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BVB und Bayern in der Corona-Krise:Einziges Gegengift: Gewinnen, gewinnen, gewinnen

Borussia Dortmund - Schalke 04

In der Champions League unter doppeltem Erfolgsdruck: Mats Hummels, Erling Haaland und Thomas Delaney (v. l.).

(Foto: dpa)

Je länger Zuschauereinnahmen ausbleiben, desto weniger können sich Spitzenklubs Ausrutscher in der Champions League erlauben: Einblicke in die Corona-Kalkulation von Bayern und Dortmund.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

300 Zuschauer in einem Stadion für mehr als 80 000. Was für eine traurige Kulisse. Und das für das Ruhrpott-Derby, Dortmund gegen Schalke, die größte emotionale Projektionsfläche für Fußball-Romantiker. Das Derby am Samstag verpuffte vor den leeren Rängen, das Fußball-Feuilleton weinte. An diesem Mittwoch aber geht es für Borussia Dortmund um weit mehr als die schön naive Folklore mit dem Erzrivalen Schalke: im zweiten Champions-League-Gruppenspiel, gegen den eher spröden Gegner Zenit St. Petersburg. Denn Corona scheidet gerade die Reichen von den Armen, nicht nur im richtigen Leben, sondern auch im Fußball.

Das Lamento über die schwache fußballerische Leistung der Borussen im ersten Spiel bei Lazio Rom ist trotz des 3:0-Derbysiegs am Samstag kaum verklungen. Denn die Pleite in der Gruppenphase, das 1:3 in Rom, bedroht in diesem Jahr mehr denn je die empfindliche finanzielle Tektonik. Vor ein paar Wochen hatte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke angekündigt, dass eine ganze Saison unter Corona-Bedingungen dem BVB einen möglichen Verlust von 70 Millionen Euro und mehr einbringen könnte. "Für andere Klubs geht es um die Existenz", mahnte Watzke für ein Szenario, in dem "wir nicht einmal mehr Geisterspiele machen dürften. Aber auch wir müssen irgendwann mal Geld verdienen." Noch eine Schlappe gegen den Außenseiter St. Petersburg, und die Chance auf Linderung der Corona-Verluste wäre schon halb verspielt.

Watzkes Andeutung sollte heißen: Auch die großen Kostenapparate der beiden deutschen Branchenführer, Bayern München und Borussia Dortmund, laufen während der Corona-Restriktionen weitgehend weiter. Die "Festgeldkonten", von denen Vereinsbosse früher gerne schwadronierten, gibt es so nicht mehr. Watzke hat für Dortmunds aktuelle Saison zwar vorausschauend Bankendarlehen besorgt, sodass man nie Liquiditätsprobleme bekommen könnte, aber selbst die beiden reichsten deutschen Klubs spielen diese zweite Corona-Saison weitgehend auf Pump. Jeder frühe Ausrutscher in der Champions League hat in Corona-Zeiten sofort Auswirkungen. Deshalb stehen BVB-Trainer Lucien Favre und seine Spieler gegen Zenit unter einem doppelten Erfolgsdruck. In den letzten beiden Jahren war der BVB zweimal im Achtelfinale ausgestiegen, gegen Tottenham und Paris.

Ohne Publikum fehlt etwa eine Million Euro pro Spiel, rechnet BVB-Chef Watzke vor

Watzke beziffert die Mindereinnahmen aus den Heimspielen ohne Zuschauer auf etwa "eine Million Euro pro Spiel". Bei 17 Ligaheimspielen, mindestens drei Champions-League-Gruppenspielen und vielleicht noch ein, zwei DFB-Pokalspielen summiert sich das auf rund 22 Millionen, die den Dortmundern allein durch den Verlust der Ticketeinnahmen drohen. Zum Vergleich: Wenn Dortmund die Gruppenphase übersteht, ist das zwangsläufig zunächst mit mehreren Siegprämien verbunden, jeweils 2,7 Millionen Euro pro Spiel. Wer Erster oder Zweiter in seiner Gruppe wird, hat bis dahin allein an Siegprämien mindestens zehn Millionen Euro verdient. Obendrauf zahlt die Uefa dann aber für das Erreichen des Achtelfinales eine Extraprämie von 9,5 Millionen, und wer es dann noch ins Viertelfinale schafft, was für einen Klub wie Dortmund das Ziel sein sollte, erhält noch einmal 10,5 Millionen.

