Süddeutsche Zeitung

Coming-out im Fußball:"Auf dem Platz bin ich endlich frei"

  • Andy Brennan hat als aktiver Fußballprofi sein Schwulsein öffentlich gemacht.
  • Über den Schritt sagt er: "Es fühlt sich überwältigend an."
  • Negative Erfahrungen hat er bislang keine gemacht.

Von Lisa Sonnabend

Bevor Andy Brennan die Nachricht verschickte, die so vieles in seinem Leben veränderte, schmierte er sich Erdnussbutter aufs Toastbrot. Er setzte sich aufs Sofa, stellte den Teller neben sich ab. Dann, so schildert er es, nahm er das Smartphone in die Hand - und veröffentlichte einen Text, den er Wochen vorher vorbereitet hatte. "Ich bin schwul", war nun auf seinem Instagram-Profil zu lesen: "Ich will komplett offen damit umgehen." Die Nachricht verbreitete sich rasant. Denn der 26 Jahre alte Australier ist Fußballprofi - und Homosexualität im Fußball noch immer ein Tabuthema.

Wenn sich Brennan mit vier Monaten Abstand an jenen Nachmittag im Mai erinnert, erzählt er, wie nervös er war, wie groß seine Angst war, wie er mit dem Schlimmsten rechnete. Was seitdem passiert ist? "Es fühlt sich einfach nur großartig an", sagt Brennan im Telefongespräch: "Mein Leben ist nun ein viel besseres."

Der Stürmer Brennan ist beim Zweitligisten Green Gully Soccer Club in Melbourne unter Vertrag. Er hatte zuvor in der ersten australischen Liga gespielt, doch Verletzungen warfen ihn zurück. In Australien ist Brennan der erste Fußballspieler, der sein Schwulsein öffentlich gemacht hat, weltweit gibt es nur sehr wenige Fußballprofis, die ein öffentliches Coming-out hatten. Der frühere deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger ist der bekannteste unter ihnen, allerdings sprach er erst nach seinem Karriereende darüber. Viele schwule Fußballer ziehen es vor, nicht über ihre Sexualität zu reden. Zu groß ist die Unsicherheit, wie Mitspieler, Gegner, Zuschauer und Sponsoren auf die Nachricht reagieren werden.

Brennan will seine Geschichte selbst erzählen

Brennan, der vor kurzem angefangen hat, Psychologie zu studieren, wollte lange selbst nicht akzeptieren, dass er schwul ist. Auch weil im Fußball Härte zählt und in der Umkleide immer mal wieder ein blöder Spruch fällt. Er verdrängte seine Gefühle. "Ich glaubte, dass ich sonst mit dem Fußball hätte aufhören müssen", sagt er. Doch als er sich im vergangenen Jahr immer klarer über seine Sexualität wurde, merkte er, dass er diese nicht mehr verheimlichen wollte. Er sprach mit seiner Familie, redete mit seinen Freunden - und schließlich mit den Teamkollegen. "Von da an stand fest, dass ich es auch öffentlich machen werde", sagt Brennan: "Ich wollte selbst derjenige sein, der die Geschichte erzählt. Und nicht andere meine Geschichte erzählen lassen."

Bereut hat er diesen Schritt bislang nie. "Es gab keine einzige negative Reaktion aus meiner Mannschaft, von einem anderen Team oder von einem Zuschauer", berichtet er. Stattdessen würden ihn manchmal nach einer Partie Gegner umarmen und ihm zurufen: "Gut gemacht." Die Mitspieler gehen locker damit um, ziehen ihn manchmal damit auf, zum Beispiel wenn er das Tor im Training verfehlt. "Das ist toll, denn das macht es ganz normal", sagt Brennan. An die tausend Nachrichten aus aller Welt hat er in den vergangenen Wochen erhalten. Fast alle Zeitungen in Australien berichteten über sein Coming-out, aber auch Medien in den USA, England, Spanien oder Deutschland. "Damit habe ich nicht gerechnet", gibt Brennan zu. Das wichtigste für den Fußballer ist aber: "Endlich kann ich ich sein, und das fühlt sich überwältigend an."

Brennans Antwort auf eine homophobe Äußerung findet viel Beachtung

Bevor der Australier seine Sexualität öffentlich thematisierte, holte er sich Rat bei dem amerikanischen Kollegen Collin Martin, Fußballprofi bei Minnesota United in der Major League Soccer (MLS), der diesen Schritt im Juni 2018 gegangen war. Auch damals war das Aufsehen groß - und die Reaktionen sind auch bei ihm fast alle positiv. Als Martin während der ersten Partie nach seinem Coming-out eingewechselt wurde, erhoben sich die Zuschauer im Stadion und klatschten lange. Er habe sich in den vergangenen Monaten auf dem Platz nie unwohl gefühlt, erzählte der US-Profi vor kurzem in einem Interview mit dem Fernsehsender Sky: "Meine Erfahrungen waren nur gut." Ein Sportartikelhersteller veröffentlichte vor einigen Wochen einen Werbefilm, Hauptdarsteller: Collin Martin in einem Trainingsanzug in Regenbogenfarben. "Ich hatte nicht gedacht, wie sehr die Leute meine Geschichte gebraucht haben", sagt der MLS-Spieler in dem Video.

Martin und Brennan sind zu Vorbildern der queeren Bewegung geworden. Brennan tritt bei Veranstaltungen auf, immer wieder melden sich schwule Sportler bei ihm, bedanken sich und bitten ihn um Rat. Als sich der berühmte australische Rugbyspieler Israel Folau homophob äußerte, schrieb der schwule Fußballer in den sozialen Netzwerken einen bewegenden, viel beachteten Beitrag an Folau: "Wenn ich 16 Jahre alt wäre, hätten deine Worte bei mir bewirkt, dass ich mich noch einsamer gefühlt und noch weiter versteckt hätte."

Doch Andy Brennan ist nun 26 und aus dem Versteck herausgekommen. Er wählt seine Worte mit Bedacht, wenn er spricht. Seine Stimme ist ruhig und klar. "Wenn meine Geschichte Leuten helfen kann, sie inspiriert und ihnen Mut gibt, es auch so zu machen, dass sie auch finden, dass es der beste Weg ist, dann ist das ziemlich gut", erklärt er. Er hofft, dass vielleicht bald weitere Fußballer öffentlich über ihre Homosexualität sprechen, er sagt aber auch: "Es muss jeder selbst wissen. Niemand weiß, was passieren wird."

Auf Videos im Internet ist zu sehen, wie Andy Brennan beim Training in Melbourne über den Platz läuft. Das grüne Gully-Trikot flattert um seinen Körper, er schießt den Ball, trifft ins rechte Toreck, dreht sich jubelnd im Kreis herum und lacht. Brennan sagt: "Auf dem Platz bin ich endlich frei."

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Quelle:
SZ vom 21.09.2019/tbr
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