hamburg Enten finden kann (http://www.stockenten.info/html/locations.html). Alleine unter dem Buchstaben A finden sich 13 Orte für die Freunde der Wasservögel. Die Sylvesterallee 7 findet sich darin nicht, obwohl an der Geschäftsstelle des Hamburger SV gerade eine ungewöhnliche Häufung zu sehen wäre.

Lame duck I: Vorstandsboss Bernd Hoffmann. Sein Vertrag endet am 31.12.2011, der Aufsichtsrat hat gerade beschlossen, ihn nicht zu verlängern. Das Votum 7:5 für Hoffmann reichte nicht, weil dafür eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig ist.

Lame duck II: Stellvertreterin des Vorstands, Katja Kraus. Siehe Hoffmann. Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff hofft: "Die werden sich jetzt durchschütteln und die Aufgabe hier professionell weiter erledigen."

Lame duck III: Mitglied des Vorstands und Sportdirektor Bastian Reinhardt. Auch er weiß schon, dass er nicht die Zukunft des Vereins gestalten, sondern am 1. Juli ins zweite Glied zurückweichen soll. Sein Nachfolger steht bereits fest: Frank Arnesen kommt vom FC Chelsea.

Lame duck IV: Trainer Armin Veh. Mit donnernden Worten sprach er aus, was Hamburg schon lange wusste. Er hat keine Lust, in diesem Durcheinander weiterhin Trainer zu sein und hört nach der Saison beim HSV auf. "Ich stehe dem Verein ab Sommer nicht mehr zur Verfügung." Und weiter: "So kann man teilweise nicht arbeiten. Es ist eine gefährliche Situation für den HSV."

Lame duck V: Ruud van Nistelrooy. Wollte im Winter unbedingt zu Real Madrid, doch die Hamburger ließen ihn nicht. Spielt seitdem schwächlich und sitzt auf der Ersatzbank. Sein Vertrag läuft im Sommer aus.

Heynckes und Ballack

Quelle: dpa

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Mit gleich zwei lahmen Enten muss sich eventuell Bayer Leverkusen herumschlagen. Die eine haben sie selbst zu einer gemacht: Michael Ballack (links im Bild), früher einmal Nationalspieler und kopfballwuchtender Stabilisator im Mittelfeld, der zuletzt nicht einmal mehr im Kader stand. Ballack hat zwar noch einen Vertrag bis Sommer 2012, es wird jedoch verhandelt, ob nicht doch eine Vertragsauflösung sinnvoller wäre. Sein Trainer Jupp Heynckes bevorzugt nämlich andere Spieler seiner Position, jüngere, fittere. Ob nun bis Sommer oder gar noch ein Jahr länger: Unter Heynckes ist Ballack die klassischste lame duck von allen.

Die andere ist Jupp Heynckes (rechts) selbst: Der hat sich zwar noch nicht geäußert, gilt jedoch als erster Kandidat für die Van-Gaal-Nachfolge beim FC Bayern. Gewiss, Heynckes fühlt sich wohl in Leverkusen. Gewiss ist jedoch auch, wie gut er mit Bayern-Manager Uli Hoeneß befreundet ist. Und jeder weiß, was in der Regel passiert, wenn die Bayern einen Spieler oder Trainer wirklichwirklichwirklich haben wollen.

Bayer 04 Leverkusen - VfL Wolfsburg

Quelle: dapd

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Lame duck ist vielleicht nicht der passende Ausdruck für Pierre Littbarski. Lame duck bedeutet ja, dass einer die verbleibende Zeit recht untätig und unmotiviert ausklingen lässt. Littbarski aber hat in seiner Zeit als Interimstrainer des VfL Wolfsburg schon Diego und nun auch Alexander Madlung und Thomas Kahlenberg suspendiert. Auch mit seiner Frau hat sich Littbarski schon angelegt, weil er zuletzt einen trainingsfreien Montag strich: "Meine Frau hat schon gemeckert, weil wir am Montag normalerweise einkaufen gehen. Sie hat mich gefragt: 'Und wer trägt die Einkaufstüten?'"

Doch trotz aller Aktivitäten hat Manager Dieter Hoeneß wiederholt betont, für die neue Saison einen neuen Trainer zu suchen. "Ralf Rangnick ist natürlich neben anderen auch für den Sommer wieder ein Thema", sagte Dieter Hoeneß im Interview mit der SZ. Dabei ist die Frage, ob nicht der Interimstrainer, sondern eher die Spieler sich wie ein Entenschwarm verhalten. Seit der Meisterschaft 2009 befinden sich viele in Wolfsburg offenbar im gelähmten Zustand, auch die Neuen wie Diego oder Helmes konnten keinen neuen Schwung entfachen. Bei nur einem Punkt vor den Abstiegsrängen könnte das bald zu Montagabend-Spielen gegen Oberhausen führen.