Im Turbokapitalismus der Champions League kann Dortmund also schon mit dem Erreichen des Achtelfinales praktisch seine Verluste aus den ausgefallenen Zuschauereinnahmen der Heimspiele ausgleichen, ginge es bis in Viertelfinale, wären sogar 30 Millionen Euro an Erfolgsprämien eingenommen.

Das Geldverdienen geht selbst am Saisonende weiter

In normalen Zeiten sind das die Luxusbeträge, die den Abstand zwischen Champions-League-Teilnehmern und dem Rest der Bundesliga Jahr für Jahr anwachsen lassen. Das Geldverdienen fängt sogar schon vor dem ersten Spiel an. Allein die Startprämie für jeden der 32 teilnehmenden Klubs beträgt 15,25 Millionen, zudem kassieren die Klubs nach der sogenannten Uefa-Koeffizientenrangliste ein zweites Startgeld. Bei den Bayern, die seit ihrem Champions-League-Sieg im Sommer neuerdings Erster in dieser Rangliste sind, die Erfolge der vergangenen Jahre berücksichtigt, liegt dieses zweite Startgeld bei rund 35 Millionen, bei Dortmund, derzeit nur noch Dreizehnter nach den durchwachsenen Ergebnissen in den beiden Favre-Jahren, sind es immer noch 25 Millionen. Bei beiden Klubs sind diese Einnahmen gesetzt, weil sie bereits früh planbar und nicht von Spielergebnissen abhängig sind.

Und das Geldverdienen geht selbst am Saisonende weiter, weil dann Anteile aus dem "Marktpool" nachhonoriert werden, einem von Land zu Land unterschiedlichen Pool von Fernsehgeldern. Rechnet man alles zusammen, hat Dortmund auf diese Weise - selbst nach einem eher durchwachsenen Abschneiden und trotz der Corona-Probleme - letzte Saison fast 58 Millionen Euro erhalten. Die Bayern kassierten als Gewinner fast 75 Millionen.

Zenits Großsponsor will sparen

Gegner Zenit St. Petersburg, in der letzten Saison unangefochtener Meister der russischen Premier League, hat sich zuletzt schwergetan. Gegen Brügge gab es zum Champions-League-Auftakt ein 1:2 daheim, in der Liga am Samstag eine 1:2-Schlappe gegen den Mittelklasseklub Rubin Kazan. Die Russen dürfen in ihr großes Stadion in Corona-Zeiten immerhin 25 000 Zuschauer lassen, aber der Großsponsor Gazprom leidet unter den geringen Öl- und Gaspreisen am Weltmarkt und will sparen.

Dennoch: Zenit weiß einen einzelnen spendablen Geldgeber hinter sich. Dortmunds Hans-Joachim Watzke prophezeit schon länger: "Die einzigen, die gut durch diese Zeiten kommen werden, sind die Klubs, die einem Scheich oder Oligarchen gehören, der für die Verluste aufkommen kann. Alle, die ihr Geld selber verdienen müssen, sind in Corona-Zeiten ganz klar im Nachteil." Am Ende der laufenden Saison, so glaubt nicht nur Watzke, könnten diese Privatklubs dann auf Einkaufstour gehen und sich überall die besten Spieler zusammenkaufen - von denen, die verkaufen müssen, um ihre von Corona zerschossenen Budgets auszugleichen. Einziges Gegengift: Gewinnen, gewinnen, gewinnen. Immerhin kann der BVB noch auf hohem Niveau klagen, im Vergleich zu ganz normalen Profiklubs.

© SZ vom 28.10.2020/tbr
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