Als sich die elf Fürther nach 13 Minuten im eigenen Strafraum zur Teambesprechung im Kreis trafen, sollte diese Geste vor den Augen der Treuesten in der Nordkurve vermutlich Geschlossenheit und Krisenbewusstsein symbolisieren. Immerhin hatten der fränkische Fußball-Zweitligist zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Gegentore kassiert. Als der Ball vier Minuten später jedoch erneut im Tor der Franken einschlug, wirkte die Geste im Nachhinein wie ein schlechter Witz.
Und doch standen die Kleeblatt-Fans ihrem Team weiterhin tapfer bei. Sie hatten selbstredend keinen Grund, wie die Anhänger des VfL Bochum in eine regelrechte Ekstase zu verfallen – nach dem zwölfminütigen Stimmungsboykott entlud sich bei den Gästen die Freude über den Blitzstart ihres Teams. Ibrahima Sissoko erzielte nach der Freistoßhereingabe von Maximilian Wittek in der neunten Minute aus rund fünf Metern das erste Tor der Partie. Sein zweites Tor gelang dem Mittelfeldmann dann nach einem Eckstoß von Wittek. Bei beiden Abschlüssen wurde der Torschütze sträflich allein gelassen. An der Seitenlinie reagierte der Fürther Trainer Thomas Kleine wütend auf das zweite Standardgegentor. Man habe gewusst, dass Bochum bei Standards „Wucht“ habe, sagte der Coach nach dem Spiel. „Wenn wir diese Situationen nicht für uns lösen, ist das ein entscheidender Punkt.“
Ein anderer Aspekt der anhaltenden Krise der Fürther ist die Fehlerhaftigkeit, nicht nur in der Abwehr, sondern auch im Spielaufbau. Das 0:3 war dann auch die Folge eines solchen Schnitzers, Francis Onyeka eroberte den Ball und setzte Philipp Hofmann im Strafraum in Szene. Der Bochumer Stürmer umkurvte seinen Gegenspieler und versenkte den Ball mit Wucht im Tor. Es sollte bereits der Schlusspunkt dieser Partie sein. „Wir haben das Spiel in den ersten Minuten verloren, das habe ich der Mannschaft knallhart gesagt“, bilanzierte Coach Kleine. Selbst die geduldige Nordkurve der Kleeblätter hatte erstmal genug. „Wir haben die Schnauze voll“, skandierte der Anhang in der Folge. Bei allen Gegentoren offenbarten sich erneut Abstimmungsprobleme zwischen den Mannschaftsteilen sowie eine Passivität in den Zweikämpfen.
Dabei hatte die Partie eine so große Bedeutung: Vor der Partie waren beide Gegner punktgleich gewesen, durch das 0:3 rutschte Fürth auf einen Abstiegsplatz. Bochum schaffte durch den Sieg den Anschluss ans Tabellenmittelfeld, zwischen Uwe Röslers Mannschaft und dem Team seines ehemaligen Co-Trainers Kleine lagen vor allem in der Anfangsphase Welten.
Nur drei Zweitligisten kassierten seit 1981 mehr Gegentore in den ersten 14 Spielen
Nach dem Schlusspfiff stehen beim Kleeblatt nun bereits 37 Gegentore zu Buche. Seit Einführung der eingleisigen Zweiten Bundesliga im Jahr 1981 haben nur drei Mannschaften zu diesem Saisonzeitpunkt mehr kassiert. Um die Defensive zu stabilisieren, probierte Kleine, der die Fürther in der Vorsaison als Interimstrainer am 33. Spieltag übernahm und zum Klassenverbleib führte, bisher schon mehrere Kniffe. Trotz zwei Systemwechseln und drei verschiedenen Torhütern behielt sein Team in nur einem von 14 Bundesligaspielen eine weiße Weste. „Wir sind uns dessen bewusst, dass wir viel zu viele Gegentore kassieren“, sagte Verteidiger Philipp Ziereis. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, als sich in Durchhalteparolen zu flüchten: „Wir werden uns der Situation stellen, wir werden da nicht davonlaufen, auch wenn es im Moment sehr schwierig ist.“
Eine Trendwende wäre wichtig, denn seit der Wiedereinführung der Relegation vor 17 Jahren gelang gerade einmal vier der 19 schlechtesten Defensiven der Klassenverbleib. Etwa dem VfL Bochum, der in der Saison 2014/15, den elften Platz belegte, oder dem MSV Duisburg, der es trotz einer Gegentorflut 2017/18 sogar auf den siebten Rang schaffte. Beide Teams erzielten damals mehr als 50 Tore. Und das dürfte die auch die Hoffnung der Fürther sein: Vorne sind sie – mal abgesehen vom Samstagnachmittag – eigentlich stets gefährlich. Felix Klaus ist einer der Topscorer der Liga (12 Punkte), Noel Futkeu hat schon achtmal getroffen. Doch diesmal war von Dr. Jekyll nichts zu sehen, Fürth trug ausschließlich das Mr.-Hyde-Antlitz. Die Heimniederlage wurde dementsprechend von einem gellenden Pfeifkonzert des Anhangs quittiert.
Die Frage nach der Zukunft des Trainers ist im Ronhof omnipräsent.„Ich hoffe, dass der Verein ihm Zeit gibt. Die Mannschaft ist genau wie wir im Abstiegskampf. Es ist noch nichts Dramatisches passiert“, sagt der Gästetrainer, Uwe Rösler, nach dem Spiel in Richtung des Kollegen Thomas Kleine. Ob die Verantwortlichen der Fürther das genauso sehen, ist fraglich. Zumal Sportvorstand Stephan Fürstner zwar nach dem Spiel betonte, „jetzt nicht aktionistisch handeln“ zu wollen, sich aber auch nicht klar zu seinem Trainer bekannte. Am nächsten Sonntag müssen die Fürther ausgerechnet zum Frankenderby in Nürnberg antreten. Durchhalteparolen kann auch der Übungsleiter: „Es geht darum, alles reinzuschmeißen, Fokus auf Zweikämpfe, um am Sonntag dann ins Derby zu gehen“, so Kleine.

