Fußball: Bundesliga:Das Ei hat 'ne Schale

Was bleibt von der Bundesliga-Saison 2009/2010? Zum Beispiel Schalke-Witze, fröhliche Holländer, eine LV-Schwäche und ein Maskottchen aus Köln. Eine Bilanz in Bildern.

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van Gaal, AP

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Was bleibt von der Bundesliga-Saison 2009/2010? Zum Beispiel Schalke-Witze, fröhliche Holländer, eine LV-Schwäche und ein Maskottchen aus Köln. Eine Bilanz in Bildern.

Truus' Biest

Dort oben auf dem Foto, der Mann im Lodenjäckchen - das ist Louis van Gaal, 58. Über den Fußballlehrer aus Amsterdam hat der Münchner Nationalspieler Philipp Lahm im Herbst - mit einigem Unverständnis über die Kameraden - berichtet, viele aus seinem Team hätten vor ihm "noch so eine Mischung aus Respekt und Angst". Seit vorigem Wochenende ist das aber alles endgültig vergessen, denn wer soll denn bitteschön jetzt noch Angst haben vor diesem raderdollen Partylöwen, der vom Rathausbalkon zum Muttertag "alle Muttis" grüßt, der oben mit dem Oberbürgermeister Christian Ude (das ist der Mann rechts neben dem Kinn) tanzt und schunkelt und der überhaupt alle verblüfft und angesteckt hat mit seiner überschäumenden Herzlichkeit?

Kaum auszudenken jedenfalls, was passieren wird, gewänne der FC Bayern mit seinem holländischen Unikum auf der Trainerbank am 22. Mai auch noch das Finale der Champions League in Madrid. Das "Feierbiest", wie van Gaal sich bezeichnet, wird dann wohl schmutzige Lieder singen, er wird Gladiolen, Frikandeln und Rioja-Fässchen vom Balkon werfen und dem OB Ude zuträllern, dass er bei der nächsten Wahl kandidiert für die neue Bondspartei, die mit ihren holländischen Schatzmeistern van Bommel und Robben bereits den FC Bayern regiert. München wird dann natürlich noch dominanter auftreten, das Land kontrollieren und trotz anfänglichen Gegrummels alle begeistern mit den Chancen, die van Gaal für das Land kreiert. Eine wunderbare, heitere Zeit steht demnach bevor, das ahnt auch Familienvorstand Truus van Gaal: "Wir fühlen uns hier sehr wohl", versichert die Gattin, "und Louis hat ja selbst das Gefühl, dass er viel länger bei Bayern bleiben kann." Und bitte, keine Angst - sie hat da ausnahmsweise mal keinen Spaß gemacht.

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Magath, AP

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Leere des Weltalls

Lange vorbei, dass Deutschland über Ostfriesen oder Blondinen lachte, aber neuerdings gibt es ja Schalke-Witze. Einer geht so: Was ist der Unterschied zwischen Schalke und einem Hühnerei? Das Ei hat 'ne Schale. Wer darüber lacht, sollte bedenken, dass Schalke über die Unternehmensphilosophie verfügt, von der andere nur reden. Was Schalke und die seit 1958 unerfüllte Titelsehnsucht angeht: Sie wollen und dürfen ja gar nicht Meister werden, denn welchen Sinn hätte dann ihr Leben noch? Als Meister würde jeder Schalke-Fan plötzlich die Leere des Weltalls kennenlernen, denn so viel steht fest: Man braucht im Leben ein Ziel, aber man darf es nie erreichen. Daher ist Schalke zu wünschen, dass sie demnächst auf 53 Jahre ohne Eierschale zurückblicken dürfen.

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Ribéry, Getty

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Fünf-Jahres-Wertung

Bei der Fünf-Jahres-Wertung dachte man bisher an die Bilanz des HSV (fünf Trainer in fünf Jahren) oder an die Verhandlungsposition Franck Ribérys ("Ich will einen Fünf-Jahres-Vertrag"), aber das ist seit dieser Saison anders: Neuerdings fiebert die Nation wegen der Fünf-Jahres-Wertung der Uefa sogar mit dem FC Bayern, auf dass die Liga mit ihren stets ausverkauften Stadien von der unseriösen Serie A (noch mehr Schulden als Schalke!) den vierten Startplatz für die Champions League zurückerhält. Die Chose war so gut wie gelaufen, bis der HSV in Fulham mit dem nächsten Trainer auftauchte. Nun müssen die Bayern im Finale von Madrid mindestens ins Elfmeterschießen kommen, um Italien zu überholen. Und das ohne Ribéry (im Bild).

