In der elften Spielminute beschwerte sich Javier Pinola beim Linienrichter, der Nürnberger Mittelfeldspieler monierte den Zustand des Spielgerätes. Zu wenig Luft sei darin, der Ball wirke lasch. Stuttgarts Trainer Markus Babbel mischte sich nicht ein in diese Diskussion, obwohl er zu diesem Zeitpunkt ähnliche Kritik am Zustand seiner Mannschaft hätte üben können. Lustlos schoben sich die Stuttgarter Spieler den Ball zu, immer wieder unterliefen ihnen dabei leichte Fehler.

Babbel hatte vor dem Spiel prognostiziert: "Nürnberg wird defensiv agieren, wir müssen geduldig sein und auf unsere Chance warten." Wahrscheinlich verwechselten seine Spieler das Wort "Geduld" mit "Einfallslosigkeit", weshalb sich Champions-League-Teilnehmer VfB Stuttgart mit einem 0:0 gegen den 1. FC Nürnberg begnügen musste und am Ende froh sein, dieses Spiel nicht verloren zu haben.
Pinolas Vorteil in dieser elften Minute war, dass der Ball sogleich ausgetauscht wurde, während Babbel diese Option nicht für seine komplette Mannschaft wahrnehmen konnte - obwohl er sogleich vier Spieler zum Aufwärmen schickte. Ohnehin hatte Babbel seine Startformation auf fünf Positionen verändert gegenüber dem Champions-League-Qualifikationsspiel gegen Timosoara. Das Rotationsprinzip ist ursprünglich ein politisches Stilmittel, die Bündnis-Grünen reklamieren die Erfindung für sich. Zu Weltruhm verholfen hat diesem Prinzip jedoch der Fußballtrainer Ottmar Hitzfeld - und sein ehemaliger Spieler Markus Babbel schickt sich nun an, es zu perfektionieren.
Überhaupt hat Babbel viel von Hitzfeld übernommen, auch rhetorisch ist der Einfluss erkennbar. "Natürlich werde ich wieder rotieren", hatte er vor dem Spiel gesagt. "Wir haben viele Spiele in dieser Saison, da werde ich in jedem Training genau hinsehen, wer es locker angeht und wer mitzieht."
Vielleicht hat Babbel doch nicht so genau hingesehen im Training, in den ersten Minuten des Spiels jedenfalls wirkten die Nürnberger Akteure frischer und wacher. Bei Ballverlust zogen sich alle Spieler in die eigene Hälfte zurück und sahen den Stuttgartern dabei zu, wie die sich gemächlich der Mittellinie näherten. Dann attackierten die Franken, eroberten meist den Ball und initiierten schnelle Gegenstöße über die Außenspieler Risse und Vidosic.
Angelos Charisteas (4.) und Marek Mintal (9.) hatten die ersten Gelegenheiten für Nürnberg, die nach dem von Pinola inszenierten Balltausch zwingender wurden. Marcel Risse setzte sich auf der rechten Seite gegen Boka durch und legte den Ball in den Strafraum - Darion Vidosic scheiterte jedoch aus elf Metern an Jens Lehmann. Nur wenig später ergaben sich für Havard Nordtveit (14.), Mintal (20.) und Charisteas (24.) weitere Torchancen, sie scheiterten entweder an Lehmann oder ihrer eigenen Schusstechnik.
In der 40. Spielminute dann wollte Mintal eine Diskussion mit dem Schiedsrichter beginnen. Risse hatte bei seinem 20. Vorstoß auf der rechten Seite seinen Gegenspieler Boka zum 20. Mal düpiert und den Ball zu Mintal gebracht. Dessen Schuss sprang an die Hand von Christian Träsch, der sich Mintal entgegengestürzt hatte. Die Reklamation unterband Schiedsrichter Babak Rafati sogleich und erklärte dem Slowaken kurz, warum er nicht auf Strafstoß entschieden hatte.
Zur Pause entschied sich Babbel, das Rotationsprinzip weiterzuführen. Er nahm Jan Simak aus dem Spiel und schickte Elson aufs Feld. Der Brasilianer sorgte sogleich für Gefahr, als er eine Flanke in den Strafraum schlug, wo sich Pawel Pogrebniak und Timo Gebhart nicht einigen konnten, wer den Ball nun ins Tor köpfen darf. Kurze Zeit später brachte der Stuttgarter Trainer den angeschlagenen Aliaksandr Hleb für Thomas Hitzlsperger und Julian Schieber für Cacau.
Babbel tauschte zwar Spieler, nicht jedoch die Einstellung der anderen Akteure zu diesem Spiel. Die Stuttgarter spielten weiterhin so, als würden sie drei Punkte dafür bekommen, wenn sie möglichst langsam durchs Mittelfeld kombinieren und den Ball nicht in den gegnerischen Strafraum spielen. Immer wieder rief Babbel: "Spielt einfach! Spielt Fußball!" Doch hatte es den Anschein, dass nur die Nürnberger Spieler ihn hören würden. Die wurden immer mutiger, sie konnten nur ihre zahlreichen Torchancen nicht verwerten. Andreas Wolf köpfte aus sieben Metern neben das Tor (60.), Vidosic' Hereingabe wurde geblockt (62.) und Risse traf nur den Pfosten (64.).
Erst als die Nürnberger Akteure dem hohen Kraftaufwand der ersten Stunde Tribut zollen mussten, wurden die Angriffe der Stuttgarter zwingender. Pogrebniak wurde zwei Mal von Hleb freigespielt, scheiterte jedoch in beiden Fällen freistehend am Nürnberger Torhüter Raphael Schäfer (67./73.). In diesen Momenten wurde deutlich, dass Markus Babbel eben doch Markus Babbel ist und nicht Ottmar Hitzfeld - eine von Hitzfeld trainerte Elf hätte ein derartiges Spiel wohl noch gewonnen.
Babbel ist nicht nur ein Freund des Rotationsprinzips, sondern auch des Pragmatismus. "Die Bundesliga ist wichtig, vor allem Spiele gegen Mannschaften wie Nürnberg", hatte er vor dem Spiel erklärt. "Wir können nicht davon ausgehen, dass wir in der kommenden Saison als Titelverteidiger der Champions League wieder qualifiziert sind, also müssen wir das in der Bundesliga schaffen." Nach vier Spieltagen stehen für seine Mannschaft nun fünf Punkte zu Buche - was eher nach Mittelmaß denn nach Königsklasse aussieht.