Fußball Bedrohte Bayern

Augsburg geht ins Kurztrainingslager, in Nürnberg mosern die Fans: Gleich fünf bayerische Profi-Mannschaften stecken im Abstiegskampf.

Von Johannes Kirchmeier, Christoph Leischwitz und Markus Schäflein

Wer schon mal wegen einer leeren Autobatterie nicht pünktlich in die Arbeit gekommen ist, kennt die Rechnerei: Wie viel Zeit habe ich noch für den Neustart, und bis wann kann ich noch auf ein anderes Verkehrsmittel umsteigen? An dieser Stelle befand sich, im übertragenen Sinne, Anfang der Woche der FC Augsburg. Macht ein "Neustart", den Torwart Marwin Hitz einforderte, nach vier Fünfteln der Saison überhaupt noch Sinn? In einer langen Sitzung beschloss der Verein: nein. Manager Stefan Reuter gab am Dienstag bekannt, dass Manuel Baum bis zum Saisonende Trainer bleibe. Wobei Hitz mit einem Neustart übrigens auch gar nicht den Trainer gemeint haben will. Egal, jetzt muss das Starterkabel geholt werden, noch ein paar Leute, die anschieben, gemeinsam schaffen wir das! "Es ist ein gutes Zeichen, dass der Verein geschlossen hinter Manuel Baum steht", sagte Manager Stefan Reuter am Dienstag. Baum führt jetzt das Team in ein Kurztrainingslager, um "die Köpfe frei" zu bekommen, wie er sagt. Der letzte Sieg des Tabellen-16. datiert vom 25. Februar - ein 2:1 gegen den Bundesliga-Letzten Darmstadt. Seitdem rutscht der FCA scheinbar unaufhaltsam Richtung Abstieg.

Noch nicht angenommen: Beim FC Augsburg stimmt zurzeit die Richtung nicht, wie hier beim Bundesliga-Derby gegen den FC Ingolstadt, das 2:3 verloren ging.

(Foto: Oryk Haist/Sven Simon Fotoagentur)

Egal wie die Saison enden mag: Mittelfeldmann Dominik Kohr wird den FCA verlassen, er wechselt per Rückkaufoption zu seinem früheren Klub Bayer Leverkusen. Dass Maik Walpurgis eine Mannschaft nicht nur trainieren, sondern auch motivieren kann, das hatte sich bereits früh in seiner Trainertätigkeit beim FC Ingolstadt abgezeichnet. Schon wenige Tage nach seinem Amtsantritt führte er die zuvor demoralisierte Mannschaft zum ersten Saisonsieg gegen Darmstadt, es folgten überraschende Siege gegen Leipzig und Leverkusen. Wie Walpurgis, 43, sein Team allerdings nun für diese englische Woche motivierte, das war tatsächlich im Stile großer Motivationskünstler. "Unsere Playoff-Spiele" nannte er die Partien gegen die Abstiegskonkurrenten Mainz, Augsburg und Darmstadt und weckte eine lange ungesehene Kaltschnäuzigkeit. Erstmals in der Bundesliga überhaupt gewann der FCI dreimal nacheinander, nun liegt er nur noch einen Punkt hinter dem Tabellen-15. Mainz und dem 16. Augsburg. "Wir sind da!", verkündete Walpurgis. Mittlerweile hat der Ostwestfale in 18 Spielen 26 Punkte gesammelt, über eine Saison gesehen hätte sein Team mit dieser Quote ausgesorgt. Seine Spieler wirkten zufrieden, sie waren die Sieger der Walpurgis-Playoffs. Anders als im Eishockey oder Basketball ist die Saison im Fußball aber noch nicht beendet. Es geht weiter, am Samstag (15.30 Uhr) beim nächsten Konkurrenten Wolfsburg. Walpurgis muss beweisen, dass er seine Spieler nach der Aufholjagd nun auch für den Überholvorgang motivieren kann.

Angenommen: Ingolstadt (li. Dario Lezcano) erkämpfte sich gegen Darmstadt nach Rückstand noch einen Dreier.

