Auftakt der 2. BundesligaSchrauben, Senf und Sahnehäubchen

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Noel Aseko feiert mit Daisuke Yokota das Tor zum 1:0-Sieg von Hannover 96 gegen Kaiserslautern.
Noel Aseko feiert mit Daisuke Yokota das Tor zum 1:0-Sieg von Hannover 96 gegen Kaiserslautern. Ralf Brueck/Imago/Jan Huebner

Ein Schalke-Trainer, den keiner kennt, ein Drei-im-Weggla-Torjäger und ein Torwart, der sich am Mittelkreis herumtreibt: Die zweite Bundesliga startet mit markanten Geschichten in die neue Saison.

Von Thomas Hürner, Christof Kneer und Martin Schneider

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Wer die Ergebnisse des ersten Zweitliga-Spieltags für überraschend hält, hat wahrscheinlich noch nicht verstanden, was diese Liga in der anstehenden Saison vorhat. Offenbar möchte sie Überraschungen künftig so standardmäßig anbieten, dass es am Ende gar keine Überraschungen mehr sind. Der Plan folgt einer einleuchtenden Logik: Wenn es nach dem Aufstieg des 1. FC Köln und des Hamburger SV ohnehin keine klaren Favoriten gibt, dann kann es auch keine Favoritenstürze mehr geben – warum also wundern, wenn der Absteiger VfL Bochum mit 1:4 bei Darmstadt 98 verliert, der vermeintliche Favorit Fortuna Düsseldorf mit 1:5 beim Aufsteiger Arminia Bielefeld oder der vermeintliche Topfavorit Hertha BSC mit 1:2 beim unberechenbaren FC Schalke 04? Beim Rundgang über ausgewählte Schauplätze lassen sich immerhin ein paar Gewinner und Verlierer des ersten Spieltags identifizieren – wobei zum Trost für die Verlierer angemerkt sei, dass sie schon am kommenden Spieltag wieder die Gewinner sein könnten.

FC Schalke 04 – Hertha BSC 2:1 (2:0)

Dem FC Schalke 04 lässt sich so einiges vorwerfen, aber mit Sicherheit nicht, dass die Vereinsverantwortlichen keinen Blick in die Nischen der Branche wagen würden. In der vergangenen Saison, der blöderweise schlechtesten Saison der bisherigen Klubgeschichte (Platz 14, 62 Gegentore), hießen die Trainer Karel Geraerts und Kees van Wonderen – ein Belgier und ein Niederländer, die hierzulande keiner kannte und an deren Wirken man sich kaum erinnern wird. Zum Start der aktuellen Spielzeit heißt der Schalker Coach nun Miron Muslic, ein 42-jähriger Österreicher mit bosnischen Wurzeln, dessen letzter Dienstnachweis ein Abstieg aus der zweiten englischen Liga mit Plymouth Argyle war. Es soll dem Vernehmen nach Schalke-Fans gegeben haben, die bei Verkündung dieser Personalie skeptisch waren.

Ein echter Schalker ist aber nur ein echter Schalker, wenn er es schafft, in rasantem Tempo von Defätismus zu Euphorie zu wechseln. Was beim einen oder anderen königsblauen Anhänger passiert sein dürfte, als er Muslics ebenfalls rasanten Malocher-Umschaltfußball erstmals so richtig in Aktion gesehen hat. Beim 2:1-Heimsieg gegen Hertha BSC waren jedenfalls sämtliche Klischeebegriffe zu besichtigen, die dem neuen Schalker Coach zugeschrieben worden waren: Galligkeit, Leidenschaft, hohe Pressinglinie, noch höhere Bälle. Nach dem Schlusspfiff stürmte Muslic sogar mit geballter Faust zu den Fans in der Nordkurve; er habe das „so gespürt“, erklärte er später. Der Reaktion der Leute in der Nordkurve nach zu urteilen, hat Muslic da das richtige Gespür bewiesen.

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Arminia Bielefeld – Fortuna Düsseldorf 5:1 (1:1)

Jüngeren Zuschauern, die nach dieser Partie den schon etwas älteren Düsseldorfer Sportvorstand Klaus Allofs schimpfen sahen, sei gesagt: Dieser 68-Jährige zählte mal zu den besten Stürmern des Landes – mit Qualitäten, die ihn auch heute noch zu den besten Stürmern des Landes befähigen würden. So kommt es, dass Allofs den Wert von Toren grundsätzlich zu schätzen weiß, aber eben nicht von Toren, die gegen seine eigene Mannschaft fallen. In diesem Sinne war es kein schöner Samstagabend für den Sportchef der Düsseldorfer Fortuna, obwohl alles so schön begonnen hatte: mit einem Treffer des neuen Mittelstürmers Cedric Itten (35.), dessen Verpflichtung dem ehemaligen Stürmer Allofs wichtig war. Aber manchmal macht es der moderne Fußball den Helden von früher wirklich nicht leicht.

