Süddeutsche Zeitung

FSV Mainz 05:Renditespieler

Stürmer Jean-Philippe Mateta passt ideal zur Transferpolitik der Mainzer. Mit der Wucht eines Straßenfußballers ragt der Franzose aus dem oft unterschätzten Team heraus.

Das Label "Rekordtransfer" kann einen Fußballer belasten. Vor allem, wenn er noch jung ist und in ein fremdes Land wechselt, Beispiele dafür gibt es genug. Für Jean-Philippe Mateta hingegen scheinen die acht Millionen Euro Ablösesumme, die der FSV Mainz 05 im vergangenen Sommer für seine Dienste an Olympique Lyon überwiesen hat, keine Bürde zu sein.

Nie hat Mainz mehr Geld für einen Spieler bezahlt als für diesen jungen Franzosen mit kongolesischen Wurzeln. Auch eine Phase in der Vorrunde mit sieben Spielen ohne Torerfolg vertrieb nicht den notorischen Optimismus, der den 21-jährigen Stürmer antreibt. Und wenn nicht alles täuscht, könnte dieser Transfer nicht nur sportlich Rendite bringen für die Mainzer, die seit jeher in den Nischen nach Spielern suchen, die sie relativ billig kaufen und später teuer verkaufen. Am Samstag erzielte Mateta beim 3:2-Auswärtssieg in Stuttgart sein sechstes Saisontor. Und er entwickelt sich immer mehr zum Gesicht einer Mannschaft, die vielleicht die am wenigsten beachtete und die am meisten unterschätzte dieser Bundesligasaison ist.

Nach 18 Spieltagen steht Mainz 05 mit 24 Punkten stabil im Mittelfeld der Tabelle. Nach einem nervenaufreibenden Abstiegskampf in der ersten Saison unter Trainer Sandro Schwarz ist das nicht selbstverständlich. Doch der Coach und Sportvorstand Rouven Schröder haben in den vergangenen zehn Monaten stark an Profil gewonnen. Und der Verein insgesamt hat nach einem schmerzhaften Umstrukturierungsprozess wieder seine Mitte gefunden. Das zeigt sich auch in der Vertragsverlängerung von Schröder, der seinen Kontrakt bis 2022 ausweitete. Schröder sagt: "Wer was aufbaut, will auch weiterbauen."

Der kahle Charakterkopf aus dem Sauerland führte im Frühjahr trotz Kritik von Fans und Aufsichtsrat an ihm und Trainer Schwarz den Verein unbeirrt durch die Krise. Das Vertrauen in den Trainer zahlt sich jetzt aus, Schwarz nimmt seine Führungsrolle als Gesicht des Vereins in seiner zweiten Saison deutlich aktiver wahr und entwickelt die Mannschaft weiter.

Der 40-Jährige agiert taktisch flexibel, wenngleich die 4-4-2-Grundordnung mit einer Raute im Mittelfeld am besten zu seiner Auswahl passt. Mainz mauert nicht, Mainz spielt mutig nach vorne. Nach dem Sieg in Stuttgart stellte Schwarz zufrieden fest: "Wenn wir das Gaspedal durchtreten, dann ist das sehr gut."

Nach den Weggängen von Abdou Diallo (Dortmund), Suat Serdar (Schalke) und Yoshinori Muto (Newcastle) füllte sich im Sommer das Bankkonto - der Klub erwirtschaftete einen Transferüberschuss von rund 25 Millionen Euro. Der Jahresumsatz des Klubs beträgt mittlerweile mehr als 100 Millionen. Doch nicht alles floss in den Markt zurück, rund vier Millionen Euro wurden in den Ausbau des Trainingsgeländes investiert. Und dennoch: Die Risikobereitschaft von Schröder und Schwarz, im Sommer vier der fünf teuersten Transfers der Klubgeschichte zu tätigen, scheint sich auszuzahlen. Neben Mateta überzeugen auch der zentrale Mittelfeldspieler Pierre Kundé, 23 (von Atlético Madrid, 7,5 Millionen Euro), Linksverteidiger Aarón Martín, 21 (Espanyol Barcelona, sechs Millionen), und Innenverteidiger Moussa Niakhaté, 22 (FC Metz, sechs Millionen). Deutsche Spieler ähnlicher Klasse seien für den Klub wegen ihrer höheren Gehaltsforderungen zumeist unerschwinglich, sagt Schröder.

Der Sportvorstand, 2016 als Nachfolger für Christian Heidel von Werder Bremen gekommen, hat eine raffinierte und nachhaltig operierende Scouting-Abteilung aufgebaut. Im Oktober wurde zusätzlich Bernd Legien, zuvor bei Eintracht Frankfurt, als neuer Direktor Scouting und Analyse installiert. Vor allem in Frankreich zeigen die Mainzer immer wieder Gespür für Talente. Der Wechsel von Diallo, 22, im Sommer zu Borussia Dortmund steigerte das Ansehen des Vereins bei Spielern jenseits von Rheinhessen noch weiter. Für Diallo hatte der FSV 2017 fünf Millionen Euro an Monaco überwiesen, von Dortmund bekam der Klub ein Jahr später 28 Millionen. Seit 2016 spielt zudem Jean-Philippe Gbamin, 23, in Mainz, er war für fünf Millionen aus Lens gewechselt. Im Sommer lehnte der Klub aus sportlichen Gründen ein "Mondangebot aus England" (Schröder) für den ivorischen Nationalspieler ab.

Nun steigert in Jean-Philippe Mateta der nächste Franzose in Mainz seinen Marktwert. Vorigen Herbst bestritt er seine ersten Länderspiele für Frankreichs U 21. Dabei wirkte gerade bei diesem Rekordtransfer das Risiko für die Mainzer groß. Aufgewachsen in der Pariser Vorstadt Sevran als eines von sieben Kindern, durchlief Mateta nie ein Nachwuchsleistungszentrum und spielte nie in der ersten französischen Liga. Vergangene Saison traf der Leihspieler von Olympique Lyon für Zweitligist Le Havre 17 Mal.

Die Vorbilder Diallo und Gbamin machten Mainz im Wechselpoker zu Matetas Favorit. Nach wechselhaftem Beginn hat sich der unkonventionelle Stürmer an die Wettkampfhärte der Bundesliga gewöhnt. Mit Straßenfußballer-Wucht erspielt sich Mateta immer mehr den Respekt der Gegner.

In Mainz wissen sie um ihre Grenzen, wollen sich aber auch nicht kleiner machen, als sie sind. "Wir haben die 24 Punkte nicht umsonst", erklärt Schröder, 43, und sagt mit Blick aufs Heimspiel am Wochenende selbstbewusst: "Die Brust geht raus, wir freuen uns auf Nürnberg." Inzwischen müssen die Mainzer aufpassen, dass sie Mannschaften nicht unterschätzen.

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SZ vom 24.01.2019
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