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Guerrero, Getty

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Fans gegen Profi

Es war der 29. Spieltag: Der Hamburger Paolo Guerrero (Bild) hatte einem Zuschauer eine Plastik-Wasserflasche an den Kopf geworfen. Einerseits: Das geht gar nicht. Anderseits: Ist es nicht ein bisschen verständlich, dass ein Spieler ausrastet, der wohl auch rassistisch beleidigt worden ist? Der Fall wirft ein Schlaglicht auf das in manchen Stadien bisweilen angespannte Verhältnis von Profis und Fans. Interessanterweise kamen die Beleidigungen von den teuren Plätzen, als dürfte, wer viel zahlt, sich besonders echauffieren. Guerrero hat sich entschuldigt, aber das müssten natürlich beide Seiten tun. Am vergangenen Samstag in Bremen ist Guerrero schon wieder beleidigt worden, er blieb ruhig. Entschuldigen muss sich diesmal nur eine Seite.

zas/Foto: Getty

Schaaf Allofs, Getty

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LV-Schwäche

Dass Werder wieder nicht Meister wurde, liegt an einem dramatischen Transferdefizit, hier exklusiv enthüllt: Die Einkäufer Allofs (rechts) und Schaaf können keine Linksverteidiger (LV). Der erste LV, den Allofs/Schaaf anwarben, war ein Pole namens Jacek Chanko (0 Spiele, 0 Tore). Es folgten der Belgier Van Damme (8 Spiele/1 Tor), der Brasilianer Nery (1 Spiel, 1 Kahnbeinbruch), der Schweizer Magnin (45 Spiele/45.000 Flanken hinters Tor), der Kameruner Womé (28 Spiele, dann verschollen), der Deutsch-Pole Boenisch (ganz okay) und der Serbe Tosic (von Allofs eigenhändig fortgejagt) - eine Serie, die die Bremer in dieser Saison mit dem Kauf des Tunesiers Abdennour eindrucksvoll bestätigten. Zurzeit hilft links hinten Petri Pasanen aus, eine Kultfigur wie einst der Hilfs-LV Paul Stalteri, der - Achtung Allofs/Schaaf! - im Sommer 2011 wieder zu haben ist.

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Alaba Contento, ddp

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Teenager und Twens

Die Liga hat einen Begriff neu definiert: den des Balljungen. Früher haben Balljungen aufgeregt gelauert, auf dass sie eine Kugel einfangen und einem ihrer Helden zuwerfen konnten. Doch diese Saison haben die Balljungen entweder den kauzigen Torwart Lehmann geärgert - oder gleich selbst mitgespielt: der Müller-Thomas, 20, der Badstuber-Holger, 21, Contentos Diego (rechts), 20, und auch der freche David Alaba (links), 17, dominierten lässig das Bayern-Spiel mit. Auch in Schalke, Leverkusen und anderswo fürchteten sich Teenager und Twens wie Matip, 18, Moritz, 20, die Benders und Reinartz, alle 21, Schürrle, 19, oder Reus, 20, nicht vor dem echten Spiel. Voll krass.

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Kempter, dpa

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Schiri ans Telefon

Positiv gesehen: Im 47. Jahr des Liga-Bestehens hat der Fall Amerell/Kempter endgültig bewiesen, dass Schiedsrichter doch über eine Menge Fingerspitzengefühl verfügen - zumindest beim Verfassen von sehr persönlichen SMS.