Als Allofs noch Spieler und später Manager bei Werder Bremen war, konnte man sich ungefähr darauf verlassen, dass ein Handspiel ein Handspiel und kein Handspiel kein Handspiel war. Zwar gab es auch in der sog. Vergangenheit immer wieder strittige Szenen, aber nicht in dieser an Regelmäßigkeit grenzenden Häufigkeit. So hat schon der erste Spieltag der neuen Saison wieder das große Oberthema angerissen: Womöglich hat ein Handspiel, das keines war oder eben doch, ein Spiel entschieden, dessen Ergebnis am Ende nur so deutlich aussah.

„Wir schrauben so lange am Regelwerk, bis wir alle Schrauben verloren haben“, sagte Allofs später, ein hübscher Satz, mit dem er die Leistung von Schiedsrichter Patrick Alt im Allgemeinen und dessen Elfmeter-Entscheid für Bielefeld im Speziellen meinte. Vom Oberschenkel des Düsseldorfers Sotiris Alexandropoulos war der Ball an dessen Arm geprallt, was zu einem Strafstoß führte, den Allofs „lächerlich“ nannte – sicher auch in Kenntnis des Spielverlaufs, denn dieses 2:1 durch Bielefelds Julian Kania (54.) wies der Partie endgültig den Weg. Einen Weg, von dem der Schiedsrichter die Düsseldorfer bereits durch eine harte gelb-rote Karte gegen Verteidiger Tim Oberdorf (44.) abgebracht hatte – zu diesem Zeitpunkt führte die Fortuna noch. Nach ebenfalls seltsamen zehn Minuten Nachspielzeit steht der Mitfavorit nun auf dem letzten Tabellenplatz, was natürlich ebenso wenig eine Überraschung ist wie der erste Tabellenplatz für Aufsteiger Bielefeld.

Tim Oberdorf, Bruder von Nationalspielerin Lena, sieht gegen Bielefeld die gelb-rote Karte.
Tim Oberdorf, Bruder von Nationalspielerin Lena, sieht gegen Bielefeld die gelb-rote Karte. Michael Titgemeyer/Imago/osnapix

SV Darmstadt 98 VfL Bochum 4:1 (2:1)

Während der Vorbereitung hatte Darmstadts Trainer Florian Kohfeldt erklärt, dass Testspiele wie „Bratwurst ohne Senf“ schmeckten und mit dem Saisonstart endlich wieder der Senf in seinen Alltag zurückkehren würde. Nach dem 4:1-Sieg am Samstag gegen den VfL Bochum konnte er nun passend dazu resümieren: „Der Senf auf der Bratwurst war gut heute, mittelscharf – so wie ich ihn mag.“

Nicht genauer erläutert hat Kohfeldt, ob 98-Stürmer Isac Lidberg in dieser kulinarisch anspruchsvollen Analogie nun Bratwurst oder Senf war – oder ob es sich beim 26-jährigen Schweden vielmehr um die Kirsche auf der Torte oder gar um ein Sahnehäubchen handelte. Von Lidbergs drei Treffern war das 1:0 besonders sehenswert, ein Gewaltschuss, der mit 126 km/h im kurzen Eck einschlug. Jedoch: Solche Darbietungen wecken Begehrlichkeiten, zumal das Transferfenster noch einen Monat lang geöffnet ist. Für Lidberg soll bereits das ein oder andere Angebot aus dem Ausland eingegangen sein. Laut Kohfeldt würden die Darmstädter erst bei einem „unmoralischen“ Angebot ins Grübeln kommen. Bis dahin hätten sie sicher nichts dagegen, wenn sich Lidberg – sorry, liebe Nürnberger! – weiterhin als furchterregender Drei-im-Weggla-Torjäger profilieren könnte.

Karlsruher SC – Preußen Münster 3:2 (2:1)

Schon klar, Fußball ist ein Mannschaftssport, und je mehr Menschen das behaupten, umso wahrer wird das wohl sein. Auch am Zweitliga-Standort Karlsruhe würde man diese These gewiss unterstreichen, schon aus Gründen der Betriebshygiene. Was wäre das auch für ein Signal in die eigene Mannschaftskabine, wenn man behaupten würde, das Spiel des KSC sei eine One-Man-Show? Und ja, es stimmt, auf dem Spielberichtsbogen standen vor der Partie gegen Preußen Münster zehn Startfeldspieler sowie ein neuer Torhüter, der auf den bei Uli Hoeneß beliebten Nachnamen „Bernat“ hört. Allerdings würde kein KSC-Profi bestreiten, dass die neue Saison für den Traditionsklub genau so begonnen hat, wie schon die vergangene Saison über weite Strecken ausgesehen hatte: mit einem herausragenden Spielmacher Marvin Wanitzek, der ein Tor selbst erzielte und die anderen beiden vorbereitete.

