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Fußball:Pep will nicht alles nochmal durchziehen

Die ewige Triple-Debatte spiele sicher eine Rolle, sagt ein Vertrauter; Guardiola könne sich einfach nicht mehr vorstellen, sich noch mal ein ganzes Jahr lang mit all seiner wilden Perfektionssucht in die Bundesliga zu vergraben, noch mal den HSV scouten, noch mal Augsburg sezieren, schon wieder das Konterspiel von Mainz analysieren - und das alles, um am Ende des ganzen manischen Aufwandes nur am Rückspiel des Champions-League-Halbfinales gemessen zu werden. Guardiola wolle lieber neue Teams sezieren, zur Not auch Newcastle und Sunderland, er habe Bock auf eine Liga, in der man sich für den Meistertitel nicht entschuldigen muss.

Bayerns Bosse haben ernsthaft um Guardiola gekämpft, aber eines haben sie wohl eine Zeitlang unterschätzt: dass dieser Katalane gar kein Mia-san-mia-Bayer, dass dieser Pep gar kein Sepp werden will. Dass er nur seine eigene Agenda abarbeitet, die ihn zwecks persönlicher Weiterentwicklung als ersten Schritt zum seriösen, Erfolg und Sicherheit versprechenden FC Bayern führte und nun, zwecks weiterer Weiterentwicklung, in die reichste Liga der Welt.

Es sei eine Entscheidung für England und nicht gegen Bayern, sagen sie im Klub. Das kann man schon so sehen, auch wenn der Trainer immer mal das Gefühl hatte, dass sie seine Idee von Fußball nicht wirklich verstehen in diesem krachledernen Land. Guardiola kann in einer Partnerschaft furchtbar anstrengend sein, so wie der FC Bayern für Zugereiste etwas fremd wirken kann mit seinem rührenden Jupp-und-Ottmar-Stolz. Guardiola findet, es ist jetzt einfach der perfekte Zeitpunkt: Wenn er die Champions League wieder nicht gewinnt, kommt sowieso die große Guardiola-Debatte. Und wenn er sie gewinnt, kann es sowieso nicht mehr besser werden.

Also, Jungs: Warum hätte er seinen Vertrag verlängern sollen?

Guardiola kann ein glatteisglatter Stratege sein, er ist kein Trainer, dem Spieler in tiefer Innigkeit verbunden sind, dennoch verlässt sich der Coach darauf, dass die Profis ihm durchs letzte gemeinsame Halbjahr folgen werden. Die Spieler wissen ja, dass sie noch nie einen Coach hatten, der ihnen so präzise erklärt hat, was sie auf welcher Position zu tun haben, und so werden in Wahrheit nicht nur die Ergebnisse der nächsten Monate über Peps Werk entscheiden, sondern auch die Zeit danach.

Wenn der keineswegs glatteisglatte, sondern wirklich sehr freundliche Italiener Carlo Ancelotti das Team mal übernommen hat, wird es irgendwann eine Antwort auf die entscheidende Frage geben: Hat Bayern tatsächlich zwölf oder 15 Spieler von brillanter individueller Klasse? Oder hat das nur so ausgesehen, weil der große Guardiola die Spieler so klar geführt, weil er sie taktisch so beeinflusst und weil er sie angetrieben, angetrieben, angetrieben hat?

Aus seinem Sabbatical hat Ancelotti schon mal signalisiert, dass er Xabi Alonso, 34, ein weiteres Jahr behalten möchte, das spricht eher für eine solide als für eine weiterführende Spielidee. Auf höherem sportlichen Niveau könnte der Verein bald ein wenig aussehen wie früher: mit den Klublenkern Karl-Heinz Rummenigge und (vielleicht) Uli Hoeneß und mit einem Jupp-und-Ottmar-artigen Coach, der nicht siebenmal pro Spiel das System wechselt und Arjen Robben garantiert nie ins Zentrum stellt. Und bei Bayern werden sie sagen, früher war ja nicht die schlechteste Zeit.

© SZ vom 22.01.2016/jbe
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