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Fußball:Bitte gnadenlos auch gegen die Kleinen!

Kann jetzt auch grimmig: Bundestrainer Joachim Löw.

(Foto: AP)

Bundestrainer Joachim Löw hat sich sehr verändert in den vergangenen Jahren. Er schlägt mittlerweile eine fast schon martialische Rhetorik an, die er selbst vor Jahren noch ausgeschlossen hätte.

Wer hat diese drei Sätze gesagt? Satz eins: "Wir haben vor dem Spiel gesagt, dass wir es konsequent zu Ende spielen wollen." Satz zwei: "Wir wollen die Gruppe von Anfang an dominieren, das ist unser Anspruch und unsere Erwartung." Satz drei: "Wir wollen die Qualifikation gnadenlos durchziehen." Allen, die jetzt schon den Finger heben, um mit der naheliegenden Antwort herauszuplatzen, sei gesagt: Überlegt Euch die Antwort lieber nochmal. Und nein, es ist nicht José Mourinho.

Diese Sätze stammen von Joachim Löw, sie sind ein paar Stunden, maximal ein paar Tage alt. Löw hat diese Sätze vor dem Spiel gegen eine Mannschaft gesagt, deren Leistungsträger im wahren Leben Studenten, Bankangestellte oder Starkstrom-Elektriker sind. Diese Sätze klangen beim ersten Hören viel zu groß und viel zu kämpferisch für diesen klitzekleinen Gegner, den die DFB-Elf auch dann besiegt hätte, wenn sie sich während des Spiels gleichzeitig auf die geplante Papst-Audienz vorbereitet hätte. Und vor allem klingen diese Sätze immer noch gewöhnungsbedürftig bei diesem Trainer, den man jetzt seit über einem Jahrzehnt kennt und den man immer noch reflexartig mit einem Fußball in Verbindung bringt, der nicht immer - siehe oben - als "konsequent" oder gar "gnadenlos" gilt.

Man darf sich nicht vom lässigen Look täuschen lassen

Wenn man Menschen länger kennt und relativ regelmäßig trifft, dann fällt einem manchmal gar nicht mehr auf, wie sehr sie sich verändern. Joachim Löw, das darf man feststellen, hat sich zum Beispiel mehr verändert, als das sein gleich bleibend lässiger Jogi-Look vermuten lässt. Schon bei der WM 2014 verblüffte dieser ehemalige Romantiker mit recht pragmatischem Coaching, in dem plötzlich auch lange Bälle und Standardsituationen erlaubt waren. Und inzwischen hat sich dieser Trainer eine Rhetorik zugelegt, die er selbst vor drei oder sechs Jahren für deplatziert und völlig ausgeschlossen gehalten hätte.

"Gnadenlos"? So etwas hätte er weder gedacht noch gemeint. Und schon gar nicht gesagt.

Wenn wieder mal ein neuer Qualifikationszyklus bevorstand, dann hat Löw sich in der Vergangenheit meistens ein neues Thema gesucht, ein höchst akademisches selbstverständlich; mal sollte bis zum nächsten Turnier das Gegenpressing verfeinert werden, mal das Spiel ohne Ball oder "zwischen den Linien", wie Löw das nannte. Es war die Zeit, als seine Kritiker spöttelten: wirklich ein hübsches Fußballchen, das er da spielen lässt, aber gewinnen tut er damit natürlich nix.

Wenn nun aber wieder ein neuer Qualifikationszyklus angebrochen ist - jener, der mit dem WM-Titel 2018 in Russland enden soll - dann braucht Löw keine spezielle technisch-taktischen Ziele mehr. Weil er einerseits weiß, dass seine Mannschaft das meiste sowieso beherrscht - und weil er andererseits in seinen zahlreichen Dienstjahren gelernt hat, wie wichtig das ist, was man "Mentalität", "Körperspannung" oder auch "Tor-Gier" nennen könnte. Eigenschaften, die ihm lange zu banal oder zumindest zu abstrakt waren - und die er nach 2014, spätestens aber nach 2016 mehr zu schätzen weiß denn je.

Ein Auslöser des Umdenkens: die eher spannungslose Quali-Phase für 2016

Löws Elf hat eine gute, eine sehr gute Europameisterschaft hinter sich, trotz der Niederlage im Halbfinale gegen Frankreich. Aber in der Analyse hat er schon auch festgestellt, dass zum Beispiel bei der Verwertung der Torchancen nicht nur ein echter Stürmer gefehlt hat, sondern auch ein bisschen Gnadenlosigkeit. Seine Elf hat's nicht immer erzwungen - vielleicht auch, so Löws Schlussfolgerung, weil die gesamte Qualifikations-Kampagne für 2016 ein wenig spannungslos geraten war. Nach dem WM-Titel haben die Spieler Körper und Geist ein bisschen heruntergefahren, und nicht alle haben es geschafft, alle Systeme pünktlich zum Turnier wieder hochzufahren.

Deshalb jetzt also Löws neues Motto: Qualifikation gnadenlos durchziehen! Seine Spieler sollen ruhig mal einen freien Tag mehr genießen, aber wenn sie im Dienst sind, dann bitte richtig. Am liebsten wäre Löw, seine Spieler würden komplett verlernen, wie man ohne Spannung Fußball spielt. Dieser neue Ansatz soll am Ende zur Titelverteidigung in Russland führen - und er führt jetzt schon dazu, dass Studenten, Bankangestellte und Starkstrom-Elektriker nicht mehr darauf hoffen dürfen, dass die deutsche Mannschaft es ab der 70. Minute gut sein lässt. Sie spielt jetzt bis zum Ende.

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