Triathlon mit Jan Frodeno:Tränenreiche Botschaften im Herbst der Karriere

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Triathlon mit Jan Frodeno: Ende mit Tränen: Jan Frodeno bricht den Triathlon in Roth am Sonntag nach knapp drei Kilometern auf der Laufstrecke ab.

Ende mit Tränen: Jan Frodeno bricht den Triathlon in Roth am Sonntag nach knapp drei Kilometern auf der Laufstrecke ab.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Jan Frodeno, der überragende Triathlet der vergangenen Jahre, macht Bekanntschaft mit einer Frage, die selbst Großmeister irgendwann einholt: Was, wenn der Kopf noch will, der Körper aber immer seltener?

Von Johannes Knuth

So nahm Jan Frodenos Arbeitstag also dieses Mal sein Ende, beim Challenge-Triathlon im fränkischen Roth: neben einer abgelegenen Meisterschreinerei, in deren Schatten es sich ein paar ältere Zuschauer bei isotonischen Getränken gemütlich machten. Eines davon fand dann auch rasch den Weg zu Frodeno, aber der 40-Jährige hatte für derartige Erfrischungen erst einmal wenig übrig.

Er lag auf dem Rücken, das Gesicht in den Händen vergaben, sein Physiotherapeut massierte die lädierte Achillessehne, der Manager und ein paar weitere Schaulustige standen mit bedrückten Mienen daneben. Die erste Analyse des Patienten, nachdem er die ersten Tränen verarbeitet hatte: "Unfortunately, I fucked it up." In jugendfreier Übersetzung: Hatte schon mal bessere Tage in meinem Sportlerleben.

Es gibt wohl kaum einen Triathleten, der die Szene in den vergangenen Jahrzehnten geprägt hat wie Jan Frodeno. Er wurde 2008 Olympiasieger auf der Kurzdistanz, in einer Zeit, in der er seinen Optimierungswahn so weit trieb, dass er irgendwann das Pfeifen zwischen den Rippen hörte. Frodeno lebte seinen Perfektionismus bald auf der Langstrecke aus, diesem Puzzle mit Tausenden von Teilen, die man nie ganz beisammenhat: Drei Mal triumphierte er beim sagenumwehten Hawaii-Triathlon, er hielt eine Weile auch die Weltbestzeit auf den 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen (zuletzt in 7:27:53 Stunden). Ein Athlet, der längst zur Marke geworden ist, mit eigener Sportartikel-Linie, Espresso-Mischung und einem Team so groß wie ein kleines mittelständisches Unternehmen.

Aber das alles schützt einen halt auch nicht vor der Frage, die irgendwann auch die Großmeister einholt: Was, wenn der Kopf will, nur der Körper nicht mehr so richtig?

Es wird eng mit dem Unterfangen, auf Hawaii mit den Jungen mitzustänkern

Im Frühjahr hatte Frodeno einen Teilanriss der Achillessehne erlitten, er verlor drei Monate, handelsübliches Lauftraining war bis zuletzt kaum möglich. Die Weltmeisterschaft der Ironman-Marke, die im Mai wegen der Pandemie von Hawaii nach Utah verlegt worden war, ließ er aus - er wolle im Herbst auf Kona wieder in Topform schlüpfen, wenn dort die Langstrecke regulär stattfinden soll. Roth, wo er 2016 so schnell war wie bis dato noch niemand auf der Langstrecke (7:35:39), wollte er aber schon mitnehmen. Auch wenn Frodeno um seine fragile Laufform wusste: "Es ist eine sehr komische Situation", hatte er vor dem Wettstreit gesagt, "ich muss meinen Perfektionismus gerade zur Seite legen."

Das Problem dabei zeigte sich am Sonntag: Frodenos Wettkampfgeist und halber Perfektionismus, das verträgt sich nur bedingt. Zwei Wochen vor Roth hatte er in den neuartigen Carbonschuhen geprobt, ob die Sehne rennbereit ist, trotz schlechten Wetters - und sich dabei prompt erneut verletzt. Ein vollwertiger Triathlon war spätestens jetzt undenkbar; da half es auch nicht, dass Frodeno am Sonntag am schnellsten schwamm, so gut Rad fuhr wie selten zuvor.

Bei Sehnenleiden gebe es gute und schlechte Tage, und am Sonntag, räumte Frodeno ein, habe er einen schlechten erwischt. "Das ist so ein brutales Hin und Her in der Birne", sagte er am BR-Mikrofon mit tränenerstickter Stimme. Fürs Erste musste er sich an übergeordnete Dinge klammern: zum Beispiel, dass am Solarer Berg die Zuschauer das erste Mal seit Corona wieder in voller Stärke zugelassen waren und den üblichen, Tour-de-France-würdigen Lärm entfachten. Vielleicht, sagte Frodeno, sei das ja ein Zeichen, "dass wir die schwierigste Phase der Pandemie hinter uns haben".

Das restliche Skript schrieben am Sonntag die anderen, vor allem Magnus Ditlev: ein 24-jähriger Däne, der auf seiner zweiten Langdistanz so kalkuliert auftrat, dass er zehn Jahre älter wirkte. Fast packte er sogar Frodenos Streckenrekord, in 7:35:48 - eine Fabelzeit, auch wenn man bedachte, dass die Athleten am Sonntag ohne stromlinienförmige Neoprenanzügen schwammen, wegen der warmen Temperaturen. Patrick Lange, der zweimalige Hawaii-Sieger, musste sich mit 7:44:52 und Platz zwei trösten, vier Monate nach einem Sturz und einer Schulteroperation.

Dass es doch für einen deutschen Sieg reichte, stellte Anne Haug sicher (8:22:42), trotz schwächerer Schwimmleistung und nachdem sie beim Radfahren von einer Biene gestochen war. ("Ich habe mir dauernd eingeredet, dass ich nicht allergisch bin. Das hat geholfen.") Haug war zuletzt schon Dritte in Utah geworden; auf Kona, wo sie 2019 triumphierte, steht ihr der Stresstest des Jahres aber wohl erst bevor: mit Landsfrau Laura Philipp, die in Hamburg zuletzt in 8:18:20 Stunden gewann.

Triathlon mit Jan Frodeno: Auf Siegkurs: Anne Haug vor den Zuschauern in Roth, die in diesem Jahr wieder ohne Beschränkungen zugelassen waren.

Auf Siegkurs: Anne Haug vor den Zuschauern in Roth, die in diesem Jahr wieder ohne Beschränkungen zugelassen waren.

(Foto: Oliver Gold/Sportfoto Zink/Imago)

Und Frodeno? Es wird eng mit dem Unterfangen, auf Hawaii mit den Jungen mitzustänkern, zumindest im kommenden Oktober. Und vor allem mit Kristian Blummenfelt, der die Hauptpreise so routiniert abräumt, dass es selbst rekordgewohnten Beobachtern die Sprache verschlägt: Tokio-Olympiasieg, WM in Utah, Weltbestzeit (7:21:12), zuletzt ein Langdistanz-Projekt mit Tempomachern in unwirklichen 6:44:25 Stunden. Große Klappe, viel dahinter, so tickt der Norweger - ein Wesenszug, den Frodeno mag, auch wenn dieser davon gerade weit entfernt ist. Er werde am Montag erst mal beim Orthopäden vorstellig, sagte er, "gucken, dass es langfristig was wird". Ehe er anfügte, kämpferischer: "Ich bin im Herbst meiner Karriere, aber definitiv noch nicht im Winter."

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