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Fritz Dopfer:Sicher auf dem Ski

Der 32-Jährige holte einst WM-Silber und bestach als stilles Vorbild. Dem deutschen Wintersport wird er fehlen.

Von Johannes Knuth

Seinem Karriereende näherte sich der Skirennfahrer Fritz Dopfer so, wie er seinen Sport immer bestritten hatte: Schritt für Schritt. Weil er bei aller Emotionalität, wie er heute sagt, "auch das Rationale nicht außer Acht lassen" wollte. Der Prozess begann im vergangenen Dezember; nach und nach wog Dopfer das Für und Wider ab. Er sah seine guten Trainingsläufe, Platz 21 im Slalom in Val d'Isère, ein kleiner Mutspender. Dann wieder: Rückenschmerzen, die im Februar so schlimm wurden, dass er sich vom Rennbetrieb abmeldete. Kurz darauf nahm der 32-Jährige ein Blatt Papier, dann schrieb er jenes Wort darauf, das er seit Längerem mit sich herumtrug: "Karriereende". Das, sagt Dopfer, habe sich nach Wochen der Zweifel und Schmerzen "wirklich gut" angefühlt.

Ende März endet traditionell die Saison der alpinen Skiprofis und mit ihr auch manches Sportlerleben. Der Schweizer Didier Cuche rutschte zu seinem Ausstand einst mit einem Paar Holzski die Piste herunter, Julia Mancuso im Kostüm der Comicfigur Wonderwoman. Andere verabschieden sich lieber mit einer seriösen Fahrt, fast alle werden von den Kollegen im Ziel mit Sekt geduscht. Aber in diesen Tagen gehorcht nicht viel der Tradition, die Saison endete wegen der Corona-Seuche schon Anfang März. So fielen auch die Abschiede recht schmucklos aus, von Tina Weirather aus Liechtenstein, von der Norwegerin Nina Haver-Löseth, den Deutschen Christina Ackermann und Dominik Stehle. Und von Fritz Dopfer eben, um den es zuletzt still geworden war, der im Deutschen Skiverband (DSV) aber eine große Lücke hinterlässt.

Dopfer war jahrelang der Co-Kapitän der deutschen Techniker, neben Felix Neureuther, der mit seinen Erfolgen und seinem Charisma viele(s) überstrahlte. Dopfer wurde im österreichischen Verband groß, die Mutter stammt aus Österreich, 2007 wechselte er zum DSV. Es dauerte, bis aus einem guten Skifahrer ein Rennfahrer wurde; er benötigte allein 26 Anläufe, bis er sich im Weltcup erstmals für den zweiten Lauf qualifizierte. "Aber ich werde ihm nie böse sein", hat der ehemalige DSV-Cheftrainer Mathias Berthold einmal gesagt, "weil du bei ihm davon ausgehen kannst, dass er immer sein Bestes gibt."

Audi FIS Alpine Ski World Cup - Men's Slalom

Schritt für Schritt zum Erfolg: Fritz Dopfer, hier 2015 bei seinem zweiten Platz im Weltcup-Slalom von Adelboden.

(Foto: Alain Grosclaude/Getty Images)

Am Ende war es ja so: Wenn andere acht Trainingsläufe fuhren, fuhr Dopfer zehn. Und wenn die Trainer sagten, Dopfer möge das neunte Tor bitteschön zehn Zentimeter höher anfahren, fuhr er es zehn Zentimeter höher an, nicht neun, nicht elf. "Wenn du dir gedacht hast, jetzt reicht es aber nach der zehnten Trainingsfahrt, dann hat er noch eine gemacht", sagt Linus Straßer, der gerade das Kapitänsamt bei den Slalomfahrern übernimmt: "Und dann bist du den einen Schritt mehr auch noch gegangen." Dieser Fleiß inspirierte auch Stefan Luitz und Felix Neureuther, der Dopfer zuletzt entsprechend würdigte: "Einer der größten Kämpfer und respektierten Athleten, die ich je getroffen habe."

Dopfer hat im Gespräch einmal betont, dass er diese Einstellung von den Eltern habe; als er klein war, setzten sie sich im Einzelhandel durch. Am Ende leiteten sie im Allgäu drei Geschäfte für Fitnesskleidung. Auch das ging nicht über Nacht.