(Foto: Michaela Rehle/REUTERS)

In keinem Moment habe er geglaubt, dass die Mannschaft absteigen könnte, sagt Ian Ayre. Denn bei solch einem Verein wie dem Zweitligisten TSV 1860 München, mit so viel Tradition und Stolz, würden doch alle zusammenstehen, wenn es eng wird. Der neue Geschäftsführer strahlt Zuversicht aus, nur: Gewonnen hat die Mannschaft noch nicht, seitdem der 53-jährige Engländer im Amt ist. Am Ostersonntag (13.30 Uhr) empfängt Sechzig den SV Sandhausen, und man ist sich einig: Wenn man die jüngsten Leistungen abruft, wird es sehr bald wieder klappen mit einem Sieg. Die Realität macht nur immer einen Strich durch die Rechnung. Beim 0:3 in Aue kassierten die Löwen erstmals seit fünf Monaten wieder drei Gegentore - das letzte Mal geschah dies im Hinspiel gegen Sandhausen (2:3). Doch damals war Vitor Pereira noch nicht der Trainer und der positiv gestimmte Ian Ayre auch noch nicht Geschäftsführer.

In dieser Woche nahm Daniel Sauer, Vorstandsvorsitzender der Würzburger Kickers AG, auf Einladung der Industrie- und Handelskammer an einer Podiumsdiskussion vor unterfränkischen Jungunternehmern teil. Es ging darum, was Unternehmen vom Spitzensport lernen können. Sauer bezeichnete seine Kickers als "Start-up unter den Konzernen der zweiten Liga" und verwies auf Leistungsbereitschaft, Teamgeist und Fair Play. Damit sein Start-up-Unternehmen nicht in die dritte Liga zurückversetzt wird, ist eine Menge Leistungsbereitschaft nötig: Nur noch zwei Punkte trennen die Kickers, mit fünf Punkten aus elf Partien die schlechteste Mannschaft der Rückrunde, von der Abstiegszone. Und am Sonntag (13.30 Uhr) müssen sie beim direkten Konkurrenten FC St. Pauli antreten, der mit einem Sieg in der Tabelle gleichziehen könnte. Wichtig ist daher, dass getreu dem Motto des unumstrittenen langjährigen Erfolgstrainers Bernd Hollerbach zunächst mal hinten dicht gemacht wird - wie zuletzt beim torlosen Remis gegen Hannover. "Wir können damit zufrieden sein, dass wir endlich mal wieder zu Null gespielt haben", sagte Verteidiger Clemens Schoppenhauer, nicht ohne einen Verbesserungsvorschlag: "Wenn man ein Spiel mal dreckig 1:0 gewinnt, gibt es auch drei Punkte."

Beim 1. FC Nürnberg schweigen derzeit die Ultras aus Protest dagegen, dass ihnen der Club im Heimspiel am Karsamstag gegen Aue (13 Uhr) den Umzug in die gewünschten Blöcke verwehrt. Der Rest des Publikums allerdings schweigt nicht, der Rest mosert. "Wir brauchen unsere Fans, um Fußball zu spielen. Wenn sie schreien, wenn wir den Ball verlieren, ist das nicht gut", appellierte Constant Djakpa nach dem 0:2 gegen St. Pauli. "Wir wollen doch gewinnen. Aber wenn das nicht klappt, müssen sie geduldig mit uns sein." Der Geduldsfaden jedoch reißt am Valznerweiher bekanntlich schneller als anderswo, und so erkennt das an dramatische Wendungen gewöhnte Publikum die Abstiegsgefahr schnell, trotz Platz acht, trotz noch fünf Punkten Vorsprung. Gegen Aue ist ein Heimsieg Pflicht, daher üben die Nürnberger nun vornehmlich den Torabschluss. Nachdem Torjäger Guido Burgstaller verkauft wurde, hat die Mannschaft in zehn Spielen nur noch fünf Mal getroffen. Das muss besser werden. Nicht nur Tobias Kempe weiß: "Fußball ist so einfach: Machste die Dinger vorne rein, steht es 2:0, und dann fragt dich später keiner, warum du die Dinger vorne nicht reingemacht hast."