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Fußball:Abschied von der Schublade

1.FC Union Berlin - 1. FC Nürnberg

Spekulationsobjekt in München: Trainer Daniel Bierofka bringt Timo Gebhart (im Bild) als möglichen Zugang des TSV 1860 ins Gespräch. Gebhart selbst dementiert.

(Foto: Daniel Naupold/dpa)

Nach Skandalen und Ärger in Nürnberg will Timo Gebhart neu anfangen. In Bukarest gibt er sich einsichtig - und will eine faire Chance.

Von Patrick Reichardt

Die alte Leier kann Timo Gebhart nicht mehr hören. Handgreiflichkeiten, Bewährungsstrafen, Verletzungen, Undiszipliniertheiten - wurde in den vergangenen Jahren über den einst so ambitionierten Fußballprofi berichtet, ging es dabei selten um den Sport. Der Mittelfeldspieler, der am vergangenen Wochenende seinen Vertrag beim 1. FC Nürnberg auflöste und zum rumänischen Meister Steaua Bukarest wechselte, hofft, dass damit nun endlich Schluss ist: "Irgendwann ist es auch genug. Ich habe die Schnauze voll, immer dasselbe zu lesen", sagt Gebhart, der in Rumänien einen Neustart ohne Altlasten plant. Was durch seine langwierigen Verletzungen und Pausen in Vergessenheit geraten ist: Der gebürtige Memminger, der einst mit den heutigen Weltmeistern André Schürrle und Mats Hummels in der deutschen U21-Nationalmannschaft kickte, ist erst 26. Einen großen Teil seiner Karriere dürfte er, eine gute Gesundheit vorausgesetzt, noch vor sich haben.

Beim Club bekam er seit geraumer Zeit keine Chance mehr, sein letzter Pflichtspieleinsatz datiert aus dem September 2014 - damals war René Weiler noch gar nicht Übungsleiter der Franken. Vergangenen Sommer holte der Schweizer Trainer Gebhart noch einmal zurück zu den Zweitligaprofis - allerdings nur für zwei Tage, dann ging es für Gebhart zum Trainieren wieder in die zweite Mannschaft. "Es ist bitter, abgeschoben zu werden", sagt er, der sich danach keine Hoffnungen mehr machen wollte. Das Signal sei deutlich genug gewesen. Mit seinem ehemaligen Verein will er dennoch nicht abrechnen. Im Gegenteil, Gebhart zeigt sich nach seinem Wechsel nach Bukarest demütig und bedauert, dass er dem Verein und den Fans nicht mehr zurückgeben konnte. So, wie sie das in Nürnberg gehofft hatten, als sie den Mittelfeldspieler 2012 vom VfB Stuttgart an den Valznerweiher lotsten.

"Natürlich tut das weh, es zieht einen runter", sagt Gebhart über den Verlauf seiner Karriere

Dass es für den offensiven Mittelfeldspieler nun erstmals ins Ausland geht, hat seine Gründe. "Das hier ist ein anderes Land, hier wird man nicht sofort in eine Schublade gesteckt", erklärt er zu seiner Entscheidung für Steaua Bukarest. Es habe mehrere Angebote gegeben, auch aus Deutschland. Dass es Bukarest wurde, darüber war sich er sich schnell im Klaren: "Von diesem Verein war ich sofort überzeugt. Es ist das A und O, dass der Trainer hinter dir steht." Bei Steaua ist das der ehemalige Bundesligaprofi Laurentiu Reghecampf, der zwischen 2000 und 2009 für Energie Cottbus, Alemannia Aachen und den 1. FC Kaiserslautern auflief. Mit ihm kann Gebhart sich sogar auf Deutsch unterhalten.

Nach nun knapp einer Woche beim rumänischen Rekordmeister und Double-Sieger erzählt Gebhart, es laufe bisher gut. Dass er wieder gefragt ist, gefällt ihm, er ist motiviert. "Wenn wir den Meistertitel holen, ist die Champions League das Ziel", weiß er. Mit dem VfB hat er bereits in der Königsklasse gespielt, nach Jahren am Abgrund möchte er möglichst wieder dorthin, "wo ich einmal war". Das sei realistisch. "Bei Steaua ist es so wie in Deutschland beim FC Bayern. Wir streben das Höchste an und wollen Meister werden", erklärt Gebhart.

Seine Karriere sah einst vielversprechend aus, selbst für die Nationalelf wurde Gebhart in jungen Jahren gehandelt. Doch etliche Verletzungen und immer wieder auch Verfehlungen ließen aus einem guten Bundesligaprofi mit Ambitionen für Bundestrainer Joachim Löw einen Spieler werden, der in der zweiten Liga auf dem Abstellgleis gelandet ist. Die Beziehung zum 1. FC Nürnberg war zuletzt strapaziert, die nun vollzogene Trennung zeichnete sich lange ab. Gebhart kann jetzt neu anfangen - und die Franken einen Spieler von der Gehaltsliste streichen, der ohnehin nicht mehr gebraucht wurde. "Natürlich tut das weh, es zieht einen runter", sagt Gebhart im Bezug auf seinen Karriereverlauf. Aber an die Vergangenheit will er nun nicht mehr denken: "Jetzt gebe ich Gas. Was kommt, das kommt", sagt er. Er weiß, dass es an ihm liegt, wohin der Weg noch führt.

Auf die Frage, was er, der mit den Schlagzeilen häufig so unzufrieden war und ist, gerne in fünf Jahren über sich selbst lesen möchte, sagt Timo Gebhart: "Bad boy turns to good boy." Dass also aus dem einstmals bösen Jungen doch noch ein guter geworden ist.

© SZ vom 04.02.2016
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