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Fußball-Historie:Goebbels notiert: "Der Führer ist ganz erregt"

Dt. Fussballmeisterschaft 1944

Fußball als Scheinwelt: Noch 1944 fand das Endspiel um die deutsche Meisterschaft statt. Vor 70 000 Zuschauern im Olympiastadion von Berlin besiegte der Dresdner SC den LSV Hamburg 4:0 (li. der Dresdner Helmut Schön).

(Foto: ullstein bild via Getty Images)

Der deutsche Fußball ist in der Zwangspause, erstmals seit 1944. Dass während des Zweiten Weltkriegs weitergekickt wurde, erzählt viel über das "Spiel als Massensuggestion".

Obwohl sie erst am Morgen den Austragungsort erfahren haben, versammeln sich am 18. Juni 1944 70 000 Menschen im Berliner Olympiastadion, um Fußball zu gucken. Aus Angst vor Luftangriffen sind Ort und Zeitpunkt des Endspiels um die deutsche Meisterschaft lange geheim gehalten worden. Während der Partie wird im 15-Minuten-Takt von einer Sonderleitung die Luftlage übermittelt. Niemand weiß, ob die Partie zu Ende gespielt werden kann. Nach 90 Minuten ist dann der alte Meister auch der neue: Der Dresdner SC gewinnt 4:0 gegen den Luftwaffen-Sportverein Hamburg. Die Spieler wissen noch nicht, dass Hamburg am Vormittag schwer bombardiert wurde.

"Im ganzen Land, an der Front, waren die Menschen verzweifelt. Wir mussten dagegen Fußball spielen. Während des Spiels haben wir dann unsere ganze Verzweiflung vergessen", erinnerte sich Helmut Schön, damals Stürmer für die Dresdner - und 1974 Weltmeister als Bundestrainer. Aber: "Was mir heute noch unfassbar ist, ist, dass überhaupt noch gespielt wurde." Erst im September 1944, als per Erlass alle Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren für das Hitler-Regime in den längst verlorenen Krieg ziehen müssen, wird der offizielle Ligabetrieb abgebrochen.

Viele Klubs hatten Schulden - sie brauchten den Spielbetrieb

Derzeit ruht der deutsche Fußball aufgrund der Corona-Pandemie, mindestens bis Ende April, vermutlich länger. Es ist die erste Zwangspause seit 1944/45. Wenn man heute auf damals zurückblickt, kommt einem daran vor allem eines absurd vor: wie lange der Ligabetrieb während des Zweiten Weltkriegs aufrechterhalten wurde.

Nachdem die Wehrmacht im September 1939 in Polen einmarschiert war, wurde der Spielbetrieb zunächst eingestellt, allerdings nur für wenige Wochen. Ähnlich wie heute fürchteten die Klubs die wirtschaftlichen Folgen einer Unterbrechung. "Die Vereine hatten finanzielle Verpflichtungen und alte Schulden aus der Weltwirtschaftskrise, die abgebaut werden mussten. Deshalb war es vor allem den Vereinen ein großes Anliegen, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten", sagt der Sporthistoriker Markwart Herzog, Direktor der Schwabenakademie Irsee und Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur. Für die Nazis hingegen ging es darum, der Bevölkerung Normalität zu suggerieren. "Fußball gehörte im Dritten Reich zu den politisch neutralen Freizeitaktivitäten, die genau deshalb systemwichtig waren", erklärt Herzog. Der mitreißenden Wirkung des Fußballs war sich NS-Propagandaminister Joseph Goebbels dennoch bewusst. "Der Führer ist ganz erregt, ich kann mich kaum halten. Ein richtiges Nervenbad. Das Publikum rast. Ein Kampf wie nie. Das Spiel als Massensuggestion", notierte Goebbels im Sommer 1936 über ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft in sein Tagebuch.

Auch, als die Deutschen den Krieg schon über Teile Europas gebracht hatten, wurden weiterhin Länderspiele ausgetragen. 1939/40, im ersten Kriegsjahr, sogar so viele wie nie zuvor. Den Partien bescheinigte der Nationalspieler Schön eine fast "diplomatische Funktion". Zumindest liefen Krieg und Fußball quasi Hand in Hand: "Wenn Deutschland Bündnisse mit anderen Ländern eingegangen ist oder ein Land besetzt wurde, hat man dort Spiele durchgeführt oder zumindest geplant", sagt der Sporthistoriker Herzog.