Eintracht Frankfurt  - 1. FC Kaiserslautern

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Die halbe Liga fürchtet, dass der Lame-duck-Status ihrer Angestellten künftig Unheil bringt - beim 1. FC Kaiserslautern haben sie bereits Gewissheit. Die lahmste Ente der Pfalz heißt derzeit Srdjan Lakic, vormals Aufstiegsheld, bester Torschütze der Hinrunde, vielleicht der abgezockteste Stürmer, den sie beim FCK je hatten. Dann agierte Lakic ein weiteres Mal abgezockt und unterschrieb für die kommende Saison beim VfL Wolfsburg.

Nicht nur, dass er sich bereits im VfL-Trikot ablichten ließ: Seit seiner Vertragsunterschrift traf Lakic überhaupt nicht mehr für den FCK, vergibt plötzlich beste Chancen, die Fans haben ihn den geballten Unmut bereits spüren lassen. Der Rheinpfalz sagte Lakic nun immerhin: "Jetzt muss ich Stärke zeigen, und das werde ich auch tun! Es ist nichts verloren. Wir haben noch neun Spiele, in denen wir gut sein werden, und ich werde meine Tore machen." Klar ist jedoch auch: Findet die kroatische lame duck seine Treffsicherheit bis Sommer nicht wieder, steigt der FCK ab.

Michael Skibbe und Heribert Bruchhagen

Quelle: dpa

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Eintracht Frankfurt erlebt gerade, wie schnell es gehen kann im Fußball. Am letzten Spieltag der Hinrunde schlug die Mannschaft als bislang erst zweite der Saison Borussia Dortmund, das Tor zum 1:0 erzielte Theofanis Gekas, der mit 14 Treffern damit die Spitze der Torjäger-Liste erklomm. Frankfurt stand an Weihnachten auf Rang sieben und war auf dem besten Weg, die angestrebten 50 Punkte zu erreichen.

Knapp drei Monate und acht Spiele später ist aus der Eintracht ein "Torlos" Frankfurt geworden. Null Treffer im Jahr 2011, Absturz auf Rang zwölf, nur noch drei Punkte vor den Abstiegsrängen. Trainer Michael Skibbe hatte erst im Januar seinen Vertrag bis 2012 verlängert, wird nun aber von Vorstandschef Heribert Bruchhagen angegriffen: "Wir gewinnen an keiner Stelle auf dem Feld eine Eins-gegen-eins-Situation, unser Spiel ist berechenbar und vorhersehbar, wir brauchen mehr Spritzigkeit", sagte der 62-Jährige der Frankfurter Rundschau.

Die Dynamik des Misserfolgs führt dazu, dass zum Beispiel Skibbes Neigung des Zuspätkommens plötzlich kritisiert wird. Oder sein Festhalten an Gekas. Auch die eigentlich ausgeräumte Machtprobe mit Stürmer Ioannis Amanatidis wird nun hinterfragt. Pikant dabei ist, dass Bruchhagen offenbar in Hamburg als neuer Vorstandschef im Gespräch ist.

SC Freiburg v 1. FC Kaiserslautern - Bundesliga

Quelle: Bongarts/Getty Images

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Eigentlich müssten der SC Freiburg und Mainz 05 meilenweit von einer leidigen Diskussion um potentielle lame ducks entfernt sein. Beide Klubs spielen eine grandios bessere Saison als gedacht - Freiburg ist derzeit Achter, Mainz gar Vierter - und auch mit ihren Trainern sind sie über alle Maßen zufrieden.

Nur leider sind weder Freiburg noch Mainz Städte, an denen (ambitionierte!) Trainer besonders alt werden. Noch schlimmer, dass die Herren Robin Dutt (Freiburg, im Bild) und Thomas Tuchel (Mainz) zu den hellsten Köpfen zählen, die die Bundesliga an jungen Trainern zu bieten hat. Suchen also tatsächlich Wolfsburg, Schalke, Hamburg oder gar Leverkusen einen neuen Übungsleiter - die Klubs werden nicht nur heimlich an Robin Dutt oder Thomas Tuchel denken. Gut möglich, dass sich beide Trainer ihren neuen Arbeitsplatz ab Sommer sogar aussuchen können.

© sueddeutsche.de/ebc/hum
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