Wanitzek, 32, ist beim KSC das, was einst Marc Schnatterer in Heidenheim war: ein Spieler, der überqualifiziert wirkt für die zweite Liga, aber leider schon zu alt ist, um ganz oben noch mal durchzustarten. Und wie bei Schnatterer stellt sich die Branche die unbeantwortbare Frage: Was wohl drin gewesen wäre, wenn die Umstände den Spieler rechtzeitig in die erste Liga gelassen hätten? Wobei sich in den Biografien der beiden ein dramatischer Unterschied versteckt: Während Schnatterer tatsächlich null Erstligaminuten in seiner Vita stehen hat, sind es bei Wanitzek vier. Im November 2015 wurde er im Trikot des VfB Stuttgart in der 86. Minute bei einem Auswärtsspiel in Dortmund eingewechselt.

SV Elversberg 1. FC Nürnberg 1:0 (0:0)

Der allerletzte Beweis, dass bei der SV Elversberg alles neu ist, war die Art und Weise, wie das Siegtor fiel. In der vergangenen Saison wurden die Saarländer für alles Mögliche gelobt, aber zwei Dinge konnten sie gar nicht: Eckbälle und Kopfbälle, und noch weniger als gar nicht konnten sie Kopfbälle nach Eckbällen. Und jetzt haben sie schon im ersten Spiel der neuen Saison die Zahl der Kopfballtreffer der vergangenen Spielzeit erreicht. Maximilian Rohr hielt die Stirn in der 90. Minute hin.

Ansonsten war überraschend, dass in der Elversberger Startelf nur vier neue Gesichter standen, wo doch nach der Relegation alle das Weite gesucht hatten: Trainer Horst Steffen: weg. Die drei bis vier besten Spieler: weg. Geblieben ist Sportvorstand Nils-Ole Book, der routiniert den Kader auffüllte, aber zum ersten Mal nach sieben Jahren mit Steffen einen Trainer finden musste. Aber so wie Book bekannt dafür ist, in der Regionalliga ungehobene Talente zu finden, so versucht er es auch auf der Bank mit einem Viertliga-Erfolgstrainer: Vincent Wagner führte die TSG Hoffenheim II zum Aufstieg und trainierte dort auch ein paar der Spieler, die Book dann mit einigem Erfolg von Hoffenheim nach Elversberg lotste. Ehe er nun auch Wagner selbst holte. Wenn der seinen Schönspielern nun auch noch Kopfbälle beibringt, könnte die von vielen Saarländern fatalistisch prophezeite Relegationswiederholung eine Stufe tiefer ausbleiben. Wäre er nicht der Trainer der unterlegenen Nürnberger, hätte der Ex-Stürmer Miroslav Klose an Rohrs Kopfball nach einstudiertem Laufweg sicher auch Gefallen gefunden.

Bisher nur Kennern der Regionalliga Südwest ein Begriff: Elversbergs neuer Trainer Vincent Wagner war zuletzt drei Jahre für Hoffenheim II verantwortlich.
Bisher nur Kennern der Regionalliga Südwest ein Begriff: Elversbergs neuer Trainer Vincent Wagner war zuletzt drei Jahre für Hoffenheim II verantwortlich. Jerry Andre/Imago/Jan Huebner

Hannover 96 1. FC Kaiserslautern 1:0 (0:0)

Fußballteams, die von Christian Titz gecoacht werden, geben sich anhand nur eines Spielers zu erkennen. Dieser Spieler trägt zumeist ein langärmliges Trikot, endgültig verraten ihn aber seine Handschuhe. Nun ist die Position des Torwarts natürlich keine Erfindung von Titz – die radikale Positionierung seines Torwarts aber schon ein bisschen. Der mitspielende Schlussmann wird in diesem Fußballentwurf auf die Spitze bzw. bis zum Mittelkreis getrieben: Titz will seinen Torhüter dort sehen, wo sich einst Liberos herumtrieben; nicht selten hat der Torhüter häufiger den Ball am Fuß als der Spielmacher des Gegners.

Was der Torwart so treibt, verrät eine Titz-Elf sofort. Und wie der Torwart heißt, verrät das auch: Kurz nachdem Titz im Sommer aus Magdeburg nach Hannover gewechselt war, flüchtete Ron-Robert Zieler, die langjährige Nummer eins bei 96, panisch zurück in seine Heimatstadt Köln. Zieler hält den Ball lieber in seinen Händen und sich selbst nicht so gern außerhalb des eigenen Strafraums auf. Die neue Hannoveraner Nummer eins heißt nun Nahuel Noll; das 22-jährige Torwarttalent wurde für ein Jahr aus Hoffenheim ausgeliehen und hat sich beim 1:0-Sieg (Treffer von Noel Aseko Nkiliam/74.) gegen den 1. FC Kaiserslautern gleich mal durch die gewünschten Zonen bewegt. Nolls Heatmap dürfte Titz gefallen haben. Nolls prominentester Leistungsnachweis war jedoch, die sog. Null festgehalten zu haben. Ganz ohne klassisches Torwartspiel geht’s im beschwerlichen Zweitliga-Alltag halt doch nicht.

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