Fußball-Toto-Pokal:Schaufenster-Spiel

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Fußball-Toto-Pokal: Jubelnd in den DFB-Pokal: Illertissens Kento Teranuma (li. neben Jannik Wanner) traf in der 65. Minute zur Führung und auch im Elfmeterschießen.

Jubelnd in den DFB-Pokal: Illertissens Kento Teranuma (li. neben Jannik Wanner) traf in der 65. Minute zur Führung und auch im Elfmeterschießen.

(Foto: Heiko Becker/HMB-Media/Imago)

Illertissen qualifiziert sich gegen Aubstadt nach Elfmeterschießen für den DFB-Pokal. Nicht nur der Amateurfußball bekommt in diesem Duell eine Werbeplattform - sondern auch die Trainer der beiden besten reinen Amateurklubs im Freistaat.

Von Christoph Leischwitz , Illertissen

Wie es wohl in Aubstadt aussah während dieses Spiels? Immerhin hat das Dorf im Landkreis Rhön-Grabfeld gerade einmal 700 Einwohner, und am späten Samstagnachmittag im 300 Kilometer entfernten Illertissen sah es dann so aus, als ob alle mitgekommen seien: Mehrere große Fanbusse parkten vor dem Vöhlinstadion, im Gästekäfig wurde fleißig gehüpft und gebrüllt, der TSV hatte fraglos ein Heimspiel im Finale um den bayerischen Verbandspokal. "Ich weiß nicht, was passiert ist, wo die ganzen Leute losgelassen worden sind", sagte TSV-Trainer Victor Kleinhenz, "so eine Euphorie in so einem kleinen Dorf wie Aubstadt, das ist unfassbar, wir haben eine ganze Region in Ekstase versetzt."

Der Frankfurt-Effekt, ein Euphorie-Ritt bis zum Pokalsieg, blieb allerdings aus: Aubstadt verlor 4:5 im Elfmeterschießen gegen die Illertisser, denen nach einem Verbandswechsel im Jahr 2012 nun das Kunststück gelang, nach dem Württembergischen Pokal (1963) jetzt auch den bayerischen zu gewinnen. Im damit gesicherten DFB-Pokal-Heimspiel dürften dann mehr Zuschauer kommen. Denn 1620 Besucher, davon gut ein Drittel aus Aubstadt, das war dann doch ein wenig enttäuschend.

Es handelte sich um ein Duell zweier Favoritenbezwinger: Der FV Illertissen hatte zuvor immerhin Drittliga-Aufsteiger Bayreuth und Drittliga-Absteiger Würzburg aus dem Pokal geworfen, Aubstadt hatte Türkgücü München hochverdient mit 3:1 nach Hause geschickt und dank Keeper Lukas Wenzel auch noch 1860 im Elfmeterschießen bezwungen. "Das haben wir gehofft: Dass Wenzel da berühmt wurde und Felix jetzt", sagte Illertissens Trainer Marco Konrad grinsend, als er die Medaille um den Hals und Sekt an den Haaren kleben hatte. FV-Keeper Felix Thiel wurde via Online-Voting zum "Player of the Match" gewählt, nicht nur dank einiger sehenswerter Paraden, sondern auch, weil er zwei Elfmeter hielt und den ersten für Illertissen selbst verwandelte. Ein zweiter Kandidat wäre Kento Teranuma gewesen, der nach einem Sololauf zum 1:0 eingeschoben hatte (66.) und den letzten Elfer ins rechte Kreuzeck setzte.

Im vergangenen Jahr war der FV, ebenfalls zu Hause, im Endspiel gegen Türkgücü gescheitert

Selbstverständlich ist so ein Finale zweier Profi-Besieger, eingebettet in einen großen, von der ARD übertragenen "Finaltag der Amateure", auch ein Termin im Schaufenster. In Aubstadt kicken vergleichsweise viele, in Illertissen vergleichsweise wenige Fußballer, die in Nachwuchs-Leistungszentren ausgebildet wurden, in Illertissen gehört dazu Alexander Kopf (VfB Stuttgart), der erst im Winter zum FV kam und gegen Aubstadt mit einem kuriosen Eigentor zum 1:1 traf (77.). Während in Aubstadt kein größerer Umbruch zu erwarten ist in der Sommerpause, trifft das auf Illertissen schon zu. Die jetzt bevorstehende Teilnahme am DFB-Pokal kann helfen, Spieler zu halten und mehr als nur Ersatz für scheidende Leistungsträger zu finden. Ein weiterer Konkurrent bei der Sondierung des Marktes fällt auch weg: Wenige Stunden zuvor stieg am Samstag der Traditionsklub und regionale Kontrahent FC Memmingen aus der Regionalliga ab.

Ein Schaufenster ist so ein Spiel aber vor allem für die Trainer. In der Regionalliga-Saison landeten die beiden Klubs auf den Rängen sechs (Aubstadt) und sieben, sie sind auch so gesehen die besten reinen Amateurteams im Freistaat - und, wie viele aus der Liga sagen, die am besten gecoachten. Der 30-jährige Kleinhenz, der nie höherklassig spielte, steht in Aubstadt erst am Beginn seiner Karriere und muss sich erst noch weiter für die Ausbildung zur Pro-Lizenz empfehlen, um ein Profiteam trainieren zu dürfen. Der 47-jährige Konrad kommt als Spieler immerhin auf gut drei Stunden Bundesliga-Erfahrung und durchlief vergangenes Jahr die höchste Trainer-Ausbildung, unter anderem zusammen mit Miroslav Klose und Tobias Schweinsteiger. Seinen Vertrag verlängerte Konrad erst im vergangenen November, nach dem Pokal-Triumph sagt er, er wolle erst einmal "den Moment genießen".

Im vergangenen Jahr war der FV im Finale, ebenfalls zu Hause, ebenfalls im Elfmeterschießen, gegen Türkgücü gescheitert. Die Kerbe aus diesem Skandalspiel - Türkgücüs Fans hatten einen Illertissen-Schützen mit einem Böller aus der Konzentration gerissen - ist jetzt auch ausgewetzt. Was gibt es nun noch zu erreichen? "Spieler entwickeln", sagt Konrad. Sich selbst kann Konrad in Illertissen aber schwerlich weiterentwickeln.

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