Später zeigte er, dass das schon auch geht: Weltspitze werden, Schritt für Schritt. 2014 wurde er Vierter im Olympia-Slalom, fünf Hundertstelsekunden hinter Henrik Kristoffersen. Als es im Januar 2015 in Adelboden so aussah, als würde er endlich seinen ersten Weltcup gewinnen, riskierte er auf den letzten Metern zu wenig - Platz zwei, zwei mickrige Hundertstelsekunden fehlten. Einen Monat später, bei der Weltmeisterschaft in Vail, gelang ihm dann sein Meisterstück; Dopfers Rücken schmerzte, er lag nach dem ersten Slalom-Durchgang auf Rang sechs, aber diesmal zog er nicht zurück. WM-Silber! Nebenbei verewigte er sich in einer durchaus exklusiven Ahnengalerie (siehe Infokasten).

Dopfer ist einer, der sich viele Gedanken macht; das hat ihn manchmal gebremst, weil man im rasenden Slalom seinem Instinkt die Kontrolle überlassen sollte. Aber es half auch, zum Beispiel nach dem Schien- und Wadenbeinbruch, den Dopfer 2016 im Training erlitt. "29 Jahre habe ich gedacht: Mir passiert nie was, ich stehe so sicher auf dem Ski", sagte er damals. Die Zeit danach, gab er später zu, "hat mich schon verändert. Dass ich etwas geduldiger geworden bin, ruhiger und dankbarer". Der Weltcup, die Olympischen Winterspiele 2018, das alles war jetzt nicht mehr ein Job, sondern eine Freude. Skiverband und Ausrüster unterstützen ihn dabei bis zuletzt, betont er, aber irgendwas schmerzte zuletzt immer, Patellasehne, Adduktoren, Rücken. "Ich habe im letzten Jahrzehnt meist diesen gewissen Extra-Meter im Training gehen müssen, damit ich konkurrenzfähig bin", sagt Dopfer. Sein größtes Werkzeug war am Ende stumpf.

Deutsche WM-Medaillengewinner seit 1978

Abfahrt: Michael Veith (2./1978), Hansjörg Tauscher (1./1989), Florian Eckert (3./2001).

Super-G: Markus Wasmeier (3./1987).

Riesenslalom: Markus Wasmeier (1./1985).

Slalom: Frank Wörndl (1./1987), Armin Bittner (3./1987, 2./1989), Felix Neureuther (2./2013, 3./2015, 3./2017), Fritz Dopfer (2./2015).

Kombination: Sepp Ferstl sr. (2./1978).

Unvollendeter, dieses Etikett baumelte oft an Dopfers Namen. Wer knapp am ganz großen Erfolg vorbeischlittert, den vergisst das deutsche Sportpublikum schnell. Manchmal, sagt Dopfer, nach seinem zweiten Platz in Adelboden etwa, habe er insgeheim schon gedacht: "Da hast du Platz eins verloren." Aber solche Sorgen erscheinen ihm heute lächerlich klein. Dopfer hat seit der Jugend 570 Rennen bestritten, "knapp 3150 Weltcup-Punkte" gesammelt, er hat das zuletzt akribisch nachgerechnet, klar: "Da kann ich wirklich sagen, dass ich viel, viel mehr erreicht habe, als ich mir als Bua auch nur erhofft habe." Seine Karriere betrachte er heute als "Reise, als persönliche Weiterentwicklung"; das Wort Dankbarkeit wisse er nun "umso mehr zu schätzen". Klingt so ein Unvollendeter?

Dopfer hat während seiner Karriere auch zwei Studienabschlüsse erlangt, BWL im Bachelor, Immobilienmanagement im Master; er will aber dem Sport treu bleiben. Dem Vernehmen nach gibt es nicht wenige, die ihn sich bestens im Management des Garmischer Ski-Weltcups vorstellen können. Dopfer bestreitet das nicht, aber noch es sei zu früh, "da konkrete Sachen zu definieren", sagt er. Er müsse sich jetzt erst mal in vielen Dingen fortbilden. Schritt für Schritt eben.

© SZ vom 31.03.2020

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