Trotz der Bedeutsamkeit der Länderspiele für das Deutsche Reich waren 1940 fast alle Nationalspieler auch Soldaten. "Sport hilft der Front, Sport stärkt die Rüstung", schrieb der Kicker in einer Kriegsausgabe und echote damit die Devise der Nazis, dass gute Sportler auch gute Soldaten seien. Währenddessen versuchte der Reichstrainer Sepp Herberger, seine Spieler vom Kriegsgeschehen fernzuhalten. Länderspiele und umfangreiche Lehrgänge arrangierte Herberger so oft wie möglich. "Jeder strengte sich an, damit der Einsatz im nächsten Länderspiel und damit der nächste Urlaub gesichert war", schrieb Fritz Walter, damals Nationalspieler und Weltmeister 1954, in seinem Buch "11 rote Jäger". Zudem nutzte Herberger seine Kontakte zum Militär, um Nationalspieler im Bodenpersonal oder in Ersatzgruppenteilen unterzubringen, wo sie dem Fronteinsatz entgingen. Für den kinderlosen Herberger, sagt Herzog, seien seine Nationalspieler "eine Art Ersatzfamilie" gewesen.

Zwei Wochen vor der Kapitulation spielte Bayern noch gegen 1860

Mit zunehmender Kriegsdauer verflachte Goebbels' anfängliche Begeisterung für den Fußball allerdings. Länderspiele taugten nur bedingt als Propagandamittel, denn auch unter dem Hakenkreuz konnten Niederlagen nicht verhindert werden. Die Unberechenbarkeit passte nicht in die Vorstellung der "arischen Überlegenheit". 1941 verlor die Nationalelf an Adolf Hitlers Geburtstag 1:2 in der Schweiz, ein Jahr später musste sie sich in Berlin 2:3 den Schweden geschlagen geben. Goebbels verbot daraufhin Sportwettkämpfe in der Hauptstadt mit der Begründung, "dass es in der heutigen Zeit töricht sei, ein Fußballspiel durchzuführen, dessen Ausgang aller Voraussicht nach mit einer Niederlage von uns enden müsste". Am 22. November 1942 bestritt Deutschland gegen die Slowakei schließlich das letzte Länderspiel für, auf den Tag genau, acht Jahre.

Der Spielbetrieb in den Gauligen, den damals höchsten Spielklassen, ging auch nach dem Ende der Länderspiele weiter, wenngleich mit zunehmend starken Einschränkungen. Ab 1943 waren Zehntausende Fußballer und Funktionäre Teil der Wehrmacht. Weil Spieler fehlten, bildeten Vereine Kriegssportgemeinschaften, mit Jugendspielern und Alten Herren wurde aufgefüllt. Beim Endspiel der vorletzten Kriegsmeisterschaft waren 16 der 22 Spieler auf dem Feld Soldaten. Zwei wurden für die Partie aus dem Lazarett geholt, einem fehlte ein Arm. "Mannschaften sind teilweise mit sechs, sieben Spielern zu einem Auswärtsspiel gefahren und haben unterwegs Fans, die Mitglieder waren, für das Team rekrutiert", sagt Herzog. 1944 gab es keinen Spieltag mehr ohne Spielabbruch aufgrund von Fliegeralarm, manche Stadien waren von Bomben zerstört.

Dass immer mehr Spieler in den Krieg zogen, beeinflusste den Wettbewerb maßgeblich. In seinem Buch "90 Jahre deutscher Liga-Fußball" beschreibt Hardy Grüne einen beliebig ausgewählten Spieltag in der Saison 1942/43: "Da war in den 96 Partien des 2. Novembers 1942 542 Mal ins Schwarze getroffen worden. Schnitt: 5,6 Tore pro Spiel." Den Rekordsieg hält die Elf von Germania Mudersbach, die gegen den FV Engers 32:0 gewann.

Weniger als einen Monat nach dem Endspiel im Juni 1944 startete schon die neue Saison. Zu groß war die Angst, den Spielbetrieb nach einer Sommerpause nicht wieder aufnehmen zu können. Die Liga wurde regionalisiert, 100 Staffeln ersetzten die 16 Gauligen. Doch die Maßnahmen währten nicht lange. Die Alliierten und die Rote Armee brachten das Deutsche Reich an beiden Fronten in Bedrängnis. Im September 1944 mussten alle bisher nicht eingezogenen Männer für Hitlers aussichtslosen Volkssturm zur Verfügung stehen, die Saison wurde abgebrochen.

Dennoch wurden weiterhin vereinzelte Freundschaftsspiele ausgetragen. Am 23. April 1945 gewann der FC Bayern ein Stadtderby gegen den TSV 1860 München 3:2. Das war nur zwei Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reichs. Ein Deutscher Meister wurde erst in der Saison 1947/48 wieder gekürt. Der 1. FC Nürnberg besiegte im Finale den 1. FC Kaiserslautern um Fritz Walter mit 2:1.

© SZ vom 31.03.2020/schm/cat

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