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Bruchhagen, dpa

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Mittelfeldmeister

Keiner hat die Bundesliga so gut verstanden wie Heribert Bruchhagen, der Vorstandschef von Eintracht Frankfurt. Er kann diesen emotionalen Betrieb bis zur hintersten Kommastelle berechnen, er kann beweisen, warum seine finanziell minderbemittelte Eintracht niemals in den europäischen Wettbewerb einziehen kann. In dieser Saison muss Bruchhagen sehr tapfer sein: In einer Spezialtabelle, die finanzielle Möglichkeiten (gering!) mit der Punktzahl (hoch!) verrechnet, ist seine Eintracht plötzlich ein Spitzenklub, nur bezwungen von Mainz 05, dem Mittelfeldmeister. Mag man im Süden mal wieder den tausendsten Titel feiern, die wahren Champions sitzen in der Mitte des Landes. Belohnt werden sie nicht mit der Meisterschale, sondern mit einer Statue, die Heribert Bruchhagen verdächtig ähnlich sieht.

nee/Foto: Bruchhagen

Borussia Dortmund Fans, Getty

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Der Westen

Der Westen hat viele Gegner, und wenn eines Tages die Welt untergeht, weil sie den modernen Lebensstil der Menschen nicht länger erträgt, dann wird es wieder heißen, dass der Westen an allem schuld war. Trotzdem ist es eine gute Nachricht, dass der Westen jetzt wieder da ist, nachdem er ein Jahr aus der Welt verschwunden war. Sehnsüchtig hat der Westen in dieser Zeit nach Norden geblickt, nach Süden, und sogar nach Osten, nach Berlin. Ein ganzes Jahr blieb der Westen vom Europacup ausgeschlossen, jetzt ist er strahlend zurückgekehrt: Dortmund und Leverkusen werden die Europa-League aufmischen, Schalke blickt nach Wembley, wo das Champions-League-Finale 2011 ausgetragen wird. Besonders den Unverdrossenen, die in einer Epoche des Mittelmaßes ständig das Dortmunder Stadion füllten, ist das zu gönnen. Sollte es aber wieder heißen, dass Europa dorthin zurückkehrt, wo das Herz des deutschen Fußballs schlägt, dann ist das nur ein Fall von westlicher Überheblichkeit.

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Cottbus, Getty

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Ohne den Osten

Steffen Heidrich aus Erlabrunn im Erzgebirge war drei Jahre lang Manager von Energie Cottbus, und heute darf man sagen: Es waren die besten Jahre des Klubs. 17 Erstliga-Heimspiele pro Jahr. Im Osten Brandenburgs, so formulierte Heidrich stets, "sind das 17 Festtage für die Region". Heidrich meinte damit: für eine Region, die sonst wenig zu feiern hat, für den Osten. Nach dem Abstieg des FC Energie 2009 trat Heidrich zurück, seine Nachfolger haben den Klub als Zweitligisten stabilisiert. Man muss nur nach Rostock blicken, um zu begreifen, dass das eine Leistung ist. Zum Dank erhält Cottbus zwei neue Festtage zugesprochen: Derbys gegen Hertha und Aue. In der zweiten Liga. Erstligafußball findet in den neuen Bundesländern - inklusive Berlin - nicht mehr statt.

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Andersen, dpa

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Ordnung

Der erste Saisontrend war so schnell, dass ihn die Liga nicht erkannte. Die Liga hielt es für einen schrulligen Einzelfall, dass Mainz den Trainer Jörn Andersen (im Bild bei der Aufstiegsfeier im Mai 2009) noch vor dem ersten Spiel entließ, weil er seine Spieler unter anderem angewiesen hatte, Bilder ihrer Kinder aus den Spinden zu entfernen. Es ging Andersen "um Ordnung", weshalb er seine Spieler manchmal auch ordentlich anschrie. Später kam heraus, dass Andersen sein wollte wie Felix Magath, nur leider hatte er sich statt des Meistertrainers die Quälix-Karikatur zum Vorbild genommen. Künstliche Autorität verliert, natürliche Autorität siegt: Das ist die Erkenntnis dieser Saison, in der auch Bruno Labbadia, Heiko Herrlich, Michael Oenning und Markus Babbel an ihren Teams scheiterten. Dominiert wird die Liga von Typen, die eines gemeinsam haben: Louis van Gaal, Felix Magath, Thomas Schaaf, Jupp Heynckes, Jürgen Klopp und Christian Gross führen ihre Teams straff und unmissverständlich. Der DFB sollte überlegen, ob er das Prüfungsfach "Charisma" in den Trainerlehrgang aufnimmt.

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Podolski, dpa

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Poldi

Lukas Podolski ist in seinem ersten Jahr der Heimkehr an den Rhein oft kritisiert worden, aber er hatte auch gute Auftritte für den 1. FC Köln. Zum Beispiel, als er bei einem Werbetermin für den FC-Sponsor Rewe gefragt wurde, ob er denn auch immer bei Rewe einkaufe, und er dann erwiderte, lieber zu Edeka zu gehen. Das war schlagfertig und lustig, und in gewisser Weise war es auch beruhigend. Man musste ja befürchten, dass die abnorme Kölner Prinzenverehrung ihn erdrücken und verändern würde, aber wenigstens das kann man sagen nach der grauen Saison, die der FC und Podolski miteinander verbracht haben: Poldi ist Poldi geblieben, er ist sich jetzt zwar öfter der ernsten Lage bewusst, doch meistens wirkt er immer noch wie die Symbiose aus Max und Moritz, wenn sie die Pfeife des Lehrers Lämpel manipulieren. Jetzt hat der Bundestrainer Podolski gemahnt, er wolle bei der WM einen anderen Poldi sehen als den aus Köln, und womöglich hat sein Appell sogar Erfolg. Aber Löw wird wissen: Der nächste Streich, er folgt sogleich. Gut so.

pse/Foto: dpa

Freidrich Funkel, ap

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Sie gehen ...

In Berlin werden viele Dinge recht eigenwillig benannt. Steuergeschenke heißen Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Der jährlich herbeiwehende Weltuntergang heißt Winter. Knappe Niederlagen heißen Erfolgserlebnis, jedenfalls in den Analysen des Trainers Friedhelm Funkel. Und im November urteilte der Hertha-Präsident Werner Gegenbauer, sein Hauptstadtklub war da auf der nach unten offenen Peinlichkeitsskala schon weit gekommen: "Wir haben eine temporäre sportliche Delle." Dass Hertha BSC in die zweite Liga muss, hat auch damit zu tun, dass man den sich abzeichnenden Krater nicht wahrhaben wollte in Berlin. Der Krater hat skurrile Ausmaße entwickelt: 16 Heimspiele im Olympiastadion blieb Hertha ohne Sieg - gewonnen worden war nur das erste gegen Hannover. Wie friedlich es trotzdem aussah, als Funkel und sein Kapitän Arne Friedrich am Ende Arm in Arm über den Rasen schritten! Fast, als beglückwünschten sie einander. Zum erfolgreich absolvierten Beinahe-Klassenerhalt.

cca/Foto: AP

Lehmann Bancé, dpa

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..., und er geht auch!

Bei den Lehman Brothers handelte es sich angeblich um eine Investmentbank mit Hauptsitz in New York, die in der Finanzkrise Insolvenz anmeldete. Im Skandalgebrüll ging unter, dass auch Deutschland über Lehmann-Brüder verfügt, und zwar über erfolgreichere. Die deutschen Brüder haben ihren Hauptsitz im Kreis Starnberg, in dem noch nie jemand Insolvenz anmelden musste. Bekannt ist, dass die Brüder alle Jens heißen, aber unbekannt ist, wie viele Brüder es genau sind. Einer hat sich mal mit dem Mainzer Stürmer Bancé angelegt (Bild), bekannt sind auch der Hubschrauber-Pilot, der Feind aller Balljungen, der Stirnband-vom-Kopf-Reißer, der Schuhwerfer, der gute Vater, der Brillendieb, der Hinter-die-Bande-Pipimacher und natürlich der beste Torwart der Welt. Die Brüder haben angekündigt, dass sie sich jetzt alle miteinander ins Privatleben zurückziehen, aber sie machen das viel besser als die Brothers aus Übersee. Sie gehen nicht, weil sie pleite sind. Sie gehen auf der Höhe ihrer Kunst.

nee/Foto: dpa

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