Fußball-Bundesliga 2:2 auf Schalke - der BVB hat andere Ziele

Langt ordentlich hin: Sokratis (links) gegen Klaas-Jan Huntelaar.

(Foto: AFP)

Die Meisterschaft ist unrealistisch, deshalb rotiert Dortmunds Trainer Tuchel kräftig. Heraus kommt ein rassiges Derby - mit unerlaubten Härten.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

"Zwo Minuten Nachspielzeit" hatte der Stadionsprecher gerade mitgeteilt, als Eric-Maxim Choupo-Moting zu einem Lauf am linken Flügel startete. Bis zur Grundlinie arbeitete er sich durch, dann brachte er den Ball in die Mitte, wo Max Meyer zum Empfang bereitstand. Niemand stand ihm im Weg. Aber es wurde kein Torschuss für die Ewigkeit, sondern ein Ball übers Tor - und das 170. Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund nahm das Ende, mit dem sich beide Parteien arrangiert hatten. Das 2:2 bringt zwar weder Schalker noch den BVB in der Tabelle voran, aber es entließ alle Beteiligten recht versöhnt in den Feierabend.

Erst im zweiten Abschnitt brachte die alte Nachbarschaftsfehde das Tempo, die Emotionen, die Hektik und die Torschüsse hervor, die dem Publikum in der ersten Hälfte vorenthalten wurden. Zweimal lagen die Schalker zurück, zweimal schafften sie den Ausgleich, insofern war es vor allem die moralische Wirkung, die sich die Hausherren zugutehielten: "Wir haben gezeigt, was wir in Ingolstadt haben vermissen lassen - insofern war es ein verdientes Unentschieden", meinte Torwart Ralf Fährmann. BVB-Coach Thomas Tuchel sah es ähnlich: "In der zweiten Halbzeit waren wir am Drücker, leider mussten wir zweimal schnell den Ausgleich hinnehmen. Es war intensiv, spektakulär. Alles okay."

Sieben Punkte hinter den Bayern

Mit Personalwechseln beim BVB hatte man gerechnet, aber Tuchel schaffte es dennoch, mit seiner Aufstellung zu überraschen. Auf der Bank saßen Aubameyang, Reus, Gündogan, Mkhitaryan und Castro, Weigl und Schmelzer gehörten nicht mal dem Kader an. Mancher Schalker reagierte indigniert und wertete die radikale Rotation als Geringschätzung - schlimmer noch: als berechtigte Geringschätzung. Aber Aspekte der Rivalität lagen Tuchel fern. Er setzte Prioritäten. Nachdem seine Borussia ihren Champions-League-Platz gesichert hat und die Bayern sich weiterhin Fehltritten verweigern, verlagert sich der Schwerpunkt der Zielsetzung vom Titelkampf auf Europa League und DFB-Pokal.

Auch mit der Zweitbesetzung dominierte die Borussia zunächst, und der Auftritt des 17 Jahre alten Christian Pulisic ließ bei den Fans keine Sehnsucht nach den Etablierten aufkommen. Regelmäßig riss er über rechts die Schalker Deckung auf, nur ein paar Zentimeter fehlten ihm zum Führungstor (23.). Während die Gäste in gelassener Haltung den Ball laufen ließen, machten die Gastgeber einen bestenfalls eingeschüchterten, vorwiegend hilflosen Eindruck. Schalke ließ alle Anzeichen eines souveränen Spielbetriebs vermissen: Man sah kein System, keinen Spielfluss, kein Zutrauen, keinen Mut.

In seltenen Momenten verschaffte sich Belhanda mit technischem Geschick etwas Platz, dann erschlossen sich Räume, doch niemand nutzte sie. Um den einsamen Mittelstürmer Huntelaar kümmerte sich Sokratis, das genügte. Ansonsten musste Sané in jeder schwierigen Situation als Anspielstation herhalten. Dessen Schuss an den Pfosten war Schalkes erster Torschuss (33.). Ein Schuss von Caicara, der knapp sein Ziel verfehlte (40.), komplettierte die fade erste Hälfte.

Schalke wehrt sich leidenschaftlich

Zur zweiten Halbzeit kam Mkhitaryan beim BVB, Verteidiger Hummels machte Platz, und das Spiel änderte sich abrupt. Dortmund zeigte jetzt wieder Angriffsgeist, Kagawa erzielte mit einem spektakulären Heber das 1:0. Nun wurden sogar die Schalker lebendig: Sanés 1:1 nach einem Angriff, der mehr ein Akt der Gewalt als ein Spielzug war, folgte nur zwei Minuten später. Aber als das Publikum Hoffnung witterte, gelang Ginter postwendend das 2:1 (56.). Die Schalker wehrten sich jedoch leidenschaftlich. Besonders Huntelaars Einsatzwille setzte Maßstäbe, und es war eine seiner vielen zärtlichen Begegnungen mit Sokratis, die das 2:2 brachte: Der Verteidiger brachte den Stürmer zu Fall, den Elfmeter verwertete Huntelaar selbst (66.).

Die Partie schwankte noch eine Weile hin und her, es gab vor allem von den Schalkern einige unerlaubte Derby-Härten. Und der BVB - inzwischen verstärkt durch Gündogan und Aubameyang - war dem 3:2 stets ein Stück näher. Aber das Remis gab am Ende kein falsches Bild von diesem spät vitalen Spiel.


Quelle: Opta Sportdaten

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