Fußball Befreit das Eigentor von seinem miesen Ruf!

Schon wieder drin: AS Rom trifft ins eigene Tor, Torwart Alisson Becker schaut hinterher.

(Foto: REUTERS)

Das Selbsttor ist im Fußball selten bloß eine Dämlichkeit - sondern eine Belohnung für diejenige Mannschaft, die mit Risiko in den Strafraum drängt.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Mehr als jede Weltmeisterschaft ist die Champions League längst zur Mustermesse des Fußballs geworden. Hier treffen Klubteams aufeinander, die über Jahre geformt und gedrillt wurden. Das ändert sich auch dadurch nicht, dass die Königsklasse im Herbst nur sehr behäbig startet, weil die Prominenz aus Madrid oder München Zeit braucht, um sich zu sortieren - um zum Beispiel schnell noch auf der Bayern-Bank zu wechseln, von Carlo Ancelotti zu Jupp Heynckes. In Madrid nahm sich Cristiano Ronaldo im Herbst gar eine kleine Torschusskrise, die er am Dienstag mit jener Welturaufführung eines Roncalli-reifen Fallrückziehers offiziell für beendet erklärte. Geht jetzt ja auch erst richtig los, im Frühling, völlig egal, was in jener fernen Vorrunde geschah, in der sich Madrilenen und Münchner ziemlich routiniert als Gruppenzweite qualifizierten.

In der Saison 1992/93, in der die Champions League als Markenzeichen und Mustermesse eingeführt wurde, hatte das Finale noch Ängste geweckt. Soll das die Zukunft des Fußballs sein? Im Münchner Olympiastadion vollzog sich ein Ereignis des Grauens, Olympique Marseille und der kurz zuvor stilbildende AC Mailand igelten sich am Mittelkreis ein. Es gab einen öden Stellungskampf, aus dem sich nur ein Einziger, Marseilles Siegtorschütze Basile Boli, zu lösen vermochte.

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Eigentore können provoziert werden

Im Kontrast dazu ist das aktuelle Viertelfinale geradezu ein Versprechen, allerdings ein einseitiges. Denn falls niemand sich mehr blöd anstellt, sind die Halbfinalisten in Real Madrid (3:0 in Turin), dem FC Bayern (2:1 in Sevilla), Barcelona (4:1 gegen Rom) und Liverpool (3:0 gegen Manchester City) bereits vor dem Rückspiel gefunden. Neben Ronaldos hoher Schraube waren 13 weitere Treffer zu bestaunen, darunter allerdings dreieinhalb, die noch immer als ästhetisch minderwertig gelten: Eigentore ebneten den Weg!

Zwei klare brachten Barcelona gegen die Roma auf Kurs; zwei Münchner Treffer wurden von Fußspitzen der Sevillianer in deren Netz abgefälscht. Franck Ribéry bekam seinen Impuls nicht als Tor gutgeschrieben, Teamkollege Thiago einen Flugkopfball hingegen schon. Keine Debatte über das Urheberrecht gab es bei Daniele De Rossi, der einen Fernschuss unhaltbar im Tor seiner Römer platzierte.

Trotz De Rossis bedauernswertem Missgeschick dürfte die Champions League gerade einen Trend setzen. Könnte sie doch dazu beitragen, das Eigentor, auch Selbsttor genannt, von seinem miesen Ruf zu befreien. Heutzutage ist das Eigentor nämlich immer seltener nur eine Dämlichkeit, eine Strafe, es ist vielmehr als Belohnung zu sehen. Und zwar für den, der etwas riskiert. Der sein Spiel herausträgt über den Mittelkreis, in dem das 1993er-Finale versandete; und in dem derzeit die Dramaturgie so mancher Strategie-Duelle in der Bundesliga stirbt.

Nur wer aktiv nach vorne drängt, kann so ein Eigentor provozieren. Aus der Verdichtung von Beinen und Leibern zieht derjenige den Fortschritt, der mit Macht in Gegners Strafraum will. Beim FC Barcelona ist das längst Taktik. Einer wie Lionel Messi hat Spaß daran, wenn im Gewusel der Plastikball zur Flipperkugel